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Es herrscht wieder Narrenfreiheit – doch wo liegt die Gürtellinie?

Mit Austeilen und Einstecken ist es an der Fasnacht besonders schwierig: Schnitzelbänkler, Fasnachtszeitungen und Wagenbauer fahren richtig schweres Geschütz auf – und reizen damit die Grenzen des guten Geschmacks aus.

Gab zu reden: Der Umzugswagen der Langenthaler Füürtüfle am Fasnachtsumzug 2009.
Gab zu reden: Der Umzugswagen der Langenthaler Füürtüfle am Fasnachtsumzug 2009.
zvg

Ob am Stammtisch, im Familienkreis oder auf der Gasse: Schon manch einer zerriss sich über die Neubauten von Stephan Anliker den Mund. Die modernen Erzeugnisse aus der Schmiede des Langenthaler Architekturbüros prägen das Stadtbild mittlerweile massgeblich.

Und sie geben fortwährend Anlass zu Kommentaren darüber, ob die Bauweise nun dem Ortscharakter entspreche oder nicht. Ein klares Statement diesbezüglich gab vor acht Jahren die Langenthaler Wagenbauclique Füürtüfle ab. Auf ihrem Umzugswagen prangte an der Fasnacht 2009 die Frage «Geit mit em Anliker näbe jedem Bou, jitz ou dr SCL zur Sou?».

Sicherlich konnten sich damals zahlreiche Umzugsbesucher ein Lachen nicht verkneifen ob dieser gepfefferten Aussage. Ebenso wahrscheinlich ist aber auch, dass die provokante Frage gewissen Personen in den falschen Hals geriet.

Eine Gratwanderung

Die Anekdote macht deutlich, auf welche Gratwanderung Schnitzelbänkler, Wagenbauer und Redaktoren von Fasnachtszeitungen sich regelmässig zur fünften Jahreszeit begeben. Sie sehen sich mit dem alten Gürtellinienproblem konfrontiert: Für einige ist die Linie auf der Höhe der Schuhbändel, für andere liegt sie höher als ein Stirnband.

«Das Anliker-Thema lag definitiv hart an der Grenze», sagt Michael Kurt, Cliquenchef der Füürtüfle, im Rückblick. Damals sei gruppenintern sogar gemutmasst worden, die Verspottung könne eine Anzeige zur Folge haben. «Es war heikel, weil wir auf die Person gezielt haben», räumt Kurt ein. Ihr damaliges Wagen­sujet hatte für die Füürtüfle keine Folgen. Und auch in den letzten Jahren habe sich nie jemand wegen des Mottos direkt bei ihnen beklagt, sagt der Cliquenchef.

Wenn Michael Kurt schildert, wie bei der Wagenbaugruppe intern ein Fasnachtsthema auserkoren wird, wird klar: Die Füürtüfle fällen ihre Entscheide nicht kopflos. «Wir sammeln Vorschläge, die an der Hauptversammlung beraten werden. Dabei kommt es vor, dass wegen eines bestimmten Mottovorschlags eine regelrechte Diskussion losgetreten wird.»

Von einigen Themen lasse man eindeutig die Finger: «Sexismus oder Ausländerfeindlichkeit gehen grundsätzlich gar nicht», so Kurt. Der Cliquenchef macht aber auch klar: Unnötigerweise kuschen will die Wagenbautruppe nicht. «Ein Thema darf pro­vozieren und zum Nachdenken anregen. Es soll womöglich auch jene Leute auf die Palme bringen, die sich etwas haben zuschulden kommen lassen oder die es un­terlassen haben, etwas zu unternehmen.»

Richtlinien existieren nicht

Die Grenzen des Humors aus­reizen will Jahr für Jahr auch Langenthals Fasnachtszeitung «Päng». Man geht relativ weit. Denn schliesslich solle der «Päng» unterhaltsam sein, lässt das Redaktionsteam verlauten, dem auch der Verfasser dieses Artikels angehört. Richtlinien oder Redaktionsstatuten, in denen festgehalten worden wäre, was geht und was nicht, existieren nicht. Man gehe «mit einem gesunden Respekt» an die Themen heran – was dies auch immer heissen möge, so das Team.

«Mit einem gesunden Respekt an die Themen herangehen.»

Die Maxime beim «Päng»

In seiner knapp 40-jährigen Geschichte blieb der «Päng» nicht immer von unliebsamen Reaktionen verschont. Persönliche Entschuldigungen wegen «kleiner Sachen» seien manchmal nötig gewesen, heisst es. Das meiste sei aber bilateral gelöst worden.

In einem Fall jedoch, es war Anfang der 90er-Jahre, sah sich die «Päng»-Redaktion mit einem gröberen Problem konfrontiert: Ihr wurde eine superprovisorische Verfügung angedroht. Die Schreiberlinge mussten, um die Herausgabe der Fasnachtszeitung nicht zu gefährden, in einer Gesamtauflage von weit über 3000 Stück eine Textstelle einschwärzen – von Hand notabene.

Als Opponent trat Beat Sterchi auf. Langenthals damaligem Gemeindeschreiber war sauer aufgestossen, dass der «Päng» seine Bewerbung als Stadtschreiber in Thun etwas zu sehr mit dem ­dortigen Brauch des Fulehung in Verbindung gebracht hatte.

Schlimme Unfälle? Ein No-go

Wo die Grenzen der Narrenfreiheit liegen, ist auch beim «Gaggalari», der Fasnachtszeitung von Herzogenbuchsee, nicht schriftlich festgehalten. Ein Statut oder dergleichen gebe es nicht, hält Redaktionsmitglied Marcel Hammel fest.

«Unser Schaffen wird als Satire betrachtet, erlaubt ist eigentlich fast alles.» Es gebe jedoch auch beim ‹Gaggalari› Themen, die als absolutes No-go gälten – schlimme Unfälle oder Todesfälle beispielsweise.

Solche Begebenheiten kommen der Schnitzelbankgruppe Fatal Roial aus Langenthal erst recht nicht in die Tüte. «Dinge, die ans Lebendige gehen, greifen wir prinzipiell nicht auf», sagt Gaby Kinsbergen. Der Krieg in Syrien etwa sei für sie grundsätzlich ein Tabuthema, lässt die vierköpfige Frauenclique einhellig wissen.

«Dinge, die ans Lebendige gehen, greifen wir prinzipiell nicht auf.»

Gaby Kinsbergen, Sängerin Fatal Roial

Zuweilen bewege man sich als Schnitzelbank aber auch im Graubereich. «Es gibt schwierige Themen wie das Gehabe von US-Präsident Donald Trump oder die Flüchtlingsthematik. In solchen Fällen kommts darauf an, wie man es verpackt», sagt Trix Gerber.

Die Gefühlslage als Messlatte

Die Gruppe Fatal Roial hat sich seit der Gründung 2005 einen Namen gemacht als subtile Schnitzelbank mit Versen, die dem Zuhörer etwas abverlangen. «Bei uns muss das Publikum genau hinhören», bestätigt Gerber. Bei Fatal Roial wird ein heikles Thema oder der Name eines Pappenheimers lieber umschrieben, als dass man direkt mit der Tür ins Haus fällt.

Diese feinfühlige Art, jemanden oder etwas auf die Schippe zu nehmen, kommt vielleicht nicht überall gleich gut an. Damit können die vier Frauen aber ziemlich gut leben. Ihnen ist wichtiger, dass das persönliche Gefühl stimmt, wenn sie ihre Verse vortragen: Fühlt es sich richtig oder falsch an?

Bei der Beurteilung können einzelne Worte durchaus eine bedeutende Rolle spielen. Auf vulgäre oder primitive Ausdrücke wird aus Prinzip verzichtet. Und auch Fluchworte finden kaum Eingang in die Schnitzelbankverse.

Die Sängerinnen von Fatal ­Roial glauben indes nicht, dass ihre subtile Herangehensweise etwas mit dem Geschlecht zu tun hat. «Bei einem Schnitzelbanktreffen haben wir einmal eine Frauengruppe erlebt, die war nicht nur ruppig, sondern richtig derb», sagt Gaby Kinsbergen.

Ob Mann oder Frau – das spiele ­hinsichtlich des Niveaus der Schnitzelbank wohl eine weniger grosse Rolle als vielmehr der ­persönliche Hintergrund der Darbietenden.

Eine interne Ethikkommission

Ob diese Aussage auch auf das Echo der Zeit, die Schnitzelbankgruppe aus Niederbipp, zutrifft? Möglich wärs: Der Formation, die an der Langenthaler Fasnacht als eine der besten gehandelt wird, gehören mehrere Lehrer an. Laut Mitglied Res Ingold fungieren diese als cliqueninterne Ethikkommission.

Verse werden vor der Veröffentlichung kritisch beäugt, und es wird – wo die Gürtellinie unterschritten wird – der Rotstift angesetzt. Auf diese Weise scheint das Echo der Zeit gefeit davor, die Grenzen des guten ­Geschmacks zu übertreten. Wobei Ingold, der grösstenteils fürs Dichten zuständig ist, schon der Meinung ist, man müsse es ein bisschen ausreizen.

Das tun die Niederbipper, indem sie ein auf Langenthal bezogenes Programm kreieren. Sie bringen die Aussensicht rein und halten den Städtern den Spiegel vor. «Deshalb können wir als Auswärtige vielleicht auch etwas mehr wagen als andere», vermutet Res Ingold.

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