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Fasnacht, oder: Die lange Nacht der Rettungssanitäter

Während die einen feiern, arbeiten andere. Etwa die Rettungssanitäter Gisela Vitelli und Patrik Hofer, die mit dem Krankenwagen im Einsatz stehen. Protokoll einer langen Nacht.

Vermeintlich verarztet: Die Rettungssanitäter Patrick Hofer und Gisela Vitelli legen für den Fotografen Hand an Fasnächtler Nicola Baumann – mangels eines echten Notfalls.
Vermeintlich verarztet: Die Rettungssanitäter Patrick Hofer und Gisela Vitelli legen für den Fotografen Hand an Fasnächtler Nicola Baumann – mangels eines echten Notfalls.
Marcel Bieri

21 Uhr am Samstagabend. Noch ist alles ruhig im Büro des Rettungsdienstes der SRO AG in Langenthal. Aber schliesslich hat die Fasnacht erst begonnen. «Kommen Sie um 4 Uhr morgens nochmals, dann sieht es vielleicht anders aus», rät Gisela Vitelli der Autorin. Die gelernte Pflegefachfrau und heutige Rettungssanitäterin hat zusammen mit Patrik Hofer Dienst.

Die beiden werden mit der Ambulanz ausrücken, wann immer sie gerufen werden. «Das muss an der Fasnacht nicht unbedingt häufiger sein als normalerweise», sagt Transportsanitäter Hofer. Sie seien nicht im Ausnahmezustand. Das Einzige, das diese Nacht anders sei, ist das zusätzliche Rettungsteam, das zur Verstärkung bereitsteht.

Das hört sich unspektakulär an. Doch da sie schon einmal hier ist, bekommt die Autorin eine gelb-blaue Regenjacke mit Aufschrift «Praktikant» und einen Einblick in das enge Innenleben eines Krankenwagens.

22 Uhr. Das Team wird erstmals aufgeboten. An der Langenthaler Fasnacht gehe es einer Person schlecht. Viel Alkohol, vielleicht in Kombination mit Heroin. Niemand weiss Genaueres. Jetzt geht es schnell. Jacke fassen, zum Auto, Blaulicht und Sirene an, und auf gehts. Nach kurzer, aber zackiger Fahrt erreichen die Rettungssanitäter samt Praktikantin das fasnächtliche Treiben.

Montag, 06.03.2017: Die Pinguine vom Kindergarten Talstrasse 2 in Langenthal mit ihren regentauglichen Kostümen.
Montag, 06.03.2017: Die Pinguine vom Kindergarten Talstrasse 2 in Langenthal mit ihren regentauglichen Kostümen.
Thomas Peter
Die Astronauten vom Kindergarten Talstrasse zogen eine Rakete durch Langenthals Strassen.
Die Astronauten vom Kindergarten Talstrasse zogen eine Rakete durch Langenthals Strassen.
Thomas Peter
Ebenso Spätsünder.
Ebenso Spätsünder.
Marcel Bieri
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Sonderbar, dieser Wechsel. Vom klinisch sauberen, sterilen Krankenhaus gelangt man innert Minuten in die laute, dreckige Strasse, in der sich das Partyvolk tummelt. Eine völlig andere Welt. Bei der Patientin angekommen, rückt der fröhliche Tumult sofort in den Hintergrund. Hatten Vitelli und Hofer vorher im Auto noch Witze gemacht und gelacht, knien sie und der sie begleitende Rettungssanitäter mit Anästhesieausbildung Roland Schmutz nun hoch konzentriert neben die Patientin.

Sie ist zwar bei Bewusstsein, hat aber Mühe, sich aufzusetzen. Sie ist sichtlich betrunken und beleidigt die Rettungssanitäter in einer Tour. Die bleiben ganz cool, reden der Patientin gut zu und fragen sie alles Mögliche. Nach einer Viertelstunde und viel gutem Zureden fährt das Team wieder ab. Ohne Patientin hinten im Auto. «Wir können sie nicht dazu zwingen, mitzukommen», erklärt Patrik Hofer. «Es ging ihr den Umständen entsprechend gut, also können wir das verant­worten.»

Wir können die Patientin nicht dazu zwingen, mitzukommen.

Patrick Hofer, Transportsanitäter

Mitternacht. Gisela Vitelli und Patrik Hofer bringen eine Patientin vom Spital zurück in die psychiatrische Klinik in St. Urban. Solche Verlegungen sind Tagesbusiness und haben selbstverständlich auch am Fasnachtswochenende Platz. Zurück bei der Notaufnahme reicht es gerade dazu, den Wagen zu wenden und an den nächsten Einsatz zu fahren.

Wieder steht der im Zusammenhang mit der Fasnacht. Vor der UBS liege jemand am Boden. So lautet die Information, die Vitelli und Hofer auf ihrem iPad in der Ambulanz ablesen. Die Daten kommen aus der Einsatzzentrale in Solothurn, die unter anderem die Notrufe aus dem Gebiet Oberaargau bearbeitet. Der Disponent teilt dann die Einsatzteams zu, die über einen Piepser am Gurt alarmiert werden.

1 Uhr. Vor Ort angekommen, laden die Rettungssanitäter den Notfallrucksack aus und wollen sich auf den Weg zum Patienten machen, als das Handy klingelt. Der Typ habe sich davongemacht, heisst es. Also Fehlalarm.

Zurück zum Krankenhaus. Das sei ein typischer Fasnachtsvorfall gewesen, meint Gisela Vitelli: «Jemand sieht nicht gut aus. Ein anderer ruft uns an. Und dann stellt sich heraus, dass einmal kräftig rütteln bereits geholfen hätte.» Im Handyzeitalter sei die Ambulanz schnell gerufen, so Vitelli. Trotzdem: «Lieber einmal zu viel als einmal zu wenig den Notruf wählen», betont sie.

Jemand sieht nicht gut aus. Ein anderer ruft uns an. Und dann stellt sich heraus, dass einmal kräftig rütteln bereits geholfen hätte.

Gisela Vitelli, Rettungssanitäterin

Langsam wird die «Praktikantin» müde. Das Warten zwischen den Einsätzen zermürbt. Um 1.30 Uhr gibt sie auf, wünscht eine gute Nacht und hofft, dass die beiden nicht mehr allzu oft ausrücken müssen.

Die Zahlen, die Thomas Giger, stellvertretender Ressortleiter Rettungsdienst, am Sonntagmorgen nennt, zeugen von einer eher ruhigen Nacht. Insgesamt fuhr die Ambulanz in der Nacht von Samstag auf Sonntag viermal im Zusammenhang mit der Fasnacht.

Das sind weniger als etwa 2016 (zehn Einsätze). Insgesamt wurden Gisela Vitelli, Patrik Hofer und die anderen Einsatzteams zwölfmal gerufen. Da hat die «Praktikantin» doch einiges verschlafen.

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