«Ich bin ein guter Mensch»

Bleienbach

Vor dem Regionalgericht hat am Montag der Prozess gegen einen Mann begonnen, der vor zwei Jahren am Überfall auf das Rössli beteiligt gewesen sein soll.

Johannes Hofstetter

Mitternacht war vorbei, als mehrere Männer am 13. April 2016 einen Saunaclub in Grenchen ­betraten. Die diensthabenden Damen konnten nicht ahnen, dass ihre Kunden direkt von einem Überfall auf das Restaurant Rössli in Bleienbach kamen. Ausgeheckt hatten die Osteuropäer den Coup in einem Langenthaler Albanerclub. Ein erster Versuch scheiterte, weil der Wirt sich geweigert hatte, drei um Wasser bittenden Fremden die Türe zu öffnen. Daraufhin kehrten die Ganoven nach Langenthal zurück.

Zwei Stunden später drang ein vom Bandenchef teilweise umbesetztes Überfallkommando durch ein aufgewuchtetes Fenster ins Rössli ein. Die Männer fesselten den Hausherrn und bedrohten ihn mit einem Schraubenzieher, bis er ihnen den Tresorschlüssel aushändigte. Dem Safe entnahmen die Männer darauf 12 000 Franken, Steine und Münzen. Mit geklauten Autos chauffierten Komplizen sie über die Kantonsgrenze ins Puff.

Mehrere Delikte liegen vor

Drei Täter verurteilte das Regionalgericht Emmental-Oberaargau vor einem Jahr (siehe Kasten). Nun sitzt einer ihrer mutmasslichen Kollegen vor diesem Gremium. Die Anklagebehörde wirft dem 39-Jährigen bandenmässigen Raub, Diebstahl, Betrug, Urkundenfälschung und ­geringfügigere Delikte vor. Weiter ist die Staatsanwaltschaft – auch aufgrund von DNA-Spuren – davon überzeugt, dass auf sein Konto ein vollendeter und ein versuchter Ladendiebstahl gehen. Darüber hinaus soll er auch eine Krankenversicherung um 30 000 Franken betrogen haben.

Der Angeklagte habe auf den Dateien «einen unverwechselbaren akustischen Fingerabdruck hinter­lassen.»Spezialisierter Übersetzer

Die Anklägerin stützt sich bei ihrer Beweisführung nicht zuletzt auf Gespräche, welche der Beschuldigte mit Komplizen führte und die die Polizei mitschnitt. Der Pflichtverteidiger bezweifelt, dass auf den Bändern sein Mandant zu hören ist. Ein auf Balkandialekte spezialisierter Übersetzer gab dem Gericht zu verstehen, der Angeklagte habe auf den Dateien «einen unverwechselbaren akustischen Fingerabdruck» hinterlassen.

Der Beschuldigte wies praktisch jede Schuld von sich. Dass er einen Pass fälschte, um eine Krankenversicherung abschliessen zu können, räumte der krebskranke Mann aber ein.

«Ich habe nichts getan»

«Ich bin ein guter Mensch», versicherte er. «Ich habe nichts getan.» Das würden jene Männer bestätigen, die an dem Überfall mit von der Partie waren. Gerichtspräsidentin Nicole Fankhauser verlas daraufhin Ausschnitte aus Einvernahmeprotokollen von Tätern, welche das Gegenteil belegen. Ein verurteilter und als Zeuge aufgebotener Rössli-Räuber verweigerte die Aussage gestern weit­gehend. Nicht aus Angst vor Repressalien, wie er behauptete, sondern, «weil ich nur noch nach vorne schaue».

Was dieses «Vorne» betrifft, scheint der Mann dennoch gewisse Sicherheitsbedenken zu haben. In einer Verhandlungspause bemerkte die Dolmetscherin, der Zeuge aus Kosovo habe dem Gericht – und damit auch dem albanischen Beschuldigten – mehrfach in dessen Muttersprache mitgeteilt, dass er zum Thema Rössli nichts sagen werde.

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