«Jammern bringt nichts»

Die grafische Industrie leidet. Der Markt bricht ein, viele Betriebe schliessen. Trotzdem gibt es auch im Oberaargau einzelne Druckereien, die dieser Krise trotzen.

Gute Aussichten: Geschäftsführer Thomas Schärer (links) und CEO Peter Berner von Merkur Druck haben zum richtigen Zeitpunkt investiert.

Gute Aussichten: Geschäftsführer Thomas Schärer (links) und CEO Peter Berner von Merkur Druck haben zum richtigen Zeitpunkt investiert.

(Bild: Marcel Bieri)

Julian Perrenoud@JulianPerrenoud

Wer lässt heute noch Flyer, Auszüge oder Geschäftsberichte drucken? Immer weniger, denn vieles kommt mittlerweile digital daher. Papier ist auf dem Rückzug, was zwar gut für die Umwelt ist, aber umso verheerender für die Schweizer Druckereibranche.

Seit einer Dekade steckt die grafische Industrie in der Krise. Letztes Jahr brach die Nachfrage um fast 20 Prozent ein, und im ersten Halbjahr 2017 ging das Wachstum um 4,1 Prozent zurück.

Der Branchenverband Viscom malt ein düsteres Bild vom Zustand der Druckereilandschaft. Zum Strukturwandel verbunden mit sich veränderndem Konsumentenverhalten komme starker Preisdruck hinzu. Kürzlich wurde bekannt, dass die SBB, die Migros und sogar der Bund Teile ihrer Publikationen mittlerweile im Ausland drucken lassen.

Bedeutet dies das Ende der hiesigen Druckereibranche? Nicht unbedingt, denn es gibt nach wie Betriebe, die profitabel wirtschaften können. Ein Augenschein im Oberaargau.

Investitionen zahlen sich aus

Es ist dieser Optimismus, der an der Gaswerkstrasse 56 sofort auffällt. Der Merkur-Druck-Gruppe geht es heute gut. Das Unternehmen erhöhte 2016 die Verkaufszahlen gegenüber dem Vorjahr um 6,6 Prozent, das Jahresergebnis fällt ähnlich gut aus. In diesem Juni weihte die Merkur Druck AG am Produktionsstandort in Langenthal die europaweit erste Zehnfarbendruckmaschine mit LED-UV-Technologie ein.

Peter Berner, CEO und Mitinhaber, ­sowie Geschäftsführer Thomas Schärer sind überzeugt: «Wir stehen heute besser da als vor zehn Jahren.» Damals nämlich hatte die Firma ihre «totale Vorwärtsstrategie» definiert. Berner sagt: «Anstatt die Ellenbogen einzufahren, haben wir Gas gegeben.»

«Wir stehen heute besser da als vor zehn Jahren.»Peter Berner

Die Investitionen in neue Standorte und Technologien seien ­natürlich auch mit Risiken verbunden gewesen. Doch diese scheinen sich auszuzahlen: In den letzten zehn Jahren konnte das Langenthaler Unternehmen seinen Umsatz verdoppeln.

Der Kuchen wird kleiner

Auffällig ist auch, dass Merkur Druck in der Branche gegen den Strom schwimmt. Während andere Firmen ihre Werke zentralisierten, expandierten die Langenthaler. Lokal bei den Kunden sein, so lautet das Motto. Nebst Langenthal hat die Firma in Burgdorf, Lyss, Villmergen, im Berner oberländischen Unterseen und neu auch in Zürich Standorte eröffnet.

«Ohne diesen lokalen Bezug hätten wir viele Kunden gar nicht mehr», sagt Schärer. Berner fügt an, dass der Strukturwandel brutal sei. «Aber Jammern bringt nichts.» Der Kuchen werde zwar kleiner, daraus würden sich aber immer auch Chancen ergeben.

Stellenmarkt schrumpft stark

In der Schweiz wird in den nächsten fünf bis zehn Jahren der Konzentrationsprozess bei Druckereien weitergehen, sagt Thomas Gsponer, Direktor des Branchenverbandes Viscom. «Wir befürchten, dass die Hälfte aller Betriebe verschwinden wird.» Der starke Rückgang hänge auch damit zusammen, dass heute fast 40 Prozent der verbleibenden 800 Unternehmen sogenannte Mikrobetriebe mit weniger als drei Angestellten seien.

Diese Zahlen sind besorgniserregend, zeigen aber den langfristigen Trend: In den letzten fünfzehn Jahren hat die Branche 1000 Unternehmen verloren und damit auch 10'000 Arbeitsplätze.

«Wir befürchten, dass die Hälfte aller Betriebe verschwinden wird.»Thomas Gsponer

Bei Betriebsbesichtigungen ist Gsponer zudem aufgefallen, dass dieses Jahr ganze Bestellungsvolumen fehlen. «Teilweise wird gar nicht mehr gedruckt. Dabei ist eine volle Auslastung überlebenswichtig.»

Zudem braucht es gute Konzepte, Flexibilität, gezielte Investitionen und Innovationen, mit denen sich Unternehmen auf dem Markt behaupten können. «Es hat nach wie vor Firmen, die profitabel sind», sagt Gsponer. Es gebe auch neue spezialisierte Nischenanbieter.

«Sind mit Betrieb zufrieden»

Bei der ABC-Druckerei AG in Wangen an der Aare sind laut Geschäftsführer Andreas Baumgartner Auftragsschwankungen in der Regel saisonal bedingt. Genaue Geschäftszahlen will er zwar nicht nennen. «Wir sind mit der Entwicklung unseres Betriebs aber zufrieden.»

Auf dem heutigen Markt sei ein gutes Konzept sowie neueste Technik das A und O. Vor fast zehn Jahren hat sich die ABC Druckerei AG mit der Druckerei Rothen in Solothurn zusammengeschlossen, diese Partnerschaft funktioniere.

Die Branche ist unter Druck: Seit zehn Jahren kämpft die grafische Industrie ums Überleben. Einigen gelingt dieses Ringen besser, etwa der Merkur-Druck-Gruppe in Langenthal, die heute gut ausgelastet ist. Bild: Marcel Bieri

Baumgartner macht aber kein Geheimnis daraus, dass die Branche leidet. «Besonders der Preiskampf ist ein Elend.» Einen Blick in die Zukunft wagen? Das macht Baumgartner fast jeden Tag. Wie diese aussehen könnte, weiss er jedoch nicht. «Neue Nischenprodukte sind sicherlich attraktiv, aber diese erst einmal zu finden, das ist schwierig.»

Alte Prozesse überdenken

Über zu wenig Arbeit kann sich Robert Schelbli in Herzogenbuchsee nicht beklagen. Doch auch bei der Druckerei Schelbli AG ziehen die Auswirkungen des anhaltenden Frankendrucks nicht spurlos vorbei. «Was un­serer Branche generell Bauchschmerzen bereitet, sind die tiefen Marktpreise – besonders im Auslandsvergleich.»

Letzten September hat die Druckerei Schelbli mit der Druckerei Glauser in Fraubrunnen eine vertiefte Kooperation im Offsetdruckbereich begonnen. Eine Massnahme, die sich als gute Lösung herausgestellt habe. «Die heutige Zeit ist schwierig», sagt Schelbli, «aber zugleich auch spannend.» Denn neue Zusammenarbeiten und Technologien hätten dazu geführt, alte Prozesse zu überdenken, zu vereinfachen und zu beschleunigen.

Zudem erlaube das Kräftebündeln Geschäftsfelder wie Grafik, Fotografie, Direct Marketing oder Digitaldruck zu vertiefen. Schelblis Blick in die Zukunft: Er ist trotz allem positiv.

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