Mit 82 Jahren endlich mehr Zeit für den Garten

Madiswil

In der Drogerie Wittwer in Madiswil zieht sich der Senior ganz aus dem Laden zurück. Er begann seine Geschäftstätigkeit im Linksmähderdorf unter besonderen Vorzeichen: Der Betrieb, den er übernehmen wollte, brannte ab.

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Jürg Rettenmund

Der Chef war Erwin Wittwer in der Drogerie am erweiterten Laubenplatz in Madiswil bereits seit 17 Jahren nicht mehr. Damals, 2000, erreichte er das Pensionsalter, und Sohn Jörg war gewillt, die Verantwortung zu übernehmen. «Ein Glücksfall», wie Erwin und Ursula Wittwer am schattigen Gartenplatz an der Plattenstrasse festhalten. Ein Glücksfall, den die drei sofort nutzten. Jörg konnte damit weit geregelter einsteigen als sein Vater 38 Jahre zuvor.

Begonnen hatte alles an der Plattenstrasse bei der Kirche. Viktor Steffen, der Onkel von Erwin Wittwer, hatte dort im Jahr 1936 in ein Bauernhaus mit kleinem Spezereiladen eine Drogerie eingebaut. Er war Landwirt und Kaufmann und erkannte eine Angebotslücke im Linksmähderdorf, nachdem ein Onkel von ihm bereits im Nachbardorf Kleindietwil eine Drogerie gebaut hatte. Er betrieb allerdings die Geschäftsstelle der Spar- und Leihkasse Madiswil und konnte daher seinen Zusatzberuf nicht auswärts lernen. «Deshalb stellte er einen Drogisten an, bei dem er im eigenen Laden die Lehre machen konnte», blickt Erwin Wittwer heute auf den besonderen Start der Madiswiler Dorfdrogerie ­zurück.

Einschneidender Brand

Noch viel spezieller war Wittwers eigener Einstand. Er war in Wynigen aufgewachsen, wo seine Eltern ebenfalls eine Drogerie betrieben. Auch er erlernte diesen Beruf. Weil sein Vater noch nicht an eine Geschäftsübergabe dachte und für die Nachfolge sein 11 Jahre jüngerer Bruder vorgesehen war, wollte er bei seinem Onkel in Madiswil einsteigen, der in seiner eigenen Familie keinen Nachfolger hatte. Auf 1. Dezember 1962 war sein Eintritt geplant, doch in der Nacht vom 30. Oktober auf den 1. November brannte das Bauernhaus ab.

Ursula Wittwer erledigt weiterhin an zwei Tagen pro Woche die Buchhaltung. Eine geschäftliche Verbindung zur Drogerie am Laubenplatz bleibt also bestehen.

Zwar konnte innerhalb weniger Tage ein Provisorium eröffnet werden, doch dann galt es einen Neubau zu planen. «Wir entschlossen uns, nicht bei der Kirche weiterzufahren, sondern am Laubenplatz», sagt Erwin Wittwer. Dorthin hatte sich nach dem Bau des neuen Schulhauses (heute Gemeindezentrum) um die vorletzte Jahrhundertwende auch das wirtschaftliche Dorfzentrum verlagert.

Zudem stand dort bedeutend mehr Platz für einen Neubau zur Verfügung. Mit 95 Quadratmetern war der neue Laden rund viermal grösser als der alte. Andere Veränderungen wurden im Verlauf der Zeit nötig. Die schönen alten Standflaschen, die noch den alten Laden von Onkel Viktor geprägt hatten, verschwanden nach und nach, zuerst aus dem Laden, wo sie verkaufsbereit verpackten Produkten Platz machten, dann aber auch aus dem Lager im Keller. Die Erwartungen der Kundschaft an die Hygiene, aber auch die gesetzlichen Vorschriften riefen auch hier zunehmend nach dem Einsatz von Originalgebinden.

Trennende Glaswand bis 1980

Stets sei es sein Ziel gewesen, den Kundinnen und Kunden seiner Drogerie bestmöglich zu dienen, nennt Erwin Wittwer seinen Geschäftsgrundsatz. Nicht immer aber war damit die Existenz einer Familie gesichert. Anfänglich bot er auch Lebensmittel an, was die Auftrennung der neuen grossen Ladenfläche durch eine Glaswand nötig machte, um den gesetzlichen Vorschriften gerecht zu werden. Erst als sie diese 1980 durch Reformprodukte ersetzten, konnte die Trennung aufgehoben werden. Seit 1967 wurde Erwin Wittwer durch seine Frau unterstützt.

Solange die Fotos schwarz-weiss waren, gehörte auch ein Fotolabor zur Drogerie, in dem Erwin Wittwer die Filme der Madiswilerinnen und Madiswiler entwickelte und die Bilder vergrösserte. Die Ausfälle wegen der Lebensmittel und des Labors kompensierten Erwin und Ursula Wittwer eine Zeit lang, indem sie Öl- und Lackfarben selbst mischten. Über 900 Farbtöne hätten sie im Angebot gehabt, blickt er zurück. All diese Anstrengungen belohnten die Madiswilerinnen und Madiswiler mit einer «einzigartigen Kundentreue», wie die beiden es anerkennend nennen.

Zwei Kinder im Geschäft

Das Detailhandelsangebot rund um die Drogerie mag sich auch in Madiswil ausgedünnt haben, die Drogerie Wittwer konnte vom steigenden Gesundheitsbewusstsein profitieren. Als ausgebildete Homöopathin ist inzwischen auch Tochter Stephanie im Familienbetrieb engagiert. Begann Erwin Wittwer mit einer Lehrtochter, so arbeiten heute acht Personen – zum Teil in Teilzeitpensen – im Betrieb.

Die Drogerie Wittwer konnte vom steigenden Gesundheitsbewusstsein profitieren

Mehr Zeit für die Rosen

Der Senior jedoch teilte seinem Sohn kürzlich mit, dass er ihn nicht mehr in die Arbeitspläne eintragen soll. Nun, mit 82 Jahren und damit 17 Jahre über dem eigentlichen Pensionsalter, will er sich ganz seinem grossen Garten widmen. Es ist gewissermassen eine vollständige Rückkehr an den Ort, wo er vor 55 Jahren hätte anfangen wollen, und wo sein Onkel nach dem Brand bloss wieder ein Wohnhaus errichtete, das Erwin und Ursula nun wieder als Alterssitz dient.

Erwin Wittwer freut sich darauf, mehr Zeit für seine lieben Rosen zu haben. Zur Hand geht ihm dabei seine Frau, die aber weiterhin an zwei Tagen die Buchhaltung erledigt. Eine geschäftliche Verbindung zur Drogerie am Laubenplatz bleibt also vorderhand bestehen.

Berner Zeitung

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