Nicht nur die Muse küsst, wenn Design zur Schau gestellt wird

Langenthal

Alltägliches verpackt in wundersame Installationen: Alle zwei Jahre sorgt der Designers’ Saturday quasi vor der Haustür für Überraschungen. Emotionen sind dabei garantiert.

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Patrick Jordi@jordipatrick

Zuerst knarzt Holz, dann flüstert eine Stimme: Stammen diese Geräusche von einer der futuristischen Figuren, die bei der Firma Ruckstuhl vermeintlich durch die Gänge schleichen? Nicht wirklich. Die Holzgestalten sind Teil einer Installation, derweil die akustischen Signale aus einem versteckten Lautsprecher schallen.

Solche Arrangements sind es, die bewirken, dass das Thema Design bei manch einem einen Tick zu extravagant rüberkommt. Dabei beinhalten diese Installationen meist jene Gegenstände, die unsereins im Alltag ganz selbstverständlich nutzt – einen Stuhl, einen Teppich, eine Fensterscheibe. Hergestellt werden solche Gebrauchsobjekte quasi vor unserer Haustür: in der Langenthaler Schreinerei Bösiger etwa.

Aber auch in den fünf beteiligten Unternehmen, die dem Designers’ Saturday während dreier Tage ein Zuhause bieten: die Firmen Glas Trösch, Ruckstuhl, Création Baumann, Girsberger und Hector Egger Holzbau. Sie gelten als eigentliche Designschmieden. In ihren Werkhallen werden – fernab von Glamour und ausufernden Werbekampagnen – weitherum bekannte, teils sogar weltweit gehandelte Produkte hergestellt. So betrachtet wird das Thema Design plötzlich sehr zugänglich.

Unbehagliches und Wohliges

In Scharen schlängeln sich die Besucher am Wochenende an den futuristischen Figuren vorbei. Die Installation gehört zur Firma Horgenglarus, nach eigenen Angaben die älteste Tisch- und Stuhlmanufaktur der Schweiz. Die bewegbaren Figuren bestehen aus Stuhl- und Tischteilen aus dem Bauteilarchiv der Firma.

Wer sich angesichts der hölzernen Riesen unbehaglich fühlt, dem wird andernorts abgeholfen: etwa bei der Firma Interface. Ihre Installation bei Glas Trösch in Bützberg widmet sich dem Wohlfühlen. Das Unternehmen stellt textile Bodenbeläge her – und nimmt dabei unter anderem Bezug auf die Natur.

Wer Teppiche vordergründig mit gleichmässigen Mustern in Verbindung bringt, wird hier eines Besseren belehrt: Die Unregelmässigkeiten der Natur werden im Bodenbelag aufgenommen – etwa das gesprenkelte Lila eines Blumenfeldes in schottischer Umgebung.

Für Wohlfühlatmosphäre sorgt auch die Installation der Firma Dietiker bei Girsberger. Hier hängen Stühle und Bänke in unterschiedlichen Ausführungen an langen Seilen von der Decke. Dadurch entstehen individuelle Schaukeln, die rege genutzt werden. Zum Verweilen, zum Schwatzen – und sogar für Liebesbekundungen. Angetan von der zur Schau gestellten Kreativität am Designers’ Saturday, küsst sich ein Paar – und vergisst dabei die Menschenmassen um sich ­herum.

Zwei Langenthaler Unternehmer beweisen, dass traditionelle Handwerkskunst sehr wohl etwas mit zeitgenössischem Design zu tun haben kann – egal, ob beim Herstellen eines Tisches oder einer Visitenkarte.

Ausgeflippte Kreationen, mondäne Herrschaften, abgehobene Diskussionen: Wer sich selten bis nie mit dem Thema Design konfrontiert sieht, rechnet am Designers’ Saturday vermutlich mit einer gehörigen Portion Extra­vaganz. Dabei steckt Design auch in ganz alltäglichen Dingen. Etwa in einem Tisch der Schreinerei Bösiger. Die Langenthaler Traditionsfirma bewegt sich mit ihren Sparten Innenarchitektur, Wohnausstellung und Schreinerei täglich im Spannungsfeld von Handwerk und Design.

«Heute ist beinahe alles Design, das Wort ist abgewetzt», resümiert Inhaber Markus Bösiger anlässlich eines Themengesprächs, das letzte Woche statt­gefunden hat – quasi als Auftakt zum Designers’-Saturday-Wochenende. Bösiger glaubt, tendenziell eine Rückbesinnung auf die Klassiker beobachten zu können. «Man muss das Rad nicht neu erfinden», sagt er. Mit anderen Worten: Ein Stuhl bleibt eben ein Stuhl – der Tisch ein Tisch.

Die Kombination machts aus

Aber: Der Stuhl oder der Tisch können in Szene gesetzt werden. Es gehe darum, im Spannungsfeld zwischen Handwerk und ­Design «etwas Einzigartiges zu kreieren», sagt Markus Bösiger. Das sei letztlich die eigentliche Kunst. «Damit für den Kunden ein Mehrwert entsteht, braucht es oft das Zusammenspiel.» Das kann ein selbst kreierter Tisch aus dem Hause Bösiger sein, kombiniert mit Stühlen aus dem Handel, die ein klassisches Design aufweisen.

Dass solche Kombinationen und Gesamtlösungen ihren Preis haben, liegt auf der Hand. Automatisch fragt man sich, wer heute überhaupt noch bereit ist, für gutes Material und ansprechendes Design tiefer in die Tasche zu greifen – gerade angesichts der Wegwerfgesellschaft und einer vorherrschenden «Geiz ist geil»-Mentalität.

Eines Besseren belehrt

«Für ein individuelles, auf sie zugeschnittenes Resultat sind gewisse Kunde heute nach wie vor bereit, mehr Geld auszugeben», weiss Markus Bösiger. Seine Schreinerei sei heute immer noch «im Manufakturbereich» tätig. Vor etwa zehn Jahren sei der Trend folgender gewesen: Die Produktion drosseln, den Handel fördern.

«Aber ich bin eines Besseren belehrt worden. Heute bin ich sehr froh um die Produktion, ich möchte die Schreinerei nicht missen.» Handwerk versteht der Unternehmer nicht als Gegenpol zu zeitgenössischem Design, sondern vielmehr als dessen starke Basis. Das Handwerk mit seinen Qualitäten habe Zukunft.

Den Buchdruck reanimiert

Davon fest überzeugt ist auch André Michel, ebenfalls involviert in das Themengespräch, das auf dem Ruckstuhl-Areal in der Färbi seinen Lauf nimmt. Michel ist Mitinhaber des Digital-Druckcenters Langenthal (DDC) – eine Firma, die man auf den ersten Blick überhaupt nicht mit ursprünglichem und überliefertem Handwerk in Verbindung bringen würde.

So grundlegend sich die Drucktechnologien auch verändert haben mögen: André Michel hat ein Faible für alte Handwerkskünste seines Berufsstands behalten. Durch glückliche Zufälle konnte er eine knapp sechzigjährige Druckmaschine und weitere Raritäten aus seiner Branche erwerben. Die Druckmaschine wurde in der Firma in Langenthal auf­gestellt. So konnte die bestehende Idee, den klassischen Buchdruck zu reanimieren, umgesetzt werden.

Heute werden im DDC unter anderem sogenannte Letterpress-Drucksachen in leidenschaftlicher Handwerkskunst hergestellt – fernab von der Hektik einer modernen Druckerei. Entschleunigend wirkt deshalb auch der Name des Labels: Chartewärchstatt.

Gut anfühlen soll es sich

Was in dieser «Wärchstatt» produziert wird? Etwa individuell gestaltete Visitenkärtchen, gedruckt auf raues, dickes Papier. Kunden, die Produkte nach diesem Verfahren herstellen lassen wollen, stellen besondere Anforderungen an die Optik und die Haptik. Ein Visitenkärtchen bleibt zwar auch in diesem Fall ein Visitenkärtchen.

Aber die Ansprüche, die über das profane Produkt hinaus auch noch gestellt werden – es muss schön ausschauen, sich gut anfühlen, et cetera –, lassen erkennen: Ohne Design lässt sich nicht einmal eine vermeintlich gewöhnliche Adresskarte herstellen.

Langenthaler Tagblatt

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