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Seine «Jazz-Uni» war die Strasse

Yanick Steiner wird am Samstag am Earthquake-Open-Air spielen – allerdings nicht auf, sondern neben der Bühne. Den Groove der Strassenmusik hat er auf den Gassen von Paris gelernt. Und das von einer Legende.

Von Paris nach Nizza, Bern und nun Herzogenbuchsee Yanick Steiner wird als Junior Love am Earthquake-Open-Air zu sehen sein.
Von Paris nach Nizza, Bern und nun Herzogenbuchsee Yanick Steiner wird als Junior Love am Earthquake-Open-Air zu sehen sein.
Andreas Blatter

Am Abend des 11. Februar zog Yanick Steiner in die Berner Innenstadt, legte seinen Hut auf die Strasse, nahm die Gitarre zur Hand und begann zu spielen. Nicht, weil er Geld brauchte. Nein, er wollte an diesem Tag einem soeben verstorbenen Freund die letzte Ehre erweisen.

Auf der ganzen Welt machten Dutzende Musiker zur selben Zeit genau das Gleiche. Vom Nobody bis zum Jazzsuperstar: Sie alle spielten für Danny Fitzgerald. Er, der oft als «Godfather of the Buskers» (Pate der Strassenmusiker) bezeichnet wurde, war an diesem Tag im Alter von 83 Jahren verstorben.

Allein in der grossen Stadt

Die Welt der Strassenmusik ist immer gut für Zufälle. Solch ein Zufall war auch die erste Be­gegnung, die Steiner mit Fitzgerald hatte. Es war im Sommer 2010. Steiner hatte gerade die kaufmännische Lehre abgeschlossen. Sein Lehrbetrieb, die Girsberger AG, bot ihm im Anschluss ein Austauschjahr am Standort in Paris an. Knapp 20 Jahre alt war er damals. Und plötzlich völlig allein in einer fremden Stadt.

Steiner zog oft stundenlang durch die Pariser Gassen. Bei einem dieser Streifzüge sah er eines Tages eine Handvoll Musiker, die vor einem Café die Leute unterhielten. Steiner sprach sie an. «Ich wollte zuerst nur eine CD kaufen», erinnert er sich.

Stattdessen drückten sie ihm, dem Hobbygitarristen, ein Instrument in die Hand. Später erfuhr er, dass es sich bei der Gruppe um The Lost Wandering Blues and Jazz Band handelte. Und deren Bandleader war Danny Fitzgerald.

Am Anfang brauchte es Mut

Vielleicht erkannte Fitzgerald in Steiner auch einen «Lost Wanderer». Jedenfalls nahm der viermal ältere New Yorker den gebürtigen Bützberger umgehend unter seine Fittiche. Nächtelang zog Steiner fortan mit der bunt zusammengewürfelten Truppe durch Paris.

Ob an Strassenecken, vor Cafés oder in schummrigen Bars: Überall machten sie halt und spielten ihre Songs von Liebe, Hoffnung und Sehnsucht. Wer meint, das sei alles ein Riesenspass gewesen, täuscht sich aber.

Gerade am Anfang brauchte Steiner viel Mut und Überwindung, um einfach ungefragt vor Leute zu stehen und anzufangen zu singen. Hinzu kamen die Erwartungen des grossen Meisters. «Es war wie ein Bootcamp», sagt Steiner.

Für Fitzgerald war die Musik nicht bloss Spass und Unterhaltung. Sie war sein Leben. Entsprechend persönlich nahm er es, wenn jemand die «Message» seiner geliebten Jazz- und Blues­lieder nicht richtig rüberbrachte.

Fitzgerald war zwar selbst kein grosser Gitarrist, kein grosser Drummer und auch kein grosser Bassist. «Ihm waren vor allem die Geschichten hinter den Liedern wichtig», sagt Steiner. Mit seiner charismatischen Art und seinem Gespür für die magischen Momente trieb er seine Musiker so zu Höchstleistungen an.

Von der Strasse an die FH

Manche seiner ehemaligen Schützlinge sind heute tatsächlich weltberühmt. Etwa Madeleine Peyroux, die sich im Alter von gerade mal 16 Jahren der Band anschloss. Eines Abends logierte sie in Paris und zog mit Fitzgerald, Steiner und Co. kurzerhand los. «Sie musste nur einen Ton spielen, und alle Leute schauten zu ihr auf. So stark war ihre Präsenz», erzählt Steiner.

Fast ein Jahr verbrachte Steiner in Paris. Auch später fuhr er immer wieder für ein Wochen­ende in Frankreichs Hauptstadt. Aber die Musik blieb ein Hobby. Der heute 28-Jährige machte ein Studium an der Fachhochschule Olten. Als die Band im Herbst 2013 nach Nizza weiterzog, nutzte Steiner aber die Gelegenheit und absolvierte am selben Ort ein Austauschsemester.

Da keimte die Idee auf, vielleicht doch ganz auf die Karte Musik zu setzen. Aber als er Fitzgerald sagte, dass er sich überlege, an der Berner Hochschule der Künste ein Vorkurs für ein Jazzstudium zu machen, begriff dieser die Welt nicht mehr. «Das ist die Jazzuniversität», sagte Fitzgerald und zeigte auf die Strasse.

Er spielt die uralten Klassiker

Fitzgeralds «Jazzuni» lebt seit Februar 2017 nur noch in den Erinnerungen weiter. Steiner, der heute in Bern wohnt, sah ihn letztmals 2015 in Nizza. Danach hatte er noch Kontakt über Skype und Telefon. Eigentlich wollte er Fitzgerald in New York, wo er letztlich verstarb, noch einmal besuchen. Aber der Tod kam plötzlich. Und so bleiben die Erinnerungen an einen lebensfreudigen und grossherzigen Freund, der ihn aber stets auch forderte.

Erinnerungen aus Paris: Danny Fitzgerald und Yanick Steiner. Bild: Facebook
Erinnerungen aus Paris: Danny Fitzgerald und Yanick Steiner. Bild: Facebook

Der Tod seines Mentors hat Steiner jedenfalls dazu veranlasst wieder jene Lieder zu spielen, die ihm Fitzgerald damals in Paris so sehr ans Herz gelegt hatte: die grossen Jazz- und Bluesballaden aus den 30er-Jahren von Bessie Smith und Billie Holiday.

Ein Kontrast zur Punkmusik, die Steiner sonst mit seiner aktuellen Band The Lovers spielt. Am Samstag wird er diese alten Jazzsongs seit langem wieder einmal vor Publikum spielen. Selbstverständlich neben der Bühne, auf Augenhöhe mit dem Publikum. So, wie Danny Fitzgerald es ihm vorgelebt hat.

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