Auf der Suche nach dem wahren Grund fürs Bienensterben

Rohrbachgraben

In zehn Wochen verlor Louis Flückiger 60 Bienenvölker unter mysteriösen Umständen. Vier Jahre später erhielt der Imker aus Rohrbachgraben die Untersuchungsergebnisse. Er und Kollege Kurt Härry wollen beweisen, dass die Ursache anderswo liegt.

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Chantal Desbiolles

Nervös seien sie gewesen, die Bienen. Louis Flückiger musste hilflos zusehen, wie sie krampften, die Wände hinabrutschten und tot im Kasten liegen blieben. Zwischen 30'000 und 40'000 der ­kleinen Tiere starben auf einen Schlag. Mehr noch: Volk um Volk starb zwischen Mai und Mitte Juli 2012, sobald die Aussentemperatur über 18 Grad Celsius stieg.

Zu guter Letzt waren 60 Völker tot. Die Betroffenheit ist dem Imker aus Rohrbachgraben anzuhören, wenn er erzählt. Als die ersten Bienenvölker starben, informierte der heute 75-Jährige die Behörden: Den Bieneninspektor, die Forschungsanstalt Agroscope Liebefeld und die Apiservice GmbH, die das Beratungs- und Kompetenzzentrum des Schweizerischen Imker-Dachverbands betreibt. Ihr angegliedert ist auch die Fachstelle Bienengesundheitsdienst (BGD).

Dessen Fachleute machten sich ans Werk: Während Tagen wurden rund um das grosse Bienenhaus bei seinem Wohnhaus Im Schär Proben genommen und die Umgebung abgesucht. Ohne Ergebnis, sagt Flückiger. «Dass ich nie Bescheid bekommen habe, das hat mich am meisten ge­ärgert.»

Vier Jahre später kreuzten die BGD-Spezialisten nach einer Intervention erneut auf und führten einen Versuch durch. Zwei Testvölker sollten den Ursprung der möglichen Vergiftungen klären. Eines wurde in Flückigers Stand einquartiert, eines in einem Kasten des Bienengesundheitsdiensts neben dem Bienenhaus.

Zwei beziehungsweise drei Tage später waren alle Bienen in beiden Kästen tot. Eine Erfahrung, die Flückiger in den drei Jahren dazwischen immer wieder machte. Er liess Kästen auswärts mit Hochdruck reinigen, stellte die Kästen anderswo um seinen Hof: Das Ergebnis war stets dasselbe. Es liess den versierten Imker zusehends verzweifeln.

Analyse ergibt Rückstände

Die Ergebnisse der Analyse trafen im Juli diesen Jahres ein. Seit ein paar Jahren seien «immer wieder unerklärbare Bienenvergiftungen» an zweien seiner drei Standorte geschehen, steht im Schreiben von Apiservice einleitend. Und: «Es wurden verschiedene Rückstände gefunden, die den Tod der Bienen deutlich erklären.»

Bei beiden Testvölkern sei die aktive Substanz Trichlorfon gefunden worden. Allerdings in einer «nicht sehr hohen Dosis», was die Fachleute damit erklären, dass es hochgiftig ist für Bienen und schnell abgebaut wird.

Als Pflanzenschutzmittel bis vor sieben Jahren und Tierarzneimittel bis vor zwölf Jahren war Trichlorfon zugelassen. Auch Rückstände von Schwefel, Kupfer, Kalium und Phosphor wurden gefunden. Sie seien teils sehr hoch und können die Vergiftungen erklären, steht im Bericht.

2013 kam es zur Vergiftung

Mit Dichlorvos wurde gemäss dem Bericht auch ein Insektizid gefunden, das früher als Pflanzenschutzmittel eingesetzt worden war. Es ist dasselbe Mittel, das die Fachstelle 2013 an einem anderen Bienenstandort von Louis Flückigers fand. Damals, sagt er, seien ihm im Dorf tatsächlich Bienen vergiftet worden. Anzeige hat er allerdings daraufhin nicht erstattet; das bringe nur Umtriebe mit sich und ansonsten nichts.

Alle Hinweise deuteten auf eine «mutwillige Vernichtung» der Bienen hin, schliessen die Fachleute. Die weiteren Abklärungen, um den Fall zu klären respektive den Täter zu finden, liege nicht in der Kompetenz des Bienengesundheitsdiensts. «Wir raten Ihnen dringend, Anzeige zu erstatten.»

Imker orten Ungereimtheiten

Louis Flückiger denkt nicht im Traum daran. Der langjährige Imker fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen. Auch die Entschädigung aus dem Züchterfonds sei ein Hohn gewesen: 33 Franken habe er pro Volk erhalten. Sein Verlust belaufe sich aber auf weit über 30'000 Franken.

Auch dem Gutachten schenkt er keinen Glauben. Insektizide und Pflanzenschutzmittel? «Wir haben hier praktisch keine Kulturen, nur Weideland», sagt Flückiger. Daher sei es ihm ja überhaupt erst möglich gewesen, solch viele Bienenvölker zu halten.

Und dann sei eine Vergiftung keine Erklärung für den Zusammenhang mit der steigenden Temperatur: Die Bienenvölker prosperierten unterhalb von 18 Grad Celsius; sie verendeten aber, wenn die Temperatur diese Marke überschritt.

An einem Treffen der Imker klagte Louis Flückiger sein Leid einem anderen Imker, den er nicht kannte: Kurt Härry aus Wabern, der wie er selbst seit fünf Jahrzehnten Bienen hegt und pflegt. «Seine Geschichte hat mich sehr berührt», sagt Härry, gewesener Bienenzuchtberater. Daneben beschäftigt er sich mit den Auswirkungen von Elektrosmog.

Dafür, dass auch im vorliegenden Fall ein Zusammenhang zwischen dem Bienensterben und Strahlung besteht, gibt es keinen Hinweis. Lediglich Vermutungen; weitere Abklärungen sind erforderlich. Flückiger hofft, dass die Sache weiterverfolgt wird. Das sei aber Aufgabe der Fachleute.

Fakt ist: Mit drei Imkerkollegen haben Härry und Flückiger den Durchbruch erzielt. Am 1. September installierten sie im Bienenhaus zwei spezielle Bienenkästen, die mit Kupfer und Aluminium verkleidet Strahlung abschirmen und geerdet sind. Die Bienen darin gedeihen, selbst angesichts der warmen Temperaturen der warmen Tage im September. Und Louis Flückiger wird wieder leichter ums Herz.

Berner Zeitung

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