Sie hat ihrem späteren Peiniger vertraut

Vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau sitzt ein 26-jähriger Eritreer. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm die Vergewaltigung, Freiheitsberaubung und Entführung einer Landsfrau vor.

Ein 26-Jähriger muss sich wegen Vergewaltigungsvorwürfen vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau verantworten.

Ein 26-Jähriger muss sich wegen Vergewaltigungsvorwürfen vor dem Regionalgericht Emmental-Oberaargau verantworten.

(Bild: Thomas Peter)

Johannes Hofstetter

In Fussfesseln und von zwei Polizisten begleitet, betritt der Angeklagte den Saal 1 im Verwaltungsgebäude Nummer 3 in der Burgdorfer Neumatt. Diesen Komplex kennt der Mann von aussen her bestens: Nebenan, im Regionalgefängnis, wartete er seit dem 5. Oktober 2016 auf seinen Prozess. Kaum hat er auf dem Stuhl vor seinem Pflichtverteidiger Platz genommen, beginnt sein rechtes Bein, wie ein hochtourig stampfender Kolben auf und ab zu wippen.

Der Grund für die Unruhe des 26-jährigen Flüchtlings aus Eri­trea erschliesst sich bei einem Blick in die Anklageschrift schnell: Laut der Staatsanwaltschaft Emmental-Oberaargau hat er eine fünf Jahre jüngere Asylbewerberin aus seinem Heimatland vergewaltigt.

Weil er sie gegen ihren Willen in der von ihm verriegelten Wohnung eines Bekannten in einer Oberaargauer Gemeinde festhielt, wirft ihm die Anklagebehörde darüber hinaus auch Freiheitsberaubung und Entführung vor. Zwei Stunden nimmt sich das in Dreierbesetzung tagende Gericht unter dem Vorsitz von Roger Zuber Zeit, um sich die Geschichte des Opfers anzuhören.

Mit einem Messer bedroht

Der Mann, sagt die Frau, habe ihr schon seit einiger Zeit Avancen gemacht und ihr mehrfach mit­geteilt, dass er sie liebe und ehelichen wolle. Irgendwann habe sie ihm zu verstehen gegeben, dass sie bereits liiert und nicht an einer Beziehung mit ihm inter­essiert sei. Daraufhin habe der Mann versprochen, sie nicht mehr zu bedrängen und fortan «wie eine Schwester» zu be­handeln.

«Ich habe ihm geglaubt und vertraut», sagt die Frau vor Gericht. Als der Mann sie in die Wohnung eines Freundes einlud, habe sie sich deshalb nichts Böses gedacht. Doch kaum sei sie in dem Zimmer gestanden, habe sie ein ungutes Gefühl beschlichen: Ihr Gastgeber habe die Türe hinter ihr verschlossen.

Laute Musik, eine Whiskyflasche auf dem Tisch und ein «Bruder», der ihr auf dem Sofa schon bald einen Arm um die Schultern legte: Das sah für sie nicht nach einem zwanglosen Treffen unter Landsleuten aus.

Um sich aus der für sie unangenehmen Situation zu befreien, sei sie auf die Toilette gegangen. Nach einer Viertelstunde habe sie das WC verlassen. Ihr Plan sei gewesen, die Wohnung auf leisen Sohlen zu verlassen. Doch kaum habe sie die Toilettentür geöffnet, sei der Mann vor ihr gestanden.

Er habe sie mit einem Messer bedroht, gewürgt und angekündigt, weitere Männer dazuzuholen, beim bevorstehenden Sex kein Kondom zu benützen und sie zu töten, wenn sie ihm nicht zu Willen sei. Letztlich sei ihr nichts anderes übrig geblieben, als sich ihrem Schicksal zu fügen.

Er gibt «Missbehandlung» zu

Zweimal habe es an der Wohnungstüre geklopft. Nachbarn hätten gefragt, was los sei. Der Mann habe den Besuchern aus dem Schlafzimmer heraus versichert, es sei alles in Ordnung. Eine Möglichkeit, um Hilfe zu ­rufen, habe sie – die Retter in Hörnähe – nicht gehabt, weil der Mann ihr das Messer vor den Hals gehalten habe.

Nach der Tat sei ihr Peiniger nach draussen gegangen, um zu rauchen. In dieser Zeit habe sie per SMS Freunde alarmieren können. Diese hätten den Mann dazu bringen können, sie freizulassen.

Der seit zwei Jahren in der Schweiz lebende Angeklagte räumte vor Gericht ein, die Frau «missbehandelt» zu haben. Nur: Was genau er unter «missbehandelt» versteht, blieb weitgehend offen. Seine Aussagen waren teils enorm widersprüchlich. Einmal gab er die Vergewaltigung zu. Wenig später behauptete er, der Geschlechtsverkehr sei in gegenseitigem Einvernehmen erfolgt.

In einigen Punkten blieben seine Angaben aber konstant: Die Wohnung habe er abgeschlossen, aber davon, dass er ein Messer benutzt habe, um die Frau unter Druck zu setzen, könne nicht die Rede sein. Richtig sei, dass er der Nordafrikanerin vor und nach der Tat versprochen habe, sie zu heiraten. Auf Nachfrage eines Laienrichters stellte er fest, in seiner Kultur sei es «normal, dass ein Mann über eine Frau verfügt».

Am Freitag eröffnet das Regionalgericht sein Urteil. Falls es den Angeklagten als schuldig erachtet, geht es für das Gremium nicht nur darum, ein Strafmass festzulegen. Dann muss es auch über einen Landesverweis entscheiden.

Langenthaler Tagblatt

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