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Sie machen dem Winter den Garaus

Am Samstag wurde es in Oberbipp bereits früh laut, sehr, sehr früh. Um 5.01 Uhr ging die Chesslete los. Das Highlight: Die Mehlsuppe, über der die ersten Fasnächtler einnickten.

Nach einer durchzechten Nacht tut die deftige Mehlsuppe gut.
Nach einer durchzechten Nacht tut die deftige Mehlsuppe gut.
Olaf Nörrenberg
Die Organisation liegt in ihren Händen (v.l.): Oberchessler Marc Rupp, Zunftmeister Thomas Schaad und Materialchef Ronny Obi.
Die Organisation liegt in ihren Händen (v.l.): Oberchessler Marc Rupp, Zunftmeister Thomas Schaad und Materialchef Ronny Obi.
Olaf Nörrenberg
Zeit für einen Kostümwechsel.
Zeit für einen Kostümwechsel.
Olaf Nörrenberg
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Zugegeben, im Vorfeld war die Nervosität doch gross. Immerhin sollte ich schon bald meine erste Chesslete besuchen. Als gebürtiger Aarwangerin ist dieser Fasnachtsbrauch, der seinen Ursprung in Solothurn hat, bisher an mir vorbeigegangen. Und das, obwohl diese Tradition auch in meiner Heimatregion, dem Oberaargau, aktiv gelebt wird – und zwar gleich an mehreren Orten: in Wangen an der Aare, Niederbipp und eben Oberbipp. Früher wurde auch in Wiedlisbach eine Chesslete durchgeführt, wegen sinkender Teilnehmerzahlen wurde sie aber vom Programm gestrichen.

Die erste Frage, die sich mir im Vorfeld meiner Premiere stellte: Was um Himmels willen ziehe ich da an? Mir war bisher bekannt, dass die Solothurnerinnen und Solothurner jeweils in weissen Hemden, Zipfelmütze und rotem Halstuch durch die Stadt ziehen. Doch ist das auch im Bipperamt der Fall? «Ja, wir ziehen uns auch so an», gibt mir Thomas Schaad, Zunftmeister der Oberbipper Schopfguggerzunft, Auskunft. Alles klar, die Utensilien sind rasch zusammengesammelt: ein weisses Hemd meines Freundes, damit ich auch ja meine warme Winterjacke darunter anziehen kann. Ein roter Schal – Check. Nur bei der weissen Zipfelmütze muss ich passen. Jä nu, eine graue wird es doch wohl auch tun.

Meine zweite Sorge gilt der unsäglichen Uhrzeit. Denn ich muss an dieser Stelle unumwunden zugeben: Ich bin ein waschechter Morgenmuffel. Wie bringe ich es also fertig, nicht zu verschlafen? Drei Wecker sollten wohl genügen. Überraschenderweise bin ich beim ersten Klingeln um 3.55 Uhr hellwach. Rasch anziehen, und los gehts. Der Vorteil dieser frühen Stunde: Die Strassen sind frei. Von Aarwangen nach Oberbipp begegne ich exakt einem anderen Autofahrer. Wo wohl dieser arme Tropf um die Zeit hinmuss?

Wegen meiner grauen Mütze falle ich zumindest nicht auf, stelle ich nach meiner Ankunft erleichtert fest. Die meisten der etwa 30 Teilnehmer kommen zwar tatsächlich im Einheitstenü daher. Es gibt aber auch eine Handvoll Exoten, die sich nicht an den Dresscode halten. Aufsehen errege ich als einzige Auswärtige in dieser verschworenen Gemeinschaft aber definitiv. «Wir sind damit aufgewachsen, für uns ist es eine wichtige Tradition», sagt Zunftmeister Schaad. Alle Jahre nähmen etwa die gleichen 30 bis 40 Personen teil.

Vielleicht die Hälfte komme direkt von der Fasnachtsparty im Pintli. Nach der Eröffnungsrede des Oberchesslers Marc Rupp feuert Thomas Schaad drei Schüsse ab. Und pünktlich um 5.01 Uhr wird es laut: Mit einem eigenhändig fabrizierten Wagen mitsamt Sirene führt der Oberchessler den Tross an. Mit Glocken, Rätschen, Pfannen und Fackeln ausgerüstet, ziehen die Fasnächtler durch die Quartiere.

So laut war es an der Chesslete. Video: Béatrice Beyeler

Dabei fällt auf: Keiner ist zu klein, ein Chessler zu sein. Süss sind die Kinder in ihren grossen weissen Hemden und Gehörschützen anzusehen. Leider beginnt es gegen Ende des etwa halbstündigen Marsches zu regnen. Die Vorfreude auf eine warme Mehlsuppe, die zur Chesslete gehört, steigt. Im Rössli sitzen dann alle gemütlich zusammen, und schon komme ich mir nicht mehr ganz so fremd vor.

Dabei wird die Müdigkeit des einen oder anderen Fasnächtlers offensichtlich, wenn er über seiner Suppe einschläft. Um 6.15 Uhr ist das Spektakel – zumindest für mich – zu Ende. Was mache ich nun mit diesem angebrochenen Samstag? Es hat Seltenheitswert, dass ich um diese Uhrzeit bereits wach bin. Ich könnte ja schreiben, Kleider waschen, mein Kostüm für die abendliche Feier fertigstellen. Letztlich obsiegt aber die Müdigkeit, und ich lege mich – wie wohl viele der Oberbipper Chessler auch – nochmals hin. Was bleibt: die Erinnerung an einen schönen, eindrücklichen Brauch. Aber ja, die Chesslete kommt sehr gut ohne mich zurecht.

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