Velos made in Langenthal

In Madagaskar, Tansania oder Gambia sind Einheimische mit Fahrrädern aus dem Oberaargau unterwegs. Das Arbeitslosenprogramm Maximumm macht alte Velos für Afrika fahrtauglich.

Christoph Lutz (links) erhält wertvolle Tipps vom pensionierten Velohändler Willi Jenzer.

Christoph Lutz (links) erhält wertvolle Tipps vom pensionierten Velohändler Willi Jenzer.

(Bild: Thomas Peter)

Regina Schneeberger

Mit flinken Fingern schraubt Christoph Lutz den Kettenschutz ab, montiert die frisch geölte Kette und schraubt das Blech wieder an. Als hätte er nie etwas anderes gemacht. Dem gelernten Informatiker fallen diese Arbeiten leicht. «Wer einmal ein Velo auseinandergenommen hat, weiss auch, wie zusammenschrauben», sagt er.

Beigebracht hat ihm dies Willi Jenzer. Der pensionierte Ve­lohändler leitet die Arbeitslosen, die am Beschäftigungs­programm des Vereins Maximumm teilnehmen, einmal in der Woche an. «So kann ich im Ruhestand mein Wissen noch weitergeben», sagt Jenzer. Ist ein Velo fertig, prüft er es auf seine Fahrtauglichkeit.

Und fahrtauglich müssen die Velos sein. Denn die gebrauchten Velos, die derzeit vom Verein Maximumm instand gestellt werden, haben noch einen langen Weg vor sich. Nach Madagaskar, Gambia oder Tansania werden sie verschifft. Das Programm zur Integration von Arbeitslosen und Sozialhil­feempfängern in Langenthal arbeitet seit 2012 mit der gemeinnützigen Organisation ­Velafrica zusammen. Diese schickt Fahrräder, die in der Schweiz repariert werden, nach Afrika. 17 455 Fahrräder waren es 2015.

Nicht gratis

«In vielen Ländern Afrikas ist das Fahrrad die einzige Alternative zur Fortbewegung zu Fuss», sagt Claudia Meyr, die Kommunikationsverantwortliche von Velafrica. Und Mobilität sei einer der wichtigsten Faktoren dazu, die Armut zu überwinden.

Mit dem Fahrrad werde Kindern der Schulweg erleichtert, und die Erwachsenen könnten beispielsweise ihre Waren auf Märkten verkaufen, die zu Fuss nur schwer erreichbar wären, sagt Meyr.

Doch weshalb werden dazu Fahrräder aus der Schweiz benötigt? «Afrika hat keine eigene Fahrradindustrie, unsere Velos sind eine Alternative zu den qualitativ schlechten Billigfahrädern aus China», so Meyr. Nicht gratis, sondern zu marktüblichen Preisen bietet Velafrica die Fahrräder an.

Denn man wolle nicht die Preise der ortsansässigen Händler untergraben, sagt Meyr. Mit 30 Organisationen, die in der Schweiz Erwerbslose oder Menschen mit Beeinträchtigung beschäftigen, arbeitet Velafrica zusammen.

Eine Tagesstruktur geben

Der Verein Maximumm in Langenthal ist eine davon. Alle drei Monate werden dort 40 Fahrräder für Velafrica aufbereitet. Derzeit sind gespendete Fahrräder von der Velobörse in Bearbeitung. Nebst Fahrrädern restaurieren Arbeitslose und Sozialhilfebezüger an der Bahnhofstrasse Möbel, arbeiten beim Velohauslieferdienst oder unterstützen die Stadt Langenthal im Kampf gegen Littering.

Es sei nicht primäres Ziel, die Leute in den ersten Arbeitsmarkt zurückzuführen, sagt Betriebsleiter und Coach Kurt Hüsler. «Wir geben den Menschen eine Tagesstruktur, so wie es ihre momentane Situation zulässt», sagt er. Doch sei der Verein Maximumm kein Therapiezentrum, so Hüsler. «Wir arbeiten mit Schnittstellen wie dem Sozialamt, der Suchtberatungsstelle oder dem Arzt zusammen», sagt er.

Zurzeit wird die Werkstatt ausgebaut. Neue Arbeitsplätze werden geschaffen. 45 Erwerbslose arbeiten an der Bahnhofstrasse. «Wir wollen möglichst viele verschiedene Tätigkeiten anbieten können», sagt Hüsler. Denn die Teilnehmenden würden nach ihren ­Fähigkeiten und Interessen eingesetzt.

Von Basel nach Afrika

Auch Christoph Lutz hat den für ihn passenden Arbeitsplatz gefunden. Nach einem Tag werkeln und schrauben hat er das Rad fahrtauglich gemacht. Nun zerlegt er es wieder in Einzelteile. Lenker, Pedale und Vorderrad schraubt er ab. So gestapelt passen bis zu 500 Fahrräder in einen Schiffscontainer, der ab Basel die Reise nach Afrika antreten wird.

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