Via Amerika zurück auf den Stutz

Ursenbach

Halszithern ­waren bis vor hundert Jahren ein beliebtes Instrument in der Volksmusik. Greti Morgen­thaler und Fritz Wegmüller ­besitzen zwei, die von ihren Vorfahren hergestellt wurden.

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Musikalisch sei er nicht, gesteht Fritz Wegmüller. Trotzdem ist er stolz, eine Halszither zu besitzen. Denn das Instrument wurde von seinen Vorfahren im 19. Jahrhundert gebaut, und zwar im Stöckli, das zu seinem Bauernhaus im Stutz gehört. Er zeigt auf das Erdgeschoss auf der Seite des schmucken Riegbaus: «Dort betrieben sie ihre Werkstatt.»

Der Nachfahre, der Landwirt und Mitarbeiter im Zustelldienst der Post ist, kann sich noch an diese erinnern, bevor sie umgebaut wurde. Und die Werkzeuge daraus bewahrt er auf: Sägen und Hobel in verschiedenen Ausführungen, dazu ein Zirkel, zum Teil selbst wahre Schmuckstücke mit Verzierungen und Jahrzahlen.

Auch Brigitte Bachmann-Geiser, Spezialistin für Volksmusikinstrumente, besuchte die Werkstatt, als sie in den 1970er-Jahren ihre Forschungen aufnahm. Sie schrieb 1976 Paul Mumenthaler an, den Gemeindeschreiber von Ursenbach – und war damit bereits mitten in der Zitherbauer­familie Wegmüller, die sie interessierte.

Denn Greti Morgen­thaler, die Gattin des Gemeindeschreibers, ist eine Nachfahrin der «Gebrüder», wie sie sich auf den meisten ihrer Instrumente auf einer Papieretikette bezeichneten.

Kein teurer Kauf nötig

Eine Wegmüller-Halszither besass die Familie damals allerdings nicht. «Leider konnten wir in der ganzen Gegend keine ausmachen», schrieb Paul Morgenthaler Brigitte Bachmann zurück.

«Vater Wegmüller hörte einmal von einem Instrument, das einer Familie in Glashütten gehörte, konnte es aber nicht kaufen, obschon er bereit gewesen wäre, jeden Preis dafür auszulegen.»

Nun, «jeden Preis» mussten Greti Morgenthaler und Fritz Wegmüller zum Glück nicht bezahlen, um stolze Besitzer einer Wegmüller-Halszither zu werden. Als in Kleindietwil das Haus der Gotte von Greti Morgenthaler geräumt wurde, kamen in einer Schuhschachtel Bestandteile eines Instruments zum Vorschein, die ein Spezialist in Interlaken wieder zusammenbauen konnte. Greti Morgenthaler erhielt das Instrument später von den direkten Erben.

Noch viel spektakulärer ist die Odyssee des Instruments von Fritz Wegmüller: Seine Mutter arbeitete Teilzeit im Altersheim Lindenhof in Langenthal, wo sie eine Pensionärin auf ihren Namen ansprach.

Als sie erklärte, sie sei aus Ursenbach, sagte die Pensionärin, das erinnere sie an eine Wegmüller-Halszither aus diesem Dorf, die ihre Tochter nach Amerika mitgenommen habe.

«Jetz bisch wieder deheim»

Jahre später meldete sich eine Frau bei den Eltern von Fritz Wegmüller. In einem weissen Haferflockensäcklein brachte sie die Halszither mit und legte sie auf den Stubentisch. An das, was sie sagte, erinnert sich Greti Morgenthaler noch genau: «So, jetz bisch wieder, wo d häre ghörsch, jetz bisch wieder deheim.»

Halszithern, im Emmental auch Hanottere genannt, gehören laut Brigitte Bachmann instrumentensystematisch zu den Chordophonen und unter diesen zu den Lauteninstrumenten, das heisst zu den Saitenklingern, die aus einem Hals und einem flachen, birnenförmigen Resonanzkasten zusammengesetzt sind.

Sie entstanden aus den in Städten und an Fürstenhöfen gebräuch­lichen Cistern und wurden im 19. Jahrhundert von ländlichen Instrumentenmachern wie den Wegmüllers aus Ursenbach für die ländliche Volksmusik adaptiert.

Den Vorfahren von Greti Morgenthaler und Fritz Wegmüller spürte Paul Morgenthaler in den Kirchenbüchern ihres Heimat­ortes Walkringen nach. Dort sind sie zum Teil als Drechsler aufgeführt. Christian von Sommerlatt, der 1836 ein Adressbuch des Kantons Bern erstellte, verzeichnet in Ursenbach einen Schreiner ­Johann Wegmüller.

Etwa 15 Instrumente bekannt

Insgesamt sind heute etwa 15 Wegmüller-Zithern in Museen und bei Privatpersonen bekannt. Bei den meisten weisen die Etiketten die «Gebrüder Wegmüller, Instrumentenmacher zu Ursenbach» als Hersteller aus. Sie sind auf der Etikette datiert und nummeriert.

Die älteste ist die von Fritz Wegmüller, die Nummer 28 von 1827. Erbauer sind Jakob und Johann Wegmüller, die Greti Morgenthaler als ihren Ururgrossvater (1781–1846) und dessen Cousin (1785–1855) identi­fiziert hat.

Ein Instrument im Museum für Musik des Historischen Museums Basel von 1833 belegt Samuel und Niklaus Wegmüller (1818–1888, resp. 1824–1892), gemäss Stammbaum zwei Brüder von Johann. Auf Samuel deutet auch die Buchstaben SW auf mehreren Werkzeugen hin, zudem ist er auf einem Ofenblatt im Bauernhaus genannt.

Das Instrument von Greti Morgenthaler trägt mit Jahrgang 1853 die Nummer 675. Bei einem noch jüngeren Instrument in der Sammlung von Lorenz Mühlemann im Schweizer Zither-Kulturzentrum in Trachselwald mit Jahrzahl 1858 fehlt die Nummer.

Nicht ganz einig ist sich die Fachwelt über die kunsthandwerkliche Bedeutung der Zi­thernbauer aus Ursenbach. Während Brigitte Bachmann von den «wohl schönsten» Halszithern aus ihrer Werkstatt schreibt, relativiert dies Lorenz Mühlemann bei aller Achtung vor deren Leistung: Er weist auf die einfache Ausführung und eher ungelenken Proportionen im Vergleich zu anderen Instrumenten aus dem Emmental hin und wie wenig sie ihre Formen variierten.

Ein Beispiel dafür ist das Tierköpfchen, das die Wirbelkasten der Wegmüller-Zithern wie einen Haken abschliesst: Während es für Brigitte Bachmann klar ein Pferdeköpfchen ist, schreibt Lorenz Mühlemann von «etwas Echsen- oder Drachenähnlichem».

Einig sind sich Bachmann und Mühlemann wieder darin, dass die Hanottere im 19. Jahrhundert in der Emmentaler Volksmusik eine wichtige Rolle spielte und im Verlauf des 20. daraus verschwand, wohl verdrängt durch die Handorgel. Mühlemann fand in einem Katalog des Berner Musikhauses «Zur Lyra» von Wilhelm Bestgen von 1911 einen Hinweis auf in grösseren Serien hergestellten «Emmentaler oder Berner Zithern».

Als Bachmann sich 1973 im «Langenthaler Tagblatt» an die Öffentlichkeit wandte und dazu aufrief, ihr bekannte Instrumente zu melden, berichtete sie von Robert Egger in Aarwangen als «letztem Halszitherspieler im Kanton Bern». Er erinnerte sich noch an einige Griffe, die ihm seine Mutter in den 40er-Jahren beigebracht hatte.

Der Traum der letzten Zither

Wie lange Familie Wegmüller in Ursenbach an an dieser Produktion teilhatte, ist nicht bekannt. Lorenz Mühlemann erinnert sich, einmal eine mit Johann Wegmüller gezeichnete Halszither aus dem Jahr 1890 in der Hand gehabt zu haben. Es ist das letzte Zeichen aus der Werkstatt im Erdgeschoss des Stöckli im Stutz, an die sich Fritz Wegmüller noch erinnern kann.

In einer solchen, allerdings in einer modernen, kann er sich nach seiner Pensionierung vorstellen: «Davon, eine letzte Wegmüller-Zither zu bauen, träume ich manchmal.»

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