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Vom Hügelland in die Stadt der sieben Hügel

Jörg Flückiger feierte seinen 60. Geburtstag in der Ewigen Stadt. Zuvor war er mit seiner Frau Yvonne dorthin gewandert. Während zweier Vorträge erzählt das Paar von seiner Reise.

Zum 60. Geburtstag zu Fuss nach Rom: Yvonne und Jörg Flückiger.
Zum 60. Geburtstag zu Fuss nach Rom: Yvonne und Jörg Flückiger.
Thomas Peter

«Nein, ihren Namen wissen wir nicht mehr», sagen Jörg und Yvonne Flückiger und lachen. Dabei tauchte die vife Seniorin aus Italien am Beginn eines grösseren Projektes in ihrem Leben auf.

Die beiden Huttwiler waren zu Fuss quer durch die Schweiz unterwegs. «In einem Restaurant im Tessin hatten wir eben eine Flasche Wein bestellt, als die Seniorin zur Tür hineinkam, sich an den Tisch setzte und nach der Qualität des Weins fragte. Wir luden sie spontan auf ein Glas ein.»

Im Gespräch stellte sich heraus, dass die Frau nicht Italienerin, sondern Schweizerin und in Ulm aufgewachsen war und als Bibliothekarin im Vatikan gearbeitet hatte. «Sie schwärmte von Rom und meinte, dass wir die Ewige Stadt unbedingt besuchen müssten», erinnert sich Yvonne Flückiger. «Ich erwiderte, dass mein Mann lieber in den Bergen wandere, doch sie konterte mit dem Argument, Rom liege auf sieben Hügeln.»

Italien ist kein Wanderland

Ob es an diesem Vergleich lag oder nicht: «Für mich stand von da an fest, dass ich meinen 60. Geburtstag in Rom feiern wollte», sagt Jörg Flückiger. Doch wie dahin gelangen? «Wir blicken über den Gotthard nach Italien», stellt Yvonne Flückiger fest. Ein Besuch in der Buchhandlung Kohler brachte sie auf einen anderen Weg, der sich im Rückblick sehr bewährte: die Via Francigena.

«Italien ist grundsätzlich kein Wanderland», haben die beiden Huttwiler festgestellt. Mit der Via Francigena haben unsere südlichen Nachbarn sich jedoch an einem Fernwanderweg beteiligt, der das Unterwegssein leicht macht. «Man muss zwar auf die Markierungen am Wegrand achten, wenn man ihnen aber folgt, kommt man bequem ans Ziel.»

Bedeutende Fernstrasse

Via Francigena heisst übersetzt Weg der Franken. Dieser geht im Prinzip auf die Römer zurück, blieb aber auch nach dem Fall des Römischen Reiches eine der bedeutendsten Fernstrassen, die von Händlern, Soldaten und gekrönten Häuptern benutzt wurde. Als Rom zum Zentrum des westeuropäischen Christentums wurde, benutzten sie auch Pilger auf dem Weg in die Stadt der Päpste.

Zu ihnen gehörte auch Sigerich, der Erzbischof im englischen Canterbury, als er nach ­seiner Ernennung 990 zur Ordination nach Rom reiste. Er hinterliess eine sehr detaillierte ­Beschreibung, nach der die ­moderne Via Francigena von Canter­bury nach Rom angelegt wurde. Von Sainte-Croix im Jura bis zum Grossen Sankt Bernhard führt sie durch die Schweiz.

Allerdings sei sie immer noch ein Geheimtipp, stellen Yvonne und Jörg Flückiger fest. Alle Nachteile, die die viel bekannteren Jakobswege mit sich bringen, gehen ihm deshalb ab. «Erst von Siena an häufen sich die Pilger», heben sie hervor. «Bis dorthin ist man meist allein unterwegs.» Man falle als Wanderer auf. «Autos und Velos halten an, geben Tipps und wünschen eine ­gute Wanderung bis nach Rom.»

Auch das touristische Angebot sei nicht auf die Masse ausgerichtet, sondern sehr authentisch. Mit Gastgebern, die auch mal an einem Wirtesonntag öffnen. Oder das Wischen vor dem Haus unterbrechen, um Wein aus dem Keller zu holen und etwas in die Pfannen zu legen.

Anfangs auf Schneeschuhen

Immerhin nähmen die Zahlen der Wanderer zu, was auch nötig sei, zeigten die Landschaften und Dörfer entlang des Weges doch Zeichen von Abwanderung und Zerfall, die nur durch mehr Tourismus abgewendet werden könnten. «Der Fährmann, der uns über den Po führte, zeigte seine Statistik: Verzeichnete er im ersten Jahr noch 36 Passagiere, so waren es 2014 immerhin 1600.»

Am ersten schönen Tag nach Ostern 2015 wollten Yvonne und Jörg Flückiger in Huttwil aufbrechen – zuerst auf dem Jakobsweg bis Lausanne, von dort weiter auf der Via Francigena. Bereits der Osterdienstag war schön, und ebensolches Wetter erleichterte den beiden ihr Vorhaben während der folgenden drei Monate.

Sie seien die ersten der rund 1300 Kilometer sanft angegangen und nur mit dem Nötigsten unterwegs gewesen, berichten die beiden. Den Grossen Sankt Bernhard überquerten sie noch auf Schneeschuhen, im Aostatal und in der Poebene begrüsste sie der Frühling, erst kurz vor Rom wurden die Tage Ende Juni schwül und heiss.

Gegenwärtig stöbern sie wieder in ihren Erinnerungen und Fotos, denn in nächster Zeit werden sie in Huttwil und Rütschelen über ihre Reise berichten. Rechtzeitig zu Jörgs Geburtstag Anfang Juli erreichten sie Rom. Die Kinder mit ihren Partnern reisten mit dem Flugzeug nach. Daneben blieb genügend Zeit, die sieben Hügel Roms zu erkunden. «Die Dame im Restaurant im Tessin hat nicht übertrieben», stellt Jörg Flückiger fest, «Rom ist in der Tat eine Reise wert. Eigentlich schade, dass wir Name und Adresse der Dame nicht aufgeschrieben haben.»

Lichtbildvorträge:Mittwoch, 8. März, 20 Uhr, Kirchgemeindehaus Huttwil.Mittwoch, 19. April, 20 Uhr, Gemeindehaus Rütschelen.

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