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Wie ein Bahnhof nach Gondiswil kam

Zwei historische ­Aufnahmen des Fotografen ­Johann Schär werfen Licht auf die Bahngeschichte des Oberaargaus. Zeitgenössische Ergänzungen lieferte der erste Zugführer der Langenthal-Huttwil-Bahn.

Der Bahnhof Huttwil verfügte nicht von Anfang an über eine Drehscheibe, mit der die Dampfloks gewendet werden konnten.
Der Bahnhof Huttwil verfügte nicht von Anfang an über eine Drehscheibe, mit der die Dampfloks gewendet werden konnten.
Johann Schär/zvg
Am Bahnhof Rohrbach ereignete sich bereits am ersten Betriebstag der Langenthal-Huttwil-Bahn ein ­Unfall, der zum Glück glimpflich endete.
Am Bahnhof Rohrbach ereignete sich bereits am ersten Betriebstag der Langenthal-Huttwil-Bahn ein ­Unfall, der zum Glück glimpflich endete.
Johann Schär/zvg
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In der Gemeinde Gondiswil gibt es den Ortsnamen Haltestelle. Seit 2009 hält dort allerdings kein Zug mehr: Die Haltestelle, die dem Weiler den Namen gab, wurde eingestellt. Auch war sie nicht etwa schon seit der Eröffnung der Huttwil-Wolhusen-Bahn (HWB) in Betrieb: 1904 wurde noch ein Postkutschenkurs Huttwil–Gondiswil–Reisiswil eingeführt.

Erst 1913 wurde der Kurs nur noch bis zum erwähnten Weiler geführt – und vermutlich zu diesem Zeitpunkt die Haltestelle geschaffen. In seinem Wanderführer nannte Pfarrer Robert Schedler diese 1925 noch Engelprächtigen.

Glaubt man den Fotografien von Johann Schär (1855–1938), gab es in Gondiswil aber nicht nur eine Haltestelle, sondern sogar einen Bahnhof. Vertieft man sich in seinen gesamten Nachlass, löst sich das Rätsel: Schär fotografierte nicht nur draussen, sondern auch drinnen. Dazu pinnte er Fotos an ein Holzbrett und reproduzierte die Bilder – er war also sozusagen auch die Kopierecke der Gegend.

Doch Schär kopierte nicht nur die Lieblingsfotos seiner Kunden, sondern auch seine eigenen. Und an diesen machte er sich vorher mit Schere, Messer und Leim zu schaffen. Auch die Fotografie mit dem vermeintlichen Bahnhof Gondiswil ging diesen Weg. Es findet sich auf den Glasplatten von Johann Schär nämlich der gleiche Bahnhof in Rohrbach.

Und vergleicht man die beiden Bilder, so erkennt man: Es ist tatsächlich der Bahnhof von Rohrbach mit dem «Reschtu» dahinter. Im einen Bild hatte Johann Schär einfach das Schild «Gondiswil» in diesen Bahnhof montiert und den Bahnhof zusätzlich in die Landschaft bei der Halte­stelle.

Die Absicht dahinter: Schär verwendete das Bild des Bahnhofs Rohrbach, um Werbung für den Anschluss von Gondiswil ans Bahnnetz zu machen.

Schussfahrt nach Langenthal

Doch zurück zum Original: Der Bahnhof Rohrbach war bereits am ersten Betriebstag der Langenthal-Huttwil-Bahn (LHB), dem 1. November 1889, Schauplatz eines Unfalls. «Mit dem Mittagzug brachten wir am ersten Betriebstag einen deutschen, bremsenlosen mit fünf Tonnen Asche beladenen Wagen nach Station Rohrbach», schrieb der erste Zugführer der Langenthal-Huttwil-Bahn, Fritz Christen, in seinen Erinnerungen an die ersten Betriebsjahre der Bahn.

Der Wagen «wurde auf dem geraden Geleise abgehängt, und es wurde dem Stationspersonal überlassen, den Wagen in das Ausladegeleise zu verbringen. Beim Umstellen entwischte dieser dem Personal über die untere Weiche und rollte Langenthal zu.»

Die Schussfahrt verlief glimpflich: «Die vielen Strassenübergänge wurden, ohne Schaden anzurichten, passiert, und auf der Station Langenthal konnte der Wagen glücklich zum Entgleisen auf den zufällig leeren Ausladeplatz hinaus bewerkstelligt werden. Dabei wurde der Wagen allerdings erheblich beschädigt, das Dach flog zum Beispiel mit der Asche noch ein Stück weiter, ebenso litten einige Säcke usw.»

Fritz Christen berichtete weiter: «Das Wetter war an diesem Tag gut zum Verrichten von Feldarbeiten, und es waren um diese Zeit, als der Unglückswagen daherkam, viele auf dem Schorenfeld beschäftigt. Diese machten einander laut auf den Wagen aufmerksam und überdies auch den Weichenwärter der Station Langenthal, Hans Strasser, der durch schnelles Auflegen einer Eisenbahnschwelle über das Geleise die überaus glücklich verlaufene Entgleisung fertigbrachte.

Ohne diese gewollte Entgleisung wäre der Wagen in eine beträchtliche Gruppe meist beladene Güterwagen hineingefahren, wovon der erste ein mit vollen Petroleumfässern beladener offener Güterwagen war. Da, wo jetzt der Güterschuppen steht, war damals das Salzmagazin, und der Güterschuppen war zwischen Salzmagazin und dem Stationsgebäude.

Nun stelle man sich vor, welcher Schaden durch das unvermeidliche Feuer hätte entstehen können, denn das Petrol war damals noch in Holzfässern verladen.»

Seifenwasser statt Dampf

Die Episode über den Unfall in Rohrbach ist nur eine, die Fritz Christen überlieferte. Eine andere erzählt vom Speisen der Lokomotiven mit Wasser. Dazu «wurde in Huttwil das Abwasser von dem reichlich mit Wasser versehenen Brunnen von Minder Wagners auf dem Moos erworben. In der Lokomotivremise war ein rund vier Kubikmeter haltendes Bassin, das nun mit dem oben erwähnten Abwasser gespeist wurde und wo die diensttuende Lokomotive nach jeder Fahrt ihren Bedarf an Wasser wieder decken konnte.

Nun wäre alles so weit in Ordnung gewesen‚ namentlich zu Beginn des Betriebes im November 1889 gab es keine Störungen. Als nun aber im Frühling 1890 die verschiedenen Familien bei Wagners Brunnen ihre grosse Wäsche durchführten, da überraschte uns unsere gute Lokomotive mit einer ganz sonderbaren Einstellung.»

Fritz Christen schildert diese so: «Die Führer und Heizer waren ratlos und konnten sich anfangs nicht erklären, warum sie trotz gutem Feuer keinen Dampfdruck oder wenigstens nur einen geringen fertigbrachte. Das Seifenwasser war einfach nicht zum Verdampfen zu bringen.

Bei den Bergwärtsfahrten musste die Belastung reduziert werden; statt Abdampf kam das Seifenwasser aus dem Kamin. Von diesem aus der Maschine herkommenden Seifenwasser wurden nicht nur die Dächer, sondern auch die Seitenwände der zwei, drei nachfolgenden Wagen weiss übertüncht.»

Das hatte Folgen: «An solchen Tagen kam es vor, dass wegen Dampfmangel auf offener Strecke angehalten werden musste. Diese Kalamität wurde erst mal dadurch behoben, dass, wenn auf dem Moos Wäschetag war, dieser gemeldet wurde. Sodann musste der Zug bei den Bergwärtsfahrten im obern Wannenbach vor Station Rohrbach anhalten und Wasser fassen.

Dort kam ein Bächlein in einem Betonkanal über das Bord hinab und floss unter der Bahn durch in die nebenanliegende Langeten. Mit einer einfachen Vorrichtung war es möglich, die Lokomotive in kurzer Zeit zu speisen. Aber auch dieser Notbehelf dauerte glücklicherweise nicht lange, da die Verwaltung in der obern Hohle in Huttwil eine Quelle mit gutem Wasser kaufte und dem Übelstand abhalf.

Über diese Wendung war auch ich froh, denn was ich da von den Passa­gieren über den Halt des Zuges im obern Wannenbach hören musste, das ging ins Aschgraue. Das Zügli oder Bähnli musste in allen erdenklichen Tonarten her­halten.»

Auf kleinem Raum wenden

Der Bahnhof Huttwil diente auch Johann Schär als Motiv. Der Fotograf richtete seinen Fokus dabei stark auf die Drehscheibe im Vordergrund. Drehscheiben gehörten zu den ersten Bahnhöfen einfach dazu. Sie halfen, Richtungswechsel vorzunehmen, die man mit Schienen und Weichen auf so engem Raum nicht schaffte.

Auch in Huttwil diente die Drehscheibe diesem Zweck. Dampflokomotiven können im Prinzip nur in eine Richtung fahren; rückwärts wird es mühsam. Die LHB baute jedoch vorerst keine Drehscheibe. Richtig lästig wurde das vor allem im Winter, denn der Schneepflug konnte nur vorne montiert werden. Und schneereich war bereits der erste Betriebswinter.

Fritz Christen beschrieb das so: «Schon der erste Winter 1889/1890 war eine mit viel Schnee und grosser Kälte gesegnete Zeit. Aber auch viele von den nachfolgenden Wintern waren streng. Wegen des Fehlens von Drehscheiben auf den Endstationen mussten die Lokomotiven bis zur Eröffnung der HWB immer rückwärts von Huttwil nach Langenthal verkehren, und diese rückwärtsfahrenden Maschinen waren nun vorne nicht mit geeigneten Schneeräumern usw. ausgerüstet. Aus diesem Grund kam es in den ersten Jahren öfters vor, dass von Huttwil bis Langenthal Schneepflüge mit Pferdegespann verkehren mussten.

Ein richtiger Schneepflug, der von der Maschine hätte geschoben werden können, fehlte aber nicht. Bei den ersten Lokomotiven kamen die Wasserbehälter nahezu zehn Zentimeter auf die Schienenhöhe herunter, sodass auch über das Steckenbleiben der Züge ein Liedlein zu singen wäre. Der unter der Lokomotive festgefahrene Schnee musste dann mit dem auf der Maschine mitgeführten Hebeisen Brocken um Brocken hervorgeholt werden.»

Wie zur Bestätigung dieser Erzählung findet man in den Jahresberichten der LHB 1890 den Kauf eines «zerlegbaren hölzernen Schneepfluges». 1895 folgte im Rahmen der Bahnhofserweiterung für die Huttwil-Wolhusen-Bahn die Erstellung einer Drehscheibe von sechs Metern Durchmesser, mit der die Lokomotiven nun gewendet werden konnten.

Vom Buffet zum «Faulhorn»

Auf Johan Schärs Aufnahme vom Bahnhof Huttwil ist nicht nur die grosse Drehscheibe neu. Auch von den Gebäuden stammt lediglich der Bahnhof bereits aus der Zeit der LHB-Eröffnung. Anfänglich befand sich in diesem sogar ein Buffet. Das Hotel Bahnhof, in das anfänglich auch die Bahnverwaltung vom Bahnhofgebäude umzog, wurde erst 1890 gebaut.

Noch jüngeren Datums ist das Verwaltungsgebäude der Bahnen, das wie der Verwaltungstrakt in den Gugelmann-Werken in Roggwil im Volksmund «Faulhorn» genannt wurde: Der Baubeschluss fiel 1897, zwei Jahre nach der Inbetriebnahme der Huttwil-Wolhusen-Bahn. Bezogen wurde das Gebäude 1908, als auch die Ramsei-Sumiswald-Huttwil-Bahn (RSHB) fertiggestellt war.

Rückkehr nach Huttwil?

Die Drehscheibe in Huttwil ist längst verschwunden. Bis im letzten September war noch eine in Ramsei zu sehen, wo die RSHB für die Hauptverkehrsrichtung nach Burgdorf in einer Spitzkehre einmündete und die Lokomotive deshalb gedreht werden musste, wenn der Zug nach ­Hasle-Rüegsau weiterfahren sollte. Im Rahmen des Ausbaus des Bahnhofes Ramsei verschwand sie letzten September auch dort, wurde aber von der RSHB-Nachfolgerin Emmentalbahn demontiert und ist nun in Sumiswald eingelagert.

Vielleicht kommt sie im Rahmen der Museumsbahn Emmental nach Huttwil und ergänzt die Bilddokumente, die Johann Schär aufgenommen hat. Schön wäre es.

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