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Historischer Moment für den Oberaargau

Am Dienstag wurde im Nationalrat ein neues Berner Trio vereidigt. Unter ihnen war der 38-jährige Huttwiler Adrian Wüthrich. Wir haben ihn begleitet.

«Ich gelobe es»: Die Vereidigten Adrian Wüthrich mit Aline Trede (links) und Flavia Wasserfallen, flankiert von zwei Nationalratsweibeln.
«Ich gelobe es»: Die Vereidigten Adrian Wüthrich mit Aline Trede (links) und Flavia Wasserfallen, flankiert von zwei Nationalratsweibeln.
Beat Mathys
Umringt: Mutter Rosmarie Wüthrich, ihr Partner Peter Lüdi und Markus Meyer begleiten den Neonationalrat.
Umringt: Mutter Rosmarie Wüthrich, ihr Partner Peter Lüdi und Markus Meyer begleiten den Neonationalrat.
Beat Mathys
Abfahrt: Der Huttwiler Travail-Suisse-Präsident pendelt regelmässig in die Hauptstadt.
Abfahrt: Der Huttwiler Travail-Suisse-Präsident pendelt regelmässig in die Hauptstadt.
Thomas Peter
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Wer an diesem frühen Morgen ein grosses Tamtam erwartet, wird enttäuscht. Banner und Fähnchen zu Ehren des obersten Gewerkschafters vielleicht? Die Grundausrüstung für eine Demo ist für diesen feierlichen Rahmen offenbar nicht angebracht.

Im Regioexpress 3858 nach Bern unterscheidet sich die Oberaargauer Schar nicht von den Pendlerinnen und Pendlern auf dem Weg zur Arbeit. Eigentlich überhaupt nur dadurch, dass sich ihre Aufmerksamkeit auf eine Person richtet: auf einen blonden, gross gewachsenen Mann mit spitz­bübischem Lächeln.

Er kramt in seiner Mappe und unterhält sich leichtfüssig mit den Umsitzenden. Adrian Wüthrich wirkt, als wäre ihm das Aufheben um seine Person nicht ganz recht, und gleichzeitig so, als freute er sich sehr über den Oberaargauer Tross, der sich mit ihm und seinetwegen auf den Weg ins Bundeshaus macht.

Auch wenn er so daherkommt, ist es kein alltäglicher Gang für Adrian Wüthrich. Zwar pendelt der Travail-Suisse-Präsident zwischen Huttwil und Bern sehr regelmässig, meist sogar zur selben Zeit frühmorgens. Aber nie ist der 38-Jährige dabei umringt von seiner Familie und Parteigenossen, Freunden und Wegbegleitern.

Dass einer aus dem Oberaargau zum Nationalrat gekürt wird – und dann noch ein Sozialdemokrat –, das ist selten genug und bringt die Genossinnen und Genossen auf den Plan: Martin Stuker, Huttwiler SP-Präsident, die Roggwiler SP-Gemeinderätin Yolanda Büschi oder Daniel Gnägi, der Vorsteher der SP Jurasüdfuss.

Sie kommen auf den Aufruf von Markus Meyer, dessen Vater Kurt Meyer 1973 im Nationalrat vereidigt worden war. Der langjährige Regierungsrat war der drittletzte Nationalrat aus dem Oberaargau. Zuletzt schaffte Johann Niklaus Schneider-Ammann 1999 den Sprung in die grosse Kammer – elf Jahre vor seiner Wahl in den Bundesrat. Seither sah sich die Region nicht mehr in Bern vertreten.

In einem «anderen Film» steckt Adrian Wüthrich an diesem Morgen. Gestern Abend wurde er als Vizepräsident der grossrätlichen Kommission für Staatspolitik und Aussenbeziehungen verabschiedet. Mit dem neuen Kapitel, das er als Nationalrat beginnt, schliesst er jenes als Grossrat.

«Da, wo er heute steht, das hat er sich alles selber erchrampfet.»

Rosmarie Wüthrich, Mutter

In blauen Sichtmappen steckt das, was ihn nun erwartet: Finanzdienstleistungssteuergesetz, Verrechnungssteuergesetz. So steht es auf den gelben Trennblättern für die erste nationalrätliche Woche. Die Mäppli erinnern Wüthrich an seine Studentenzeit, als er sich tägliche Dossiers zusammengestellt habe, erzählt er im Zug kurz vor Bern.

Als Politiker ist Wüthrich längst kein Grünschnabel mehr. Er weiss genau, was ihn als Parlamentarier erwartet. Neu ist nur die Rolle, der Sitzplatz in der nationalrätlichen SP-Fraktion, den er als Ersatz des verstorbenen Berner Stapi Alexander Tschäppät übernimmt. Die letzten Jahre suchte Wüthrich als Vertreter des Dachverbands der Arbeitnehmenden in der Wandelhalle das Gespräch.

Im Bundeshaus ging er aber viel früher schon ein und aus, nämlich vor zwanzig Jahren als Gast von Nationalratspräsident Ernst Leuenberger. Das war noch, ehe er Assistent des SP-Doyens und Solothurner Ständerat wurde. Das Warten in der Wandelhalle, die gemeinsamen Mittagessen, die Rauchpausen draussen: Daran erinnert sich Wüthrich an diesem Tag. «Da, wo er heute steht, das hat er sich alles selber erchrampfet», sagt Mutter Rosmarie Wüthrich mit unverhohlenem Stolz und erzählt Anekdoten aus seiner Jugendzeit.

Währenddessen reicht ihr Sohn nebenan auf dem Bundesplatz mit Nationalratskollegin Flavia Wasserfallen Kaffee und Gipfeli. Dann bricht die Delegation auf, passiert den Sicherheitscheck und nimmt auf der Zuschauertribüne Platz. Enttäuscht steckt Rosmarie Wüthrich ihr Mobiltelefon wieder ein: Fotos von hier aus in den Nationalratssaal sind verboten. Er ist halb leer, als die Sitzung eröffnet und die Vereidigung eingeleitet wird.

«Ich gelobe es», verspricht Adrian Wüthrich im Chor mit Flavia Wasserfallen und Aline Trede förmlich, nimmt Glückwünsche und Rosen entgegen.

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