Drama um Oberländer Gletscher geht weiter

Der neue Kryosphärenbericht für die Schweizer Alpen präsentiert vernichtende Zahlen – vorneweg für die Grindelwalder Gletscher. Indes: Alle Oberländer Gletscher haben viel Eis verloren.

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Der neue Kryosphärenbericht des Monitoringprojekts Glamos, welches vom Bundesamt für Umwelt, Meteo Schweiz, von der Akademie der Naturwissenschaften, der ETH Zürich und den Universitäten Freiburg und Zürich finanziert und betrieben wird, zeigt unmissverständlich auf: Obwohl die Schneedecke im vergangenen Jahr im Hochgebirge lange liegen blieb, setzte der warme Spätsommer den Gletschern weiter zu. Der Eisverlust entspricht dem jährlichen Trinkwasserbedarf der Schweiz.

Auch 2016 ein Tiefschlag

Auf alle Gletscher des Landes hochgerechnet ergibt sich gemäss Kryosphärenbericht ein Eisverlust von 900 Millionen Kubikmetern Eis, was etwa eineinhalb Prozent des aktuell in der Schweiz vorhandenen Eisvolumens entspricht. Die Gletscherschmelze fiel somit im Zehnjahresvergleich durchschnittlich aus; in Bezug auf die längerfristige Entwicklung seit Messbeginn vor über 50 Jahren war der Sommer 2016 aber ein weiterer Tiefschlag für die helvetischen Gletscher. Grössere Verluste als im letzten Jahr erlitten die Gletscher nur in den Extremjahren von 2003, 2006, 2011 und 2015. Und der laufende Hitzesommer dürfte zweifellos ein weiterer extremer werden.

Untergletscher: 370 Meter!

Am meisten an Länge – nämlich 370 Meter verlor im Berner Oberland der Untere Grindelwaldgletscher – eine Folge einer langfristigen Entwicklung: Der Gletscher ist im Bereich der Heissen Platte auf rund 2000 Meter Meereshöhe bis auf ein schmales Eisband weggeschmolzen. Im Spätsommer 2015 ist im darunterliegenden ­Gefällknick die Verbindung zur Gletscherzunge abgebrochen (wir haben berichtet), womit sich das aktive Zungenende des zusammenhängenden Gletschers schlagartig um eine grössere Distanz nach oben verschoben hat.

So sieht es vor Ort aus

Im Bereich des Gletschersees (1400 m ü. M.) ist inzwischen sämtliches Eis des einst mächtigen Toteisriegels abgeschmolzen. Entlang des Seeufers gurgelt und plätschert es nicht mehr. Kein Geschiebe mehr, das fast im Sekundentakt von den dahinschmelzenden Eisflanken ins Wasser hinabstürzt – nur noch gespenstische Ruhe.

Ennet des Mättenbergs, am Oberen Grindelwaldgletscher, hat sich seit der Abtrennung des Tot­eisriegels beim Beesibergli (2100 m) vor 4 Jahren die Lücke zum Muttergletscher auf 60 Meter vergrössert. Von der Sonnenterrasse der SAC-Glecksteinhütte kann der Gast das nur einen Kilometer südöstlich davon sichtbare Drama um den Gletscherschwund auf eindrückliche Weise mit beobachten. Jetzt, während der Hitzetage, brechen dort den ganzen Tag unter mächtigem Getöse immer wieder grosse Eisschuppen ab.

(Berner Oberländer)

Erstellt: 06.08.2017, 09:05 Uhr

13 Oberländer Gletscher auf einen Blick

Das schweizerische Gletschermessnetzwerk Glamos beobachtet in den Schweizer Alpen 120 Gletscherzungen. Dazu zählen auch 18 Gletscher des Berner Oberlandes. 5 der 120 Gletscher verzeichneten 2015 einen Vorstoss (2015 waren es deren 4, 2014 gar 6), davon keiner aus dem Oberland.

Die Zahlen von 13 Gletschern mit den Veränderungen des Jahres 2016 im Vergleich zu 2014:
Ammerten (Lenk): Abnahme 1 Meter (2015: 3 m), aktuelle Länge (letzte Messung 2010) 2,45 km, Fläche 1,17 Quadratkilometer; Blüemlisalp (Kandersteg): –18 m (–39 m), 2,45 km/2,23 km2; Eiger (Lauterbrunnen) –1 m (–12), 2,58 km/1,54 km2; Gamchi (Reichenbach) –6 m (–387), 1,79 km/1,24 km2; Gauli (Innertkirchen) keine Angaben (–13), 6,38 km/11,4 km; Kanderfirn (Kandersteg) keine Angaben (–24), 6,28 km/12,23 km2; Oberer Grindelwald (Gr.wald) –42 m (+2), 6,18 km/8,42 km2; Plaine-Morte/Retzli (Lenk) –6 m (–4), 2,73 km/ 7,29 km2; Stein (Gadmen) –29 m (–99), 4,2 km/5,69 km2; Steinlimi (Gadmen) –42 m (–39), 1,93 km/ 1,59 km2; Trift (Gadmen) –1 m (–3), 6,42 km/ 14,91 km2; Tschingel (Lauterbrunnen) –2 m (–39), 3,64 km/6,16 km2; Unterer Grindelwald (Grindelwald) –370 m (–452), 7,68 km/16,7 km2. bpm

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