Matten

Eingeklemmt zwischen Autobahn und Eisenbahn

MattenEin Wohnwagen für die Eltern, ein Wohnwagen für die beiden Söhne, dazwischen ein Platz, auf dem sich das Leben abspielt: So lebt Claude Gerzner mit seiner Familie auf dem Standplatz in Matten.

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Claude Gerzner ist sofort zur Stelle. Nein, sagt er, es sei egal, wo der Camper zu stehen komme. Und ja, Wasser- und Stromanschluss seien vorhanden. Trotzdem folgt gleich bei der Ankunft ein erstes Problem. Das Kabel der eigenen Rolle reicht nicht bis zur Steckdose, doch Claude Gerzner schafft mit einem längeren Kabel Abhilfe. Nach einem Kontrollblick verschwindet er nochmals. Er kommt zurück mit zwei Keilen, legt sie vor die Vorderräder und bittet, kurz vorwärtszufahren. Erst jetzt fällt auf, dass der Boden leicht abfällt, das Fahrzeug also erst jetzt gerade steht. Nur so werde es im Camper bequem sein, prophezeit er.

Da redet einer aus Erfahrung. Claude Gerzner ist Fahrender – Jenischer, wie sich der 48-Jährige von anderen, nicht sesshaften Gruppierungen abgrenzt (siehe Box). Mit seiner Frau Jolanda (40) und den Söhnen Anthony (15) und Justin (13) ist er Jahr für Jahr vom frühen Frühling bis in den späten Herbst auf Reisen. Nur im Winter lässt er sich jeweils für kurze Zeit fix nieder.

Vor zehn Tagen hat die Familie den Standplatz für Schweizer Fahrende in Matten bei Inter­laken erreicht, wo sie noch eine Woche lang bleibt. Bernerzeitung.ch/Newsnet wird sie dabei begleiten.

Lorbeeren für Bern

Der Platz. Er liegt in Sichtweite des Jungfrauparks eingeklemmt zwischen Autobahn und Eisenbahn gleich neben einem kleinen Werkhof und fasst 15 Wohneinheiten. Seine Infrastruktur fällt mit zehn Steckdosen, fünf Wasserhahnen, zwei mobilen Toilettenhäuschen und einem Abfallcontainer nicht eben üppig aus. Doch Claude Gerzner ist zufrieden.

Zumal der Platz relativ flexibel nutzbar ist: Auf Voranmeldung erhalten die Jenischen den Code fürs Vorhängeschloss am Zugangstor und können auch anreisen, wenn die Gemeindeverwaltung zu ist. Die persönliche Anmeldung holen sie am nächsten Werktag nach.

«Wir reisen halt häufig an den Wochenenden weiter, wenn auch unser Geschäft ruht», sagt Claude Gerzner dazu. Und erzählt, wie schwierig es werden kann, wenn Plätze nur zu Bürozeiten bezogen werden können. Oder wenn dabei die Polizei anwesend sein muss und diese gerade keine Zeit hat. Andernorts läuft der Strombezug über eine Karte, die auf der Verwaltung gekauft oder aufgeladen werden muss. Wenn die Schalter zu sind, «haben wir stunden- bis tagelang keinen Strom».

In Matten deckt eine Pauschale von 15 Franken pro Tag und Wohneinheit sämtliche Kosten. Für Claude Gerzner steht die unkomplizierte Lösung dafür, wie die Berner Behörden heute mit den Jenischen umgehen: «Der Kanton gibt sich Mühe.»

Die Küche ist draussen

Das Leben von Claude Gerzner und seiner Familie spielt sich auf einem Platz ab, der auf drei Seiten vom grösseren Wohnwagen der Eltern, vom kleineren Wohnwagen der Söhne sowie von einem Fahrzeug für etliches Gerät begrenzt wird. Der Hausherr bittet unter das Vorzelt. Ein Tisch, vier Stühle und ein separates Möbel mit einer frischen Blumenschale prägen das Bild.

«Hier drin», sagt er und zeigt auf das Möbel, «versorgen wir die Kochplatten.» Jenische wohnten zum grossen Teil halt draussen, fährt er fort. Jetzt, wo es Sommer und schön warm sei, sowieso, aber auch im Winter sei es so, dass viele draussen zumindest kochten.

Verwandte auf dem Platz

Die Erwachsenen setzen sich nun an den Tisch, trinken einen Kaffee und plaudern. Die beiden Junioren rollen derweil den Gartenschlauch aus und kühlen sich ab. Erst setzt sich der eine die Taucherbrille auf und lässt sich vom anderen abduschen, anschliessend wiederholt sich das Spiel mit vertauschten Rollen. Später am Abend setzt sich ­Justin, der jüngere, mit seinem Keyboard dazu und spielt, nachdem er den Vater um Erlaubnis gefragt hat, ein paar Melodien:

Es wird ruhig über dem Platz, auf dem nur noch zwei weitere Familien ihr Lager aufgeschlagen haben. Es sind Verwandte, in der einen Ecke wohnen die Schwiegereltern von Claude Gerzner, in der anderen der Cousin und seine Frau. «Wir treffen uns immer wieder auf unseren Reisen, mal machen wir ab, mal sehen wir uns zufällig.»

Erlebnis am Gleitschirm

Unvermittelt taucht Albert Mülhauser, der Cousin, unter dem Vordach auf. Der 60-Jährige hat sich gerade seinen ersten Tandemgleitschirmflug gegönnt und schwärmt von dem, was er erlebt hat. Viel zu erzählen gibt ihm auch die Begegnung mit dem Piloten, einem Einheimischen. Dieser habe auf die Frage, ob er wisse, dass er mit einem echten Jenischen unterwegs sei, mit einem grossen Fragezeichen im Gesicht reagiert. Nach einigen Erklärungen habe der Pilot dann erklärt, er erinnere sich daran, dass die Fahrenden mal für mehr Standplätze demonstriert hätten.

Aus der Vogelperspektive erfuhr der Pilot noch etwas mehr von seinem Fluggast. «Ich zeigte ihm den Platz, auf dem wir früher regelmässig haltgemacht haben.» Heute dient dieser Kiesplatz nur noch zum Parkieren. Er ist mit einem Campingverbot belegt. (Berner Zeitung)

Erstellt: 19.06.2017, 11:38 Uhr

Serie: Bei den Fahrenden

Immer wieder und öfter als auch schon kam es letzten Sommer im Bernbiet zu Konflikten ­zwischen der fahrenden und der sesshaften Bevölkerung.

Die Medien berichteten, meist aber nur als Aussenstehende. Der Alltag, wie ihn die Fahrenden selber erleben, war kaum ein Thema. Diese Seite will die BZ nun beleuchten.

Die ganze Woche weilt Redaktor Stephan Künzi bei einer Familie, die der Gruppe der Schweizer ­Jenischen angehört, auf ihrem aktuellen Standplatz. Er wird täglich von seinen Erlebnissen berichten und so Einblick in eine Welt geben, die vielen so fremd, so verschlossen ist.

Der Unterschied

«Sie machen viel kaputt.» Claude Gerzner geht klar auf Distanz zu den ausländischen Fahrenden, die im Bernbiet regelmässig für Aufsehen sorgen. Seis, dass sie auf den Feldern unappetitliche Häufchen hinterlassen, seis, dass ihr Benehmen als arrogant empfunden wird – «wir haben eine völlig andere Kultur», betont er. Die Gemeinsamkeiten zwischen den ausländischen ­Roma und den Schweizer Jenischen aus seinem eigenen Umfeld erschöpften sich in der fahrenden Lebensweise.

Das zeigt sich nicht allein darin, dass die Sprache der Roma so ganz anders klingt als die der Jenischen, die Claude Gerzner neben dem Schweizer Dialekt auch noch spricht. Vor allem dieser Punkt ist ihm wichtig: «Wir treffen gern saubere Plätze an und hinterlassen sie deshalb auch entsprechend sauber», betont er. Aber auch noch ein zweiter: «Wir sind in einer Gemeinde angemeldet und zahlen dort unsere Steuern.»

Er bedaure es, dass die Roma mit ihrer Mentalität die Fahrenden generell bei den Einhei­mischen in Verruf brächten. «Dabei sind wir doch genauso Schweizer wie die Ansässigen und wissen, was sich hierzulande gehört.» skk

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