Interlaken

Entspannt plaudern in 1000 Metern Höhe

InterlakenWas Hawaii für die Surfer ist, ist Interlaken für die Gleitschirmflieger. Allein auf der Höhematte landen pro Jahr 20'000 Para­glider.

Tandem-Pilot Peter Bühler und sein Team von Twin Paragliding zeigen Touristen das Berner Oberland von oben.
Video: Michael Bucher

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Es herrscht Kaiserwetter in Interlaken. Über der Höhematte gegenüber dem Fünfsternhaus Victoria-Jungfrau kreisen 12 bunte Gleitschirmflieger. In den Sommermonaten sind die Farbtupfer am Himmel über der Touristenstadt nicht wegzudenken. Ich sitze im Café gegenüber und beobachte die Szenerie. In knapp einer Stunde werde auch ich dort oben herumfliegen.

Da! Ein Tandempaar mit blau-weissem Schirm landet auf der Höhematte. Einer davon muss Peter Bühler sein, mein Pilot. Die Schirmfarben passen zu seiner vorgängigen Beschreibung. Doch es kommt anders. Peter Bühler, den hier alle bloss Pitsch nennen, kommt auf dem Fahrrad daher – in der Hand hält er eine füllige Ikea-Tasche mit frischer Wäsche darin. «Wir waren genug Piloten. Ich habe deshalb das Waschen übernommen», begründet er den unerwarteten Auftritt mit einem Lächeln.

Die kommerzielle Tandem­fliegerei in Interlaken lebt fast ausschliesslich vom ausländischen Tourismus. Das ist auch bei Pitsch nicht anders. Wir sind mittlerweile beim Meeting Point hinter einem Souvenirladen angekommen. Südkorea, Jordanien, Indien, USA – aus aller Herren Ländern stammen meine Flug­gefährtinnen und -gefährten.

Während die erste Boom­phase in den 90er-Jahren amerikanische Studenten los­traten, sind heute Koreaner, Inder und Araber die Herren der Lüfte. «Auch die Chinesen sind gross im Kommen», meint Pitsch. Seinen ersten Flug machte er 1990, gleich nach dem Abschluss einer Berufslehre als Zimmermann. Seither fliegt der 50-Jährige hauptberuflich als Tandempilot Touristen über Interlaken. Seit über 20 Jahren mit seinem eigenen Geschäft Twin Paragliding.

«Seckle, seckle, seckle! – das ist der einzige Satz, den wir Piloten auch auf Indisch, Koreanisch und Chinesisch können müssen.»Peter «Pitsch» Bühler

Die je acht Piloten und Passagiere sind alle anwesend. Ein ­Klischee-Ami älteren Semesters erkundigt sich, ob er mit US­Dollars bezahlen könne. Für Pitsch kein Problem. «Das ist normal hier in Interlaken.» Sein Handy klingelt im 5-Minuten-Takt. Via Headset, das mit ihm verwachsen zu sein scheint, gibt er in geschliffenem Englisch ­Auskunft. Ja, morgen sei eine Pilotin frei. Offenbar ein Kunde aus dem arabischen Raum, der für seine Frau bucht. Denn der muslimische Glaube verbietet es, dass eine verheiratete Frau mit einem Mann fliegt. Auch heute ist ein muslimisches Paar aus Jordanien in unserer Gruppe.

Mit einer Mischung aus ­hibbeliger Vorfreude und fiebriger Nervosität hüpfe ich mit der Multikulti-Truppe in zwei Kleinbusse. Wir kurven die engen Strassen hinauf Richtung Bea­tenberg. Währenddessen gibt David – ein Tandempilot, der mit seinem wallenden blonden Haar eher einem Surfer ähnelt – in der Standardsprache Englisch Ins­truktionen. Es sind erstaunlich wenige. Das Wichtigste ist das Rennen vor dem Abheben. «Seckle, seckle, seckle! – das ist der einzige Satz, den wir Piloten auch auf Indisch, Koreanisch und Chinesisch können müssen», sagt Pitsch.

Wir nähern uns dem beliebten Startplatz Amisbühl oberhalb von Beatenberg auf 1320 Metern. Die Stimmung unter den Piloten ist locker. Man merkt, da sitzen Leute, die ihr Hobby zum Beruf gemacht haben. Auf Radio BeO läuft «Happy» von Pharell Williams. Irgendwie passend.

Oben angekommen macht erst mal jeder breit grinsend ein Selfie. Der Puls steigt. Dann geht alles sehr schnell. «Gstältli» und Helm sind bald montiert. Wieso eigentlich ein Helm, frage ich mich. Damit ich mir bei einem Absturz nicht zu sehr den Kopf stosse? Haha! Galgenhumor hilft. «Klack» – schon bin ich bei Pitsch eingehackt. «We have super cool weather to fly, wohoo!», jauchzt David. Um uns herum türmen sich Cumulus-Wolken auf. «Das ist ideal», sagt Pitsch, «das deutet auf gute Thermik hin.»

Mit einem Freudenschrei heben die anderen ab Richtung Tal. Nun sind wir dran. «Das Abheben sollte kein Problem sein bei dem Wetter», kündet Pitsch an. Und tatsächlich, nach sechs bis sieben schnellen Schritten lassen wir die Erde unter uns. Der Aufwind hebt uns sehr bald in ungeahnte Höhen. Zum ersten Mal spüre ich abstrakte Begriffe wie Thermik am eigenen Leib. Der Puls rast. Rechts präsentiert sich der malerische Thunersee, links rückt Interlaken ins Bild. Die Aussicht ist atemberaubend. Pitsch erzählt von einem ja­panischen Maler, der an dieser Stelle seinen Block zückte und die Umgebung skizzierte. Sachen gibts.

Je länger wir in der Luft sind, desto mehr weicht die Aufgeregtheit einer wohligen Entspanntheit. Pitsch, der auch Präsident des Vereins der kommerziellen Piloten Interlaken ist, erzählt jetzt über die oftmals zähen Verhandlungen mit Ferienhausbesitzern, die nicht nur Freude an der emsigen Fliegerei haben. Zig Start- und Landeplätze, die etlichen Transfers mit den Kleinbussen – die Infrastruktur ist gewissermassen ausgereizt.

Kein Wunder bei über 20'000 Landungen pro Jahr allein auf der Höhematte (siehe Kasten). Der Verein hat sich deshalb mit einem Moratorium selbst eine Beschränkung des Flugverkehrs auferlegt. Pitsch erzählt mir das in einem lockeren Gespräch, als würden wir immer noch im Café sitzen und nicht 1200 Meter darüber.

Das Bild unter ­meinen Füssen kenne ich nur von zahlreichen Google-Map-Suchen in Satellitenansicht.

Jetzt gleiten wir über die Aussichtsplattform auf dem Harder Kulm. Die Touristen winken uns, höflich winke ich zurück und versuche, dabei nicht wie die Queen auszusehen. Rund eine halbe Stunde dauert der 160-Franken-Flug. «Bei dem Aufwind könnten wir stundenlang weiterfliegen», sagt Pitsch. Über 15'000 Flüge hat der gebürtige Mattner bereits in den Knochen. Bis zu 8 schaffen er und sein Team pro Tag in der Hochsaison.

Stumpfen da nicht irgendwann die Emotionen ab? Es sei sicher nicht mehr wie beim ersten Flug, sagt Pitsch, «aber wenn ich bedenke, dass ich mit Fliegen meinen Lebensunterhalt verdiene, so finde ich das auch heute noch wahnsinnig toll». Touché!

Langsam kurven wir nach unten Richtung Höhematte. Das Bild unter meinen Füssen kenne ich nur von zahlreichen Google-Map-Suchen in Satelliten­ansicht. Die Häuser sehen wie kleine Bauklötze aus. Das sei der Moment, in dem mancher Amerikaner sage «looks like Disneyland», erzählt Pitsch. Die Kurven werden nun enger, der Magen zieht sich etwas zusammen. Jetzt möchte ich ein lautes «Wohoo» herausschreien. Ich halte inne und denke an die Weisung von David vor dem Abflug zurück, während des Fluges nicht zu schreien. Denn Freudenschreie von Touristinnen und Touristen sorgen immer mal wieder für ­Ärger auf dem Bödeli.

Die Landung gerät weicher als gedacht. Eine japanische Familie jubelt uns zu. Kaum ist der Schirm eingepackt, verbindet Pitsch seinen Kartenleser mit meinem Smartphone. Nach 30 Sekunden habe ich die Fotos und Videos, die er während des Fluges mit einer Minikamera gemacht hat, auf meinem Handy. Ein Standardservice.

«Die Touristen haben oft ein dichtes Programm und wollen keine Zeit verlieren», klärt mich Pitsch auf. «Die wollen am selben Tag noch aufs Schilthorn oder auf die Jungfrau.» Auf mich wartet hingegen der Zug zurück ins Unterland, wo ich mich auf dem Handy durch die Fotos wische und gedanklich wieder weit oben bin. (Berner Zeitung)

Erstellt: 29.07.2018, 19:54 Uhr

Gleitschirm-Mekka

Interlaken gilt als internationales Mekka für die Gleitschirmfliegerei. Aus zahllosen Ländern schwingen sich hier Männer und Frauen bei einem Tandemflug in die Lüfte. Die besondere ­Topografie macht Fliegen an rund 300 Tagen im Jahr möglich. Dementsprechend gross ist auch das Angebot. Christian Boppart, Direktor des Schweizerischen Hängegleiterverbands, sagte letztes Jahr gegenüber ­dieser Zeitung: «Nirgendwo sonst gibt es in der Schweiz eine so grosse Anzahl an Piloten im Verhältnis zur Bevölkerung wie in Interlaken und Umgebung.» Schon 2008 stellte der Verband fest, dass es im ­damaligen Amtsbezirk Interlaken 974 Piloten bei einer Einwohnerzahl von 33'349 Personen gibt.

In der Hochsaison fliegen für alle Anbieter 50 bis 60 Piloten ­jeden Tag und landen auf der Höhematte. Die acht Hektaren grosse Grünfläche gleich vor dem Fünfsternhaus Victoria-Jungfrau gilt als Hauptlandeplatz für die Gleitschirmflieger. Auf dem Privatgrundstück, das zur Mehrheit dem Hotel Victoria-Jungfrau gehört, gibt es jährlich weit über 20'000 Landungen. Die Landbesitzer werden mit 1 Franken pro Landung entschädigt.

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