Saanen

Menuhin Festival: Zwei spielen zum Preis der Echtheit

SaanenUngekünstelt und experimentierfreudig: So kam die norwegische Geigerin Vilde Frang an der Eröffnung des Gstaad Menuhin Festival rüber – in atemberaubendem Zusammenspiel mit dem Pianisten Aleksandar Madžar.

Traumhaft sicher, blindes Verständnis, echter Ton. Die norwegische Geigerin Vilde Frang und der serbische Pianist Aleksandar Madžar interpretierten an der Eröffnung des Gstaad Menuhin Festival in der Kirche Saanen anspruchsvolle Werke von Brahms und Schubert und einen sperrigen Bartók.

Traumhaft sicher, blindes Verständnis, echter Ton. Die norwegische Geigerin Vilde Frang und der serbische Pianist Aleksandar Madžar interpretierten an der Eröffnung des Gstaad Menuhin Festival in der Kirche Saanen anspruchsvolle Werke von Brahms und Schubert und einen sperrigen Bartók. Bild: zvg/Raphael Faux

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Sie wirkt höchst präsent, neugierig, elfenhaft geheimnisvoll, mit einem leichten Zug ins Schelmische. Und so spielt sie auch, die 30-jährige Norwegerin Vilde Frang: technisch brillant, dem aufgeraut-unverfälschten Ton hingegeben, auf nichts fixiert. Die garderobisch so herrlich Unaufgebretzelte ist von Beginn an bereit, den inneren Reichtum von Johannes Brahms’ Violinsonate G-Dur Nr. 1 op. 78 aufzuspüren.

Denn darum geht es dem Gstaad Menuhin Festival in seiner heurigen Ausgabe: Wenn nicht äusserer «Pomp in Music» zu erkennen und zu zelebrieren ist, dann sind da die feinen Strukturen der Komposition zum Blühen zu bringen. Letzteres ist am Eröffnungskonzert vom Donnerstagabend in der gut gefüllten, aber nicht ausverkauften Kirche Saanen der Fall.

Nichts Triefendes

Vilde Frang – heuer Artiste in Residence – ist von Anfang an ganz bei sich. Ihr Partner am Klavier, Aleksandar Madžar (49), hat vorerst noch einen härteren Anschlag, findet aber bald zu Geschmeidigkeit und Differenziertheit. Gemeinsam machen sie das Klanggebäude transparent, loten sie den zerbrechlich-sanften Innenbau aus, die lastende Trauer, finden sich im Adagio im wogenden und gleichwertigen Austausch. Dieser Brahms berührt, weil er sich nicht in triefenden Sentimentalitäten verliert. Es ist die Echtheit des direkten Zugs, die einnimmt.

Sehr eigenständig

Am aussagekräftigsten und intensivsten aber spielt das Duo die Fantasie C-Dur für Violine und Klavier D 934 von Franz Schubert – wahrlich fantasmen- und herrlich farbenreich. Die skandinavische Geigerin und der serbische Pianist präsentieren sich mit sehr eigenständigem Ausdruck, variieren das Grundmotiv einprägsam, verdichten ihren Spielstil, tragen sich gegenseitig wie fort und finden ein Gleichgewicht zwischen individuellem Ausdruck und ho­mogenem Klangteppich. Auch hier gehört das Adagio zum Stärksten des Abends, finden musikalische Zwiegespräche von hoher Qualität statt, ist die Tonalität von ungekünstelter Direktheit.

Echtheit hat eben ihren Preis

Der Violinsonate Nr. 1 Sz. 75 von Béla Bartók bleiben Frang und Madžar ihrer Experimentierfreudigkeit nichts schuldig: sie mit ganz eigener wilder, besser: vilder Zugkraft, sphärischer Durchdringlichkeit und gezupfter Verspieltheit; er mit einer Mischung aus meditativem Einschlag und aufbrausender Wucht. Mutig auch: Das Duo lässt diesen Bartók ungefiltert stehen und liefert trotz lang anhaltendem Applaus keine Zugabe. Dadurch wäre die Eigenwilligkeit der letzten Komposition nur unnötig versüsst worden. Das wollten die beiden nicht. Echtheit hat eben ihren Preis. Darum war dieser ­Eröffnungsabend jenseits von ködernden «Rennern» auch so eindrücklich.

Klicken Sie sich unten durch die Bildstrecke und schauen Sie, wer an der Eröffnungsfeier des Menuhin Festivals alles dabei war:

Vilde Frang hat noch zwei Auftritte am Festival: Do, 20. 7., mit Sol Gabetta (Cello) und Nicholas Angelich (Klavier), sowie Fr, 21. 7., mit der Camerata Salzburg; je um 19.30 Uhr in der Kirche Saanen. (Berner Oberländer)

Erstellt: 14.07.2017, 17:28 Uhr

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