Wilderer erlegt Luchsmutter

Ein Wilderer hat einer Luchsmutter in den Bauch geschossen, sie trieb tot am Ufer des Thunersees. Das Jagdinspektorat bedauert den Vorfall und erklärt, Anzeige zu erstatten sei mitunter schwierig.

Eine Luchsmutter mit ihren Jungen im Schnee. Das Bild entstand in der Gegend um die Gemeinde Sigriswil.

Eine Luchsmutter mit ihren Jungen im Schnee. Das Bild entstand in der Gegend um die Gemeinde Sigriswil. Bild: Fachstelle Kora

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«Eine Luchsmutter vergnügt sich mit ihren Jungen im Schnee im Gebiet der Gemeinde Sigriswil.» Diese Bildlegende schrieben wir zum nebenstehenden Foto, das in der Zeitung abgebildet war. Das Bild stammte aus einer Fotofalle, die auch zur Bestandeserhebung verwendet wird, zum sogenannten Monitoring.

Während des letzten Winters (2015/2016) wurden so 16 Luchse und 5 Jungtiere gezählt, die mittlerweile zwischen Thuner- und Brienzersee, über den Brünig und bis nach Luzern heimisch sind.Doch die Luchsmutter gibt es nicht mehr, wie nun bekannt wurde.

«Ebendieses Weibchen wurde kürzlich in der Altjahreswoche tot aufgefunden, mit einem grossen Einschussloch im Bauch», sagt Wildtierbiologe Florin Kunz von der Fachstelle Kora, die Forschungsprojekte koordiniert und sich mit der Erforschung und dem Management von Grossraubtieren in der Schweiz befasst.

Das Tier sei irgendwann Anfang dieses Winters gewildert worden. «Wir haben das Tier anhand des Fellmusters identifizieren können.» Gefunden hat man das Tier am Ufer des Thunersees, bei Beatenberg, es trieb im Wasser. Die Fachstelle listet auf ihrer Website alle «Verluste» von Luchsen auf: Demnach gab es 2016 schweizweit mehrere Fälle von Wilderei.

Keine offizielle Statistik

Das Jagdinspektorat konnte sich aus rechtlichen Gründen nicht zum genannten Einzelfall äussern, man bedauerte den Vorfall und liess ausrichten, man nehme «jeden Fall von Wilderei sehr ernst». Jagdinspektor Niklaus Blatter erklärt, Wilderer seien heute gut ausgerüstet, etwa mit Nachtsichtgeräten oder Schalldämpfern an den Gewehren. Dazu mit Auto mobil und per Smartphone bestens mit Kollegen vernetzt.

Fehle überdies das erlegte Wild, sei es fast unmöglich, überhaupt einen Fall von Wilderei nachzuweisen. «Nur wenn genügend Informationen vorliegen, ist eine Anzeige gegen eine konkrete Täterschaft möglich.» Blatters Vorgänger bezifferte die Anzahl Verurteilungen wegen illegaler Jagd auf eine pro Jahr.

Schon früher stand der Luchs auf der Abschussliste: Im Jahr 2000 fielen nach einer Kontroverse um Luchse, welche Schafe und Wildtiere angefallen hatten, in den Kantonen Bern und Waadt sechs Luchse Wilderern zum Opfer.

200 Luchse in der Schweiz

Damit nicht genug: Von einem der Tiere wurden dem damaligen Jagdinspektorat die Pfoten geschickt, inklusive Morddrohungen. Wie diese Zeitung berichtete, wurden die Verfahren gegen die unbekannten Luchswilderer später allesamt eingestellt. Von den Tätern fehlt bis heute jede Spur. Und: Eine offizielle Statistik über Fälle von Wilderei gibt es im Kanton nicht.

Der Luchsbestand wird in verschiedenen Gebieten der Schweiz regelmässig untersucht, derzeit läuft erneut ein Monitoring im Oberland: südlich von Thuner- und Brienzersee, östlich vom ­Kandertal und westlich vom ­Haslital. Rund 200 Luchse leben heute schätzungsweise in der Schweiz. Am meisten gibt es im südlichen Jura (2,61 Luchse pro 100 Quadratkilometer), am wenigsten in Wallis-Nord (0,62).

Gemäss Fachstelle Kora ist die Hauptspeise des Luchses das Reh, an zweiter Stelle stehe die Gams, erklärt Florin Kunz. Ein Beutetier dieser Art fresse der Luchs durchschnittlich pro Woche. Doch er begnüge sich auch mit weniger, indem er auch Füchse, Hasen oder Murmeltiere reisse.«Selten vergreift sich ein Luchs auch mal an einem Nutztier wie einem Schaf oder einer Ziege.» Dies habe sich aber auf einem tiefen Niveau von ungefähr 30 Stück schweizweit eingependelt.

Im Oberland sind letztes Jahr Schafhalter für rund 15 gerissene Tiere entschädigt worden, weiss Walter Kunz, Einsatzleiter Wildhut im Oberland. (Berner Oberländer)

Erstellt: 08.02.2017, 21:33 Uhr

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