Lauterbrunnen

Das Schilthorn klingt wie ein Ponyhof

LauterbrunnenEin Tonstudio auf fast 3000 Metern über Meer? Kann man machen, fand der Lauterbrunner Christian Häni. Die neue Miniplatte «Ponyhof» von Halunke ist diese Woche in luftiger Höhe entstanden.

Christian Häni (vorne) mit Ehefrau Anja sowie Filmproduzent Simon von Allmen in der Crystal Lounge auf dem Schilthorn, wo die neue Platte «Ponyhof» entsteht.

Christian Häni (vorne) mit Ehefrau Anja sowie Filmproduzent Simon von Allmen in der Crystal Lounge auf dem Schilthorn, wo die neue Platte «Ponyhof» entsteht. Bild: Christoph Buchs

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Hochsommer heisst auch Hochbetrieb in der Sommersaison der Schilthornbahn: Schon vor 8 Uhr vormittags sind die Gondeln ab Stechelberg randvoll mit Touristen, und auch in Mürren muss man unter Umständen eine Kabine bergwärts ziehen lassen, bevor die Reise weitergeht. Oben auf dem Schilthorn führen zwei Rolltreppen zum Drehrestaurant. Im Zwischengeschoss gibt es ein paar unauffällige Türen. Auf einer steht mit Filzstift geschrieben: «Privat».

Wer eintritt, der steht in einem Tonstudio.Am Computer sitzen Christian Häni, bekannt geworden als Sänger der Lauterbrunner Band Scream, und seine Frau Anja, Backgroundsängerin und Managerin der gemeinsamen Formation Halunke. Sie hören sich gerade eine Rohversion eines neuen Songs an. Ganz zufrieden sind sie noch nicht. «Da braucht es noch einen Übergang zum nächsten Titel», findet Christian Häni und spielt auf einem digitalen Synthesizer.

«Mit dem Film können wir unserem Publikum ein zusätzliches Erlebnis bieten. Die Leute wissen, dass wir für diese Songs in die Berge gegangen sind.»Christian Häni

Studio mit Panoramafenstern

Eine ganze Woche lang haben sich Hänis auf dem Schilthorngipfel verschanzt, wie einst der Bond-Bösewicht Blofeld im Film «Im Geheimdienst Ihrer Majestät». Ihre Mission ist aber kei­neswegs zwielichtig wie jene der glatzköpfigen, wahnsinnigen Filmfigur, und sie streicheln auch keine weisse Katze, sondern ihr weisses Hündchen Shaila leistet ihnen Gesellschaft.

Es entstehen keine Absichten, die Weltherrschaft an sich zu reissen, sondern es entstehen Popsongs für ein neues Minialbum. Der Song «Las Vegas» ist in den letzten Wochen auf knapp 3000 Metern über Meer entstanden, auch der «Rote Teppich» und drei weitere Titel. «Ein paar von ihnen dürften es ins Radio schaffen», sagt Christian Häni.

Das Ehepaar hat hier oben bereits im Herbst 2015 eine EP produziert, während man bei der Schilthornbahn gerade die Re­visionsarbeiten ausführte. «Die letzte Gondel verliess um 4 Uhr den Gipfel, die erste kam am Morgen um 8 Uhr an. Dazwischen waren wir einfach allein für uns», so Häni.

Ein Bild für die sozialen Medien: Christian und Anja Häni posieren auf der Aussichtsplattform des Schilthorns mit James Bond.

Die Erinnerungen an jene Zeit sind so gut, dass das Duo beschlossen hat, das Schilthorn erneut für eine Woche heimzusuchen. Seit Freitag arbeiten sie in der Crystal Lounge, einem kleinen Konferenzraum mit gross­zügigen Panoramafenstern. Die weiteren Halunke-Musiker kamen in den letzten Tagen zu Besuch, spielten ihre Instrumente ins Aufnahmegerät und reisten wieder ab.

Die Grundgerüste der neuen Songs hat Häni vorgängig erstellt, die definitiven Aufnahmen und der Feinschliff entstehen auf dem Schilthorn.

Filmische Dokumentation

Logistisch sei die Arbeitswoche auf dem Gipfel eine Herausforderung, schon nur was den Transport betreffe. «Wir mussten uns überlegen, was wir alles mitnehmen müssen und was weniger nötig ist», so Häni. Ein VW Touran wurde schliesslich bis unters Dach gefüllt; auf sperrige Instrumente wie ein akustisches Klavier wurde verzichtet. Mit der Schilthornbahn gibt es so etwas wie eine Partnerschaft: Kost und Logis auf dem Gipfel sowie der Transport sind kostenlos, zusätzlich übernimmt das Bergbahnunternehmen einen Teil der Produktionskosten.

Im Gegenzug machen Halunke in den sozialen Medien Werbung. Nicht nur Foto-, sondern auch Filmmaterial gibt es zu sehen: Simon von Allmen, ehemaliger Bandkollege von Häni bei Scream und heutiger Filmproduzent, kennt Häni seit Kindertagen. Er begleitet ­Anja und Christian Häni bei ihrer Arbeit und erstellt eine filmische Dokumentation.

«Damit können wir unserem Publikum ein zusätzliches Erlebnis bieten. Die Leute wissen, dass wir für diese Songs in die Berge gegangen sind», sagt Häni.

«Im Durchschnitt komme ich auf drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht.»Christian Häni

Viel Arbeit, wenig Schlaf

Die Hochgebirgslandschaft sei für die Musik inspirierend. «Besonders frühmorgens, wenn noch keine Touristen hier sind.» Doch Häni macht hier keineswegs Ferien, wie er klarstellt, sondern leistet einiges an Arbeit – und gönnt sich in dieser Zeit wenig Erholung.

«Im Durchschnitt komme ich auf drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht», sagt er. Und die Höhe mache sich bemerkbar; nicht nur mit der grösseren Anstrengung, sondern beispielsweise auch mit der Stimme, die auf 3000 Metern anders klinge als im Tal.

Doch da ist eben auch dieses einzigartige Erlebnis. «Wenn ich mit Simon mitten in der Nacht im Drehrestaurant sitze und die gleichen Nussgipfel esse, die es bereits damals nach unseren Schülerskirennen gab, dann merke ich, dass es schon ein Traum ist, den ich mir hier verwirkliche.»

Nach dieser Schilthorn-Woche werde Christian Häni «zuerst mal ein paar Tage schlafen», sagt er schmunzelnd. Das Ergebnis der Arbeit gibts schon bald zu hören: Eine Single erscheint im Oktober, das Minialbum namens «Ponyhof» im Januar. (Berner Oberländer)

Erstellt: 10.08.2018, 06:12 Uhr

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