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Dem Licht auf der Spur

Ein aussergewöhnliches Lichtspiel: Peter Würgler erforscht seit neun Jahren die Zusammenhänge zwischen der Sonnenlaufbahn und der Architektur bei der ­Michaelskirche.

Phänomen: Peter Würgler (l.) erklärt, wie die Lichtstrahlen durch die Alpbachschlucht für kurze Zeit auf den Kirchturm fallen.
Phänomen: Peter Würgler (l.) erklärt, wie die Lichtstrahlen durch die Alpbachschlucht für kurze Zeit auf den Kirchturm fallen.
Ursula Koch-Egli

«Wer bekommt am längsten Tag im Jahr jeweils den ersten Sonnenstrahl? Der Pfarrer!» Dies hatte Peter Würglers Grossvater Hermann ihm als kleiner Junge erzählt. Erst viele Jahrzehnte später besann sich der Meiringer Würgler wieder auf diese Aus­sage. Er begab er sich an einem 21. Juni zur Michaelskirche, um den Sonnenaufgang zu beobachten. Was er erblickte, sei atemberaubend gewesen. Ein schmaler Keil aus Sonnenlicht erhellte exakt den obersten Teil des Glockenturms. «Das kann unmöglich Zufall sein», war er sich sicher.

Von da an ging er zusammen mit seinem Bruder Heinrich der Sache auf die Spur. Sie beobachteten den Sonnenlauf genau und stellten ihn in Zusammenhang mit den geografischen Begebenheiten des Ortes.

Immer zur Sonnenwende

Jedes Jahr kann an den vier Tagen um den 21. Juni beobachtet werden, wie das Sonnenlicht zuerst die Spitze des Turmes beleuchtet und dann über dessen Nordostkante hinunterwandert, weiter über das Kirchendach hinweg exakt bis zum ursprüng­lichen Portal auf der Nordseite, während die Umgebung noch im Schatten liegt.

Die Bahn der schräg aufwärtssteigenden Sonne kreuzt kurz vor acht Uhr während weniger Minuten den schmalen Einschnitt der Schlucht. Aufgrund des Einfallswinkels der Strahlen geschieht dies einzig an den Tagen um die Sonnenwende, wenn die Sonne am nördlichsten Punkt des Horizonts aufgeht. Genau dann fällt der schmale Lichtkeil exakt auf den Glockenturm.

Die Felsschlucht unterhalb des Schrändli verläuft exakt in der ­Linie der Sonnenstrahlen. Genau an jener Stelle, wo der Lichtkeil während bloss vier Minuten auf den Talboden fällt, wurde ein Turm erbaut. «Irgendwann müssen Menschen dies beobachtet haben», sinniert Peter Würgler. «Da kommt natürlich die Frage auf, was hier zu früheren Zeiten gestanden haben mag.» Bei Ausgrabungen wurden unter der heutigen Michaelskirche bereits Mauern einer Kirche aus dem 10. Jahrhundert gefunden. «Dass da auch römische oder gar keltische Bauten zu finden wären, ist nur die logische Folge all dieser Fakten», sagt Würgler.

Die mündliche Überlieferung seines Grossvater wurde für Peter Würgler zu einem Projekt, das Astronomie, Geografie und Kalenderwissen mit der Geschichte von Meiringen verbindet und möglicherweise noch weitere Kreise ziehen wird.

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