Rock ’n’ Roller bringen den Schnee zum Schmelzen

Kleine Scheidegg

Prächtiges Frühlingswetter zum 20-Jahr-Jubiläum des Snowpenairs: Nach den helvetischen Rockgrössen am Samstag brachte am Sonntag eine Mischung aus Rock ’n’ Roll und Schlager die Menge zum Kochen.

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Bruno Petroni

Eine geballte Ladung Schweizer Rockpower wartet am Samstag zum Auftakt des 20. Snowpenairs auf der Kleinen Scheidegg auf das früh angereiste Publikum. Kaum hat die warme Frühlingssonne ­ihre ersten Strahlen über den Eiger ins Festgelände geschickt, gibt die Berner Rockband Juraya schon mal mächtig den Tarif durch.

Frontmann Peter Urfer – als Interlakner hat er da oben ein Heimspiel – sorgt mit seiner Röhre für Stimmung, und die Traumriffs des Gitarristen Gian Carlos Monn beschleunigen gar die Schneeschmelze. Dank Juraya mit ihrem konsequenten, grundehrlichen Rock ’n’ Roll nimmt der Snowpenair-Dampfer bereits bei der Opener-Band Fahrt auf wie selten zuvor.

Gotthard: Ballade für Steve

Etwas ruhiger wird es beim anschliessenden Auftritt von Marc Amacher – auch im Publikum: Der in Steffisburg lebende Brienzer Bluesmusiker macht einen abgekämpften Eindruck; und das gibt er denn auch zu: «Ich ging gestern nicht gerade als Erster ins Näscht – wie meistens.»

Begleitet von seinem Thuner Partner Dominik Liechti an der Percussion, zieht er seinen Gig aber tapfer und mit dem für Amacher typischen Groove durch. Der Bandname Chubby Buddy ziele übrigens direkt auf ihrer beider Körperbau, so der Newcomer aus «The Voice of Germany» mit einer gesunden Portion Selbstironie.

Gotthard bringen den Rock-’n’- Roll-Drive schliesslich wieder zurück auf die Kleine Scheidegg; und kein Song würde da besser in die Arena der Viertausendergipfel passen als «Mountain Mama». Inzwischen ist auch die «Stube» gerammelt voll, der Snowpenair-Samstag ausverkauft. Emotionell der Moment, als Gotthard-Leadgitarrist Leo Leoni zu Ehren des vor sechs Jahren tödlich verunglückten Leadsängers Steve Lee die Ballade «Heaven» ankündigt. Gotthard, die Band, die bereits 1998 beim ­allerersten Snowpenair und 2002 dabei war, feiert bei der 20. Austragung des Festivals ihren 25. Geburtstag.

Abgeschlossen wird der sonnige Samstag mit Gölä und seiner sechsköpfigen Band. Mit den Ohrwürmern seines Mundart­repertoirs erfüllt der Oberländer «Büezer» die Erwartungen des Publikums und findet bis zum Bahnhof hinauf Tausende von Mitsingern.

The Baseballs: Dreimal Tolle

Der zweite Konzerttag ist bereits seit Mitte Februar ausverkauft. Darf man Francine Jordi glauben, die durch den heutigen Tag moderiert, geniessen über 10 000 Musikfans die Sonntagsshow. Die zahlreichen Lederhosen und Dirndl im Publikum – trotz warmen Temperaturen gern mit schneefesten Schuhen oder teilweise gar Skihose kombiniert – sprechen eine klare Sprache: Die meisten Anwesenden sind wegen Volks-Rock-’n’-Roller Andreas Gabalier hergereist.

Bevor aber der momentan wohl gefragteste österreichische Musikexport auf die Bühne tritt, gehört diese traditionsgemäss erst einer einheimischen Band. Hamschter aus dem Berner Oberland beginnen den Sonntag mit gradlinigem Mundartrock. Vor dem Mittag scheint es den Festivalbesuchern allerdings noch nicht nach Mitschunkeln zu sein, das Gelände füllt sich aber rasch.

Kurz nach zwölf finden sich neben den Dirndlträgerinnen dann auch Petticoats, neben Lederhosen und Karohemden auch dunkle Jacken und Elvis-Tollen: Möglicherweise spielen diese zwar auch auf die gängige Gabalier-Frisur an. Doch erst mal hat die deutsche Truppe The Baseballs ihren grossen Auftritt.

Für die Band, die bekannte Songs im Stil der Fünfziger- und Sechzigerjahre covert, zählt die Tolle des King of Rock ’n’ Roll von jeher zu ihrem Bühnenoutfit. Francine Jordi zweifelt allerdings daran, das dies heute so bleibt: «Hier wird es gleich so heiss, dass den Baseballs ihre Haartollen davonschmelzen!»

The Baseballs präsentieren auf der Kleinen Scheidegg ihr neues Album «Hit Me Baby...», spielen aber auch zahlreiche ältere Stücke. So besingen sie etwa Robbie Williams’ berühmten «Angel», können sich nicht zwischen «Hot N Cold» (Katy Perry) entscheiden und erreichen mit ihrem ersten grossen Hit, dem Rihanna-Cover «Umbrella», dass auch in den hintersten Reihen die Hände zum Mitklatschen in die Luft schiessen und der eine oder die andere gar im rutschigen Schnee das Tanzbein schwingt. Nicht nur gesanglich überzeugen die drei Jungs aus Berlin, auch ihr Hüftschwung findet bei den Fans immer wieder Anklang.

Gabalier: «Hulapalu»

Dann ist der von vielen Besuchern sehnsüchtig erwartete Moment da: Die Show von Andreas Gabalier steht kurz bevor. «Er ist der einzige Mensch, den ich kenne, der während einer Autofahrt geboren wurde», sagt Francine Jordi und fügt an: «Zum Glück hat er sein Jurastudium hingeschmissen, denn sonst würde er vielleicht heute nicht hier stehen!» Das tut er denn auch noch nicht: Ganz Superstar, lässt Gabalier ein paar Minütchen verstreichen, ehe er sich unter Geschrei und Geklatsche seinen Fans präsentiert.

Auf der Bühne angekommen, geniesst der Österreicher sichtlich die Bewunderung der Menge und stimmt mit dieser zusammen auch gleich seinen Gassenhauer «Hulapalu» an. Die «vierzig Grad am Dancefloor», die er darin besingt, herrschen jetzt vermutlich auch in den vordersten Rängen des Zuschauerbereichs und werden nicht weniger, als der Publikumsliebling zu «I sing a Liad für di» ein flottes Tänzchen mit ei­nem Hirschgeweih vollführt.

Es folgt Hit auf Hit, das Publikum will den Schlagerrocker nicht gehen lassen. Schliesslich verlässt er unter frenetischem Applaus dann doch die Bühne und bereitet der Jubiläumsausgabe des Open Airs am Fuss von Eiger, Mönch und Jungfrau ein gebührendes Ende.

Berner Oberländer

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