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«Die Behörden haben in Mitholz weggeschaut»

Für den Frutiger Nationalrat und GLP-Parteipräsidenten Jürg Grossen ist klar: Die Behörden haben beim Munitionsdepot Mitholz kollektiv weggeschaut.

Marius Aschwanden
GLP-Nationalrat Jürg Grossen kritisiert den Umgang der Behörden mit dem ehemaligen Munitionslager Mitholz.
GLP-Nationalrat Jürg Grossen kritisiert den Umgang der Behörden mit dem ehemaligen Munitionslager Mitholz.
Keystone

Die Bevölkerung von Mitholz ist sich einiges gewohnt. Lawinen, Hochwasser, Stürme, eine verheerende Explosion der Armeeanlage. Entsprechend gelassen nahmen die Einwohner auch die Informationen von Bundesrat Guy Parmelin (SVP) auf, wonach von den 1947 im ehemaligen Munitionslager nicht detonierten Bomben noch eine grössere Gefahr ausgehe als bisher angenommen. Als «berglerhaft» bezeichnete Adolf Ogi die Reaktion.

Die Bevölkerung wisse halt, «was uns in den Bergen passieren kann», sagte der in Kandersteg aufgewachsene Alt-Bundesrat. Jetzt aber, drei Monate nach der Infoveranstaltung in Mitholz, drohe die Stimmung langsam zu kippen. Das jedenfalls sagt Jürg Grossen, Nationalrat und GLP-Parteipräsident aus Frutigen. Er steht nicht nur in engem Austausch mit der lokalen Interessengemeinschaft der Hauseigentümer. Der Vater und der Onkel seiner Frau wohnen in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Munitionslagers.

Grossen anerkennt zwar, dass die vom Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport (VBS) einberufene Arbeitsgruppe ihre Arbeit aufgenommen hat. «Aber seit drei Monaten hat die Bevölkerung Fragen. Befriedigende Antworten wurden bis heute keine geliefert», kritisiert er. Von der angekündigten offenen Informationspolitik des VBS sei wenig zu spüren. «Man stelle sich vor, die Bomben würden sich in der Stadt Bern befinden. Dann wäre es undenkbar, drei Monate lang nicht vertieft orientiert zu werden», sagt Grossen.

Deshalb hat er im nationalen Parlament drei Vorstösse eingereicht. Darin fordert er unter anderem eine «definitive Räumung» des Lagers und eine «fachgerechte Entsorgung» der Munition. Zudem soll dem Parlament ein Termin- und Kostenplan vorgelegt werden.

Wer ist verantwortlich?

Grossen will aber auch Antworten. Antworten auf Fragen, welche die Mitholzer beschäftigen. So will er etwa wissen, wie die Einwohner für Wertminderungen an ihren Häusern entschädigt werden, wie ihr Schutz bis zur endgültigen Räumung verbessert werden kann oder weshalb zwar die Armeeanlagen im Berg evakuiert worden sind, aber für die unmittelbaren Anwohner keine Sofortmassnahmen notwendig sein sollen. «Dieses Vorgehen mag zwar nachvollziehbar sein. Aber für die Betroffenen vor Ort ist die Situation äusserst beunruhigend.»

Der Frutiger stellt auch Fragen zur Verantwortung. Es sei unerklärlich, wie beispielsweise Adolf Ogi, VBS-Chef von 1995 bis 2000, gegenüber Medien kürzlich sagen konnte, er sei davon ausgegangen, dass 1947 wohl alle Munition explodiert sei. Denn bereits in einem Bericht aus dem Jahr 1949 wird darauf hingewiesen, dass noch Tausende Tonnen scharfer Munition unter den Felsen begraben liegen. «Das VBS weiss seit Jahrzehnten, dass es sich um etwa 3500 Tonnen handelt. Wie kann es sein, dass weder die Bevölkerung noch die BLS Alptransit AG, die in der Nähe des Munitionslagers gebaut hat, früher transparent darüber informiert wurde?», fragt er.

Unveröffentlichte Dokumente

Für Grossen ist klar. «Die Behörden haben kollektiv weggeschaut. Jetzt wäre es an der Zeit hinzustehen, sich für die Versäumnisse zu entschuldigen und die Verantwortlichen zu benennen.» Doch stattdessen schüre das VBS eher Misstrauen. «Ich weiss aus sicherer Quelle, dass entgegen anders lautenden Aussagen nicht alle Berichte zum Munitionslager veröffentlicht wurden.» Er stehe diesbezüglich seit mehreren Monaten im Kontakt mit den Behörden. «Bis heute ist aber auch in dieser Hinsicht nicht das Nötige geschehen.»

Mit der Kritik am VBS ist Jürg Grossen nicht allein. Auch für Urs Kallen gibt es Ungereimtheiten. Der heutige Vizegemeindepräsident von Frutigen war von 1980 bis 2010 Anlagenwart in den Stollen von Mitholz. Für ihn ist unverständlich, weshalb das VBS in den 1980er-Jahren rund 40 Millionen Franken in den Bau der Armeeapotheke gesteckt hat, ohne vorher eine neue Gefahrenabschätzung vorzunehmen (siehe Ausgabe vom Mittwoch).

Das VBS selbst ist der Meinung, dass es von Beginn an offen und transparent kommuniziert habe – und führt etwa die Hotline, eine Sprechstunde für die Bevölkerung oder verschiedene Medienmitteilungen ins Feld. Die Vorwürfe von Nationalrat Grossen nehme man zur Kenntnis. Zwar treffe es zu, dass es noch «umfangreiche Akten gibt, die noch nicht veröffentlicht worden sind». Diese würden derzeit aber gesammelt, entklassifiziert und digitalisiert, was einige Zeit in Anspruch nehme. Es handle sich dabei etwa um Untersuchungen zu früheren Bauprojekten, schreibt das VBS.

Nächste Infoveranstaltung

Das Departement bestätigt zudem, dass die Munitionsreste seit Jahren bekannt gewesen waren. Nur sei das Risiko früher geringer eingeschätzt worden. Entsprechend sah das VBS offenbar auch keinen Grund, die Bevölkerung darüber zu informieren. Weshalb hingegen vor dem Bau der Armeeapotheke in den 1980er-Jahren keine erneute Untersuchung durchgeführt worden ist, bleibt unklar.

Man habe sich damals auf den Schlussbericht zur Explosion aus dem Jahr 1949 gestützt, heisst es. Hätte man das Risiko früher gleich eingeschätzt wie jetzt, wäre die Anlage nicht gebaut worden, so das VBS.

Rückendeckung bekommen die Behörden vom Gemeindepräsidenten von Kandergrund, Roman Lanz. Er könne es zwar verstehen, dass in der Bevölkerung langsam das Gefühl auftauche, vergessen zu gehen. «Im Hintergrund wird aber gearbeitet. Das braucht seine Zeit», sagt Lanz, der auch Mitglied der Arbeitsgruppe Mitholz ist.

Weil nach der Informationsveranstaltung Ende Juni die Sommerferien begonnen haben, habe die Gruppe ihre Arbeit erst Mitte August aufnehmen können. Deshalb sei die Zeitspanne ohne neue Infos relativ lang. Für Anfang Oktober sei nun aber eine zweite Orientierungsveranstaltung geplant. Dann wird gemäss VBS auch der Schlussbericht der Expertengruppe vorgestellt, auf dem die neue Risikoeinschätzung beruht.

Externe Untersuchung?

Das Engagement von Jürg Grossen begrüsst aber auch Lanz. «Bis heute haben wir vom VBS nur Lippenbekenntnisse. Wir wollen eine schriftliche Garantie des Bundesrats, dass hier mit Vollgas gearbeitet wird.»

Für Jürg Grossen ist entscheidend, wie sich das Departement für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport in den kommenden Wochen und Monaten verhält. «Wenn nicht transparenter informiert wird, dann könnte eine externe Untersuchung notwendig werden», sagt der Nationalrat. Nur so könnte auch die Frage geklärt werden, ob in Mitholz die Behörden versagt haben oder nicht.

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