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Die Wahrheit aus dem «Steibruch» geschürft

In der rauhen «Steibruch»-Landschaft schürfen, um einem dunklen Geheimnis auf die Spur zu kommen: Das tut die neuste Produkion des Landschaftstheaters Ballenberg mit Hanspeter Müller-Drossaart als treibender Kraft sehr überzeugend.

Wehe, wenn sie losgelassen. Die Mädchen-Gang kennt kein Pardon mit dem Meitschi (Larina Jessica Amacher, 4. v.l.) und                  plagt die nicht ins Schem Passende bis aufs Blut.
Wehe, wenn sie losgelassen. Die Mädchen-Gang kennt kein Pardon mit dem Meitschi (Larina Jessica Amacher, 4. v.l.) und plagt die nicht ins Schem Passende bis aufs Blut.
Keystone
Spannung:  Dr. Näppu (Gilles Antenen) und s' Meitschi (Larina J. Amacher).
Spannung: Dr. Näppu (Gilles Antenen) und s' Meitschi (Larina J. Amacher).
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Ein Aussenseiter, stetig unter Beobachtung. Hanspeter Müller-Drossaart als Murer.
Ein Aussenseiter, stetig unter Beobachtung. Hanspeter Müller-Drossaart als Murer.
Markus Flück
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Welch eine in die Landschaft des Freilichtmuseums Ballenbergs gebaute Kulisse! Noch vor wenigen Monaten grünte hier eine Wiese. Jetzt ist daraus in unmittelbarer Nähe der Kapelle von Raron ein felsstotziger Platz von symbolischer Kraft geworden. Links in der mit Wellblech überzogenen Hütte hat sich Murer, der Rückkehrer aus Amerika, eingenistet.

Noch vor wenigen Monaten grünte hier eine Wiese. Jetzt ist daraus ein felsstotziger Platz von symbolischer Kraft geworden

Dort drüben hat er acht Jahre eingesessen – für eine Tat schuldig gesprochen, die er nicht begangen hat. Er haust im Steibruch, umgeben von verrosteten Utensilien wie einem Schienenstrang, einer Lore und einer Baggerschaufel (Ausstattung: Anna Maria Glaudemans). So karg und roh, wie diese Landschaft sich präsentiert, wird dieser Aussenseiter Murer auch von der Dorfgemeinschaft gesehen. Und so düster und rauh ist ihm mit seinem verpfuschten Leben auch selber zumute. Kaum jemand traut ihm über den Weg – der neu zugezogene und überheblich-besserwisserische Lehrer (Urs Altermatt) ohnehin nicht: Er will radikal aufräumen.

Der Gemeindeammann Hotz (Rolf Zumbrunn) ist differenzierter gezeichnet, weiss von Murers dunklen Geheimnis, gibt ihm immer wieder eine Chance, ringt mit sich. Einfach macht es der Mann vom Steinbruch seinem Umfeld ohnehin nicht: Murer gewährt dem Meitschi (erfrischend direkt: Larina Jessica Amacher), dem Pflegkind des Ehepaars Hotz, immer wieder Aufnahme in seiner Hütte. Und auch dem beeinträchtigten Näppu (sehr einehmend: Julian Kobler) gibt er seinen Platz. Dem Getuschel und den Gerüchten ist kein Ende zu setzen.

Inneres Aufräumen

Der Steibruch also als Metapher für eine belastete, traumatisiserte Seelenlandschaft, in der nur gerade ein kleines Gartenbeet und ein paar Chüngel ein bisschen Lebenslicht hineinzuwerfen vermögen. Auf diesem Terrain bewegt sich der unter Beobachtung stehende Murer zwischen cholerischen Anfällen und stiller Schwermut, zwischen Schuld- und Rachegefühlen, hin- und hergerieben zwischen Abweisung und der Suche nach Zuwendung.

Eine solch vielschichtige und gänzlich mit sich selber überforderte Figur ist bei Hanspeter Müller-Drossaart grossartig aufgehoben. Die Last, die der widerwillig Geduldete mit sich selber herumträgt, drückt ihn nieder. Wenn er mal leichtfüssig trippelt, wird angedeutet, dass er den Weg des grossen inneren Aufräumens gehen kann.

Eine solch gänzlich mit sich selber überforderte Figur ist bei Hanspeter Müller-Drossaart grossartig aufgehoben.

Chorgesang und Kommentare

Das ist auch die Stärke des Stücks «Steibruch – Zrugg us Amerika», das Albert J. Welti in den 40er-Jahren verfasst und Hanspeter Müller-Drossaart nun auf die Verhältnisse des Ballenbergs mit den rund 40 Laienschauspielern angepasst und mit Elementen des Fantastischen und der Komik angereichert hat: Es gibt auch immer wieder die Träume des Entfliehens aus diesem beengenden Kerkergefühl und die heraufbeschwörten Sehnsuchstorte wie das Morgenland – oder doch eher das Diemtigtal?

Hinzu gesellen sich wie im alten antiken Drama Sprech- und (sehr schön) singende Chöre (musikalische Leitung: Brigit Beetschen), die manchmal auf mehrere Standorte verteilt das Geschehen kommentieren, deuten, dem eben erhitzten Murer ins Gewissen reden oder im grossen Finale die «Wahrheit» heraufbeschwören, welche dem Dreigespann Murer, Meitschi und Näppu einen Neuanfang ermöglichen soll. Überhaupt begleitet die Musik (Til Löffler) passend suggestiv.

Die dynamische, aber nicht eben ganz harmlose Mädchen-Gang oder der witzige Buben-Rap sind ideale dramaturgische Plattformen, um das in den 50er-Jahren angesiedelte Geschehen etwas anders zu beleuchten oder aufzulockern. Und natürlich den mit Volleifer mitwirkenden Kindern tolle Spiel- und Entfaltungsmöglichkeiten zu geben.

Standbilder als Ausgangspunkt

Die Inszenierung des Luzerners Livio Andreina schürft mit viel theatralischer Fantasie in den seelischen Ablagerungen der Figuren – und siehe da, es kommt manch Entlarvendes oder Erheiterndes ans Tageslicht. Er nimmt den Begriff des Landschaftstheaters ernst und bespielt das ansteigende Rundum mit vielen guten choreografischen Einfällen. Dabei setzt er geschickt Standbilder einer Gesellschaft ein, aus denen sich die einzelnen Szenen herausdestillieren und besser miteinander verwachsen, als wenn einzelne Auftritte für sich isoliert erfolgen würden.

Auch Slapstick-Elemente liefert Andreina. Jene etwa mit den drei stockbewehrten alten Eidgenossen Wauti (Martin Bolliger), Nöudu (Ali Achermann) und Werni (Martin Jaeggli), die fuchtelnd den Waldweg hinuntersteigen und später von der Mädchen-Gang zum Narren gehalten werden. Oder jene mit der fotografierenden, aufdringlich-sensationslüsternen Charlotte Sansmots-Küenzi (Pia Abplanalp), die grad gar gehörig auf den Pelz schlägt und die Quittung von Murer erhält.

Es bleibt der Eindruck einer zwischen spannungsreicher Dichte, kraftvoll-poetischen Bildern und erheiternder Komik pendelnden Inszenierung, die ihr Publikum bei der Stange hält. Der erstmalige Spielort ausserhalb festgefügter Häuser des Freilichtmuseums vermag überzeugende Akzente zu setzen. An der Premiere war die Tribüne ausverkauft. Und das teils prominent anwesende Publikum quittierte mit lang anhaltendem Applaus oder gar Standing Ovations.

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