Endspurt im Kampf um die Stimmen

Interlaken

Am 4. März stimmt Interlaken über die Verkehrsinitiative ab. Es geht nicht nur, aber auch um das Fahrverbot im Höheweg-Abschnitt Schlauch.Der Abstimmungskampf geht in die letzte Runde – und die BO-Redaktion macht mit.

Das Fahrverbot im Schlauch war ausschlaggebend für die Lancierung der Verkehrsinitiative, über die am 4. März abgestimmt wird.<p class='credit'>(Bild: Bruno Petroni)</p>

Das Fahrverbot im Schlauch war ausschlaggebend für die Lancierung der Verkehrsinitiative, über die am 4. März abgestimmt wird.

(Bild: Bruno Petroni)

«Der Grosse Gemeinderat wird beauftragt, innert zwei Jahren einen Verkehrsrichtplan auszuarbeiten, wobei die Bahnhofstrasse und der Höheweg durchgehend und mit Motorfahrzeugen aller Art befahrbar sind und die Wohnquartiere vom Durchgangsverkehr entlastet werden.»

So lautet der Wortlaut der sogenannten Verkehrsinitiative mit dem exakten Titel «Keine Verkehrsverlagerung in die Wohnquartiere».Eingereicht wurde sie im September 2014 mit rund 900 Unterschriften von stimmberechtigten Interlaknerinnen und Interlaknern.

Die Initiative war von einigen Anwohnern lanciert worden, die das Fahrverbot auf dem Höheweg zwischen Postplatz und Harderstrasse kritisierten. Seit März 2014 ist dieser Abschnitt, der sogenannte Schlauch, für den Privatverkehr gesperrt.

Im August 2015 stimmten die Initianten einem zweijährigen Moratorium zu, um einer nicht ständigen Kommission genügend Zeit für die Ausarbeitung neuer Vorschläge einzuräumen. Vom Resultat, das unter anderem am Fahrverbot im Schlauch festhielt, und vom Gemeinderat enttäuscht, entschied man sich, an der Initiative festzuhalten.

Am 4. März stimmt Interlaken an der Urne über die Verkehrsinitiative ab. Sowohl Befürworter als auch Gegner erwarten ein knappes Resultat.


Pro: Ein Status quo ohne Alternative wäre für die Betroffenen unzumutbar


Alex Karlen.

Vorneweg: Bei der Interlakner Verkehrsinitiative handelt es sich um eine Vorlage, bei der man guten Gewissens ­sowohl dafür als auch dagegen stimmen kann, plausible Argumente gibts auf beiden Seiten. Und, ebenso grundsätzlich: Bei der Vorlage handelt es sich nicht nur, aber auch um eine Frage des Vertrauens. Um das Vertrauen in die politischen Behörden.

Die Vertrauensfrage lautet: Würden Grosser und Kleiner Gemeinderat nach einem Nein trotzdem nachhaltige Massnahmen zur Verkehrsberuhigung in den Wohngebieten ergreifen – oder bliebe es beim Status quo? Ob der politische Wille tatsächlich vorhanden ist, muss nach den harzigen Debatten im Parlament und dem Zerpflücken der Kommissionsvorschläge leider bezweifelt werden. Aber der Status quo ohne Alternative wäre für die vom Durchgangs- und Suchverkehr geplagte Bevöl­kerung unzumutbar. Da geht es nicht mehr um Partikular-, sondern um Allgemeininteressen.

Ergo: Wer das Risiko scheut, stimme Ja. Denn nur ein neuer Verkehrsrichtplan garantiert, dass etwas unternommen wird. (Womit allerdings noch nicht garantiert ist, dass das Verkehrsproblem tatsächlich gelöst werden kann.) Bis ein neuer Richtplan gültig würde, wäre das heutige Crossbow-Konzept schon 25 oder noch mehr Jahre alt – zu alt, um neuen Herausforderungen gerecht zu werden.

Daran ändert auch die von Gegnern oft wiederholte Behauptung nichts, ein Ja würde auf Jahre hinweg Massnahmen «blockieren» – eine Behauptung, welche die Ausarbeitung eines neuen Richtplanes als Zeitverschwendung verunglimpft.

Übrigens: Zu den erwähnten neuen Herausforderungen gehört die ständig steigende Anzahl von Reisecars. Dass diese im Schlauch keinen Platz haben, ist auch den Befürwortern der diesbezüglich unglücklich formulierten Initiative klar. Leider haben bisher weder sie noch die Gegner dazu eine konkrete Lösung vorlegen können. Die Chance ist gross, dass ein neues Verkehrskonzept dieses buchstäblich zentrale Problem lösen könnte.

Apropos Schlauch: Ob mit oder ohne Cars, ob mit oder ­ohne Privatverkehr – eine Fussgängerzone wird dieser Strassenabschnitt ohnehin nie (ausser man belegt den ganzen Höheweg mit einem generellen Fahrverbot). Es grenzt sogar an Schönfärberei, hier nur schon von einer fussgängerfreund­lichen Zone zu sprechen. Umgekehrt verfügt Interlaken vor, hinter und neben dem Schlauch über tolle und genügend lange Flaniermeilen.

Nein, es bleibt dabei: Wird auf einer zwei Kilometer langen West-Ost-Achse wie Bahnhofstrasse–Höheweg (verkehrsberuhigt oder nicht, spielt dabei gar keine Rolle) ein 200 Meter langes Stück zugesperrt, dann ist es völlig normal, dass sich der Verkehr neue Wege sucht. Und die führen auf dem Bödeli halt durch Wohnquartiere und nicht wie erträumt auf Umfahrungsstrassen. Alex Karlen


Kontra: Die Öffnung des Schlauchs würde die Wohnquartiere zusätzlich belasten


Samuel Günter.

Die Verkehrsinitiative verspricht viel und hält wenig. Um das zu sehen, muss man nur den Initiativtext lesen. Dieser verlangt, dass der Schlauch «ganzjährig durchgehend mit Motorfahrzeugen aller Art» befahrbar sein müsse. Die Initianten wollen also eine Lawine an Reisecars durch die hohle Gasse pressen. Man stelle sich vor, wie zwei dieser Ungetüme kreuzen, während ein Lieferant beim Coop Pronto Waren auslädt. Schon wird klar, welch Chaos diese unüberlegte Massnahme zur Folge hätte.

Die zweite konkrete Forderung der Initiative: Der Grosse Gemeinderat müsse innerhalb von zwei Jahren einen neuen Richtplan ausarbeiten. Haben die Initianten denn keinerlei Ahnung von Politik im Allgemeinen und von der kommunalen Verkehrspolitik auf dem Bödeli im Speziellen? Das Parlament kann nicht einfach einen Richtplan aus dem Ärmel schütteln.

Interessenvertreter, kantonale Amtsstuben und die Nachbar­gemeinden müssen mit an Bord geholt werden. Sogar wenn dem GGR die Quadratur des Kreises gelingen würde und er eine Lösung fände, die allen passt, würden Erarbeitung und Genehmigung im besten Fall vier bis fünf Jahre dauern. Wer aber die Geschichte von Interlakens Verkehr kennt, rechnet eher mit zehn oder mehr Jahren, bis nur erste Massnahmen zum Tragen kämen.

Bleibt die letzte Forderung der Initianten: die Entlastung der Wohnquartiere. Diesem frommen Wunsch kann man sich gut anschliessen. Solange die Initianten aber nicht mit konkreten Ideen aufwarten, darf er getrost als Allgemeinplatz abgetan werden. Gänzlich ungeeignet als Entlastungsmassnahme ist nämlich der Hauptzweck der Initiative: die Öffnung des Schlauchs.

Diese würde nur noch mehr Verkehr ins Zentrum ziehen. Das heutige Verkehrsregime mag nicht perfekt sein, doch die Aussage ist klar: Der Durchgangsverkehr soll nicht durchs Zentrum geführt werden, sondern dieses je nach Ziel gross- oder kleinräumig umfahren. Öffnet man den Schlauch, öffnet man auch wieder die Schleusen. Das heisst: mehr Verkehr im Zentrum, mehr Rückstaus und mehr Ausweichverkehr in den Quartieren. Alles zulasten der Lebensqualität und der Ortsattraktivität.

Wir müssen uns bewusst sein, dass im unmittelbaren Einzugsgebiet vom Bödeli über 25 000 Menschen leben, dazu kommen Zehntausende von Touristen. Es ist nur logisch, dass der Verkehr nicht immer zur Zufriedenheit aller reibungslos fliesst. Das wird immer so sein. Es geht darum, mit Augenmass Verbesserungen zu erreichen. Wie beim Bahnübergang in der Marktgasse, wo die Gemeinde eine Liegenschaft an neuralgischer Stelle gekauft hat, um die Situation künftig zu entschärfen.

Keine Lösungen bieten die Initianten. Sie fabulieren lieber von einem «visionären» Richtplan, der das Heil bringen soll, und stehlen sich aus der Verantwortung. Samuel Günter

Berner Oberländer

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