«Es gibt in der Schweiz kaum ein spannenderes Dorf»

Interlaken

2016 neigt sich dem Ende zu – und damit auch das grosse 125-Jahre-Jubiläum der Gemeinde Interlaken. Gemeindepräsident Urs Graf ordnet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Tourismusmetropole ein.

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Sind Sie müde?Urs Graf:Nein, eigentlich nicht müder, als es der Jahreszeit entsprechend normal ist.

Wie anstrengend war die bisherige Festerei im Jubiläumsjahr? Es gab sehr viele Events, und ich war an vielen präsent. Aber ich habe das nie als anstrengend, sondern als bereichernd emp­funden.

«Vo üs – für üs» ist noch bis Ende Jahr das Motto. Sind Sie mit der Umsetzung zufrieden? Ja. Wir haben viele Anlässe organisieren dürfen, die breiten ­Anklang fanden. Zugegeben, manchmal hätte man sich eine etwas höhere Beteiligung der Bevölkerung gewünscht.

Und finanziell? Wir werden das Ende Jahr oder Anfang 2017 überblicken können. Aber wir sind auf Kurs.

Das Budget wird also einge­halten? Ja, wir werden das Budget plus/minus einhalten können.

Was wird eigentlich gefeiert, was ist die grösste Leistung von 125 Jahren Interlaken? Wir feiern den Namenswechsel unseres Dorfes vor 125 Jahren und nehmen das zum Anlass, um wieder mal – und das ist in einem solch kosmopolitischen und manchmal hektischen Dorf besonders wichtig – eine Art Nabelschau machen zu können.

«Interlaken hat sich weltweit sehr gut positioniert und hat in der Schweiz einen Wiedererkennungswert von 99 Prozent.»

Aber was wurde in diesen 125 Jahren geleistet? Interlaken hat sich weltweit sehr gut positioniert und hat in der Schweiz einen Wiedererkennungswert von 99 Prozent – was einsame Spitze ist für einen Ort dieser Art.

Und welches war das grösste Versäumnis, der grösste Fehler seit 1891? Es mag vielleicht etwas arrogant sein, wenn ich früheren Generationen Fehler vorhalte. Aber sicher ist die Verkehrsführung, insbesondere der Eisenbahn, nicht sehr geschickt und bereitet uns bis heute Probleme.

Beim Blick zurück vermisst man die Ansiedlung von Industrie­betrieben – was Sie 2006 als Wunschdenken bezeichneten ... ... aber immerhin haben wir aktuell gerade eine Start-up-Unternehmung, die Trekksoft AG, die sich hier ansiedelt. Und wir stellen erfreut fest, dass sogar europaweit junge, höchst marktfähige Leute sehr gerne zu uns kommen und sich hier niederlassen.

Statt auf Industrie hofft man nun auf die Dienstleistungsbranche? Ja, das beinhaltet neues Potenzial. Die weltweite Vernetzung bedeutet für uns Chancen, weil die Wohnortqualität für Leute, die weltweit an der Spitze sind, ein entscheidendes Kriterium sein kann ...

... und so das Klumpenrisiko des Tourismus verringert wird? Ja, das muss unser Bestreben sein. Aber ich will auch nicht bestreiten, dass gerade im Bereich Software der Arbeitsmarkt in der Schweiz ausgetrocknet ist und deshalb die Rekrutierung weltweit geschieht – und da stossen wir dann auf Probleme, die nicht mehr auf kommunaler Ebene lösbar sind.

Apropos kommunal: Zum Blick zurück gehören die gescheiterten Bemühungen um eine Fusion mit Unterseen und Matten – hat dies das Verhältnis untereinander nachhaltig getrübt? Nein, wir haben gegenwärtig eine sehr gute Zusammenarbeit sowohl mit Matten als auch mit Unterseen.

Vor 12 Jahren sagten Sie: «Wenn wir uns als Wirtschaftsstandort durchsetzen wollen, müssen Interlaken, Unterseen und Matten eine Gemeinde werden.» ­Also bleibt die Fusion ein Ziel? Interlaken war in den letzten Jahrzehnten immer fusionswillig. Ob es dazu kommt, wird die Bevölkerung von Matten und Unterseen zu entscheiden haben. Tatsache ist, und das sehe ich jetzt auch im Grossen Rat, dass das Gewicht von Langenthal und Burgdorf, also Städten mit rund 15 000 Einwohnern, im politischen Bern besser wahrgenommen werden als das Bödeli.

In diesem Zusammenhang beklagten Sie, dass Interlaken – im Gegensatz etwa zu Thun – keine institutionalisierten Begegnungen mit dem Regierungsrat hat. Jetzt sind Sie Grossrat, also nahe dran – genügt das nicht? Je mehr Verbindungen man mit den Entscheidungsträgern des Kantons hat, je besser.

«Jeder andere nicht städtische Tourismusort in der Schweiz würde noch so gerne mit Interlaken tauschen.» 

Keine Industrie, keine Fusion, dafür sehr viel Tourismus – und viel Kritik zum Tourismus aus der Bevölkerung. Hand aufs Herz: Wie zufrieden sind Sie mit der asiatisch dominierten Gästestruktur? Das ist eine Luxusfrage, und Tourismus ist kein Wunschkonzert. Jeder andere nicht städtische Tourismusort in der Schweiz würde noch so gerne mit Interlaken tauschen.

Auf dem Höheweg werden Flyers in Arabisch verteilt, es gibt je länger, je mehr arabische Lädeli, in vielen Restaurants und Shops spricht das Personal kaum mehr Deutsch, schon gar nicht Berndeutsch – wie gefährlich ist eine solche Konzentration? Tourismus heisst Begegnungen mit anderen Kulturen. Durch die bestehenden Verkehrsmittel ist die Welt zu einem Dorf geworden, und Länder, an die wir vor 20 Jahren noch nicht mal gedacht haben, haben heute genügend Wohlstand zu reisen.

Das war aber nicht meine Frage. Es besteht keine Konzentration auf den arabischen Raum. Es gibt auch viele Gäste aus dem übrigen Ostasien. Es ist aber unbestritten, dass es in Interlaken mehr Araber hat im Verhältnis zur Einwohnerschaft als sonst wo in der Schweiz. Und dass sich das Gewerbe darauf einstellt, ist eine bewährte Überlebensstrategie.

Wann und von wem wird die gegenwärtige Asiatisierung abgelöst werden? Eine gute Frage, die ich eigentlich gar nicht beantworten kann. Die Welt ist in den letzten Jahren asiatischer geworden. Ich gehe davon aus, dass das noch eine Weile so bleiben wird, dass aber die USA und Europa wieder mehr Einfluss gewinnen werden.

Ausländisch sind nicht nur die Touristen, sondern auch über 30 Prozent der Wohnbevöl­kerung, 10 Prozent mehr als noch vor 15 Jahren. Wie sehr ­beunruhigt Sie das? Interlaken hat tatsächlich einen sehr hohen Ausländeranteil. Das hängt mit dem Tourismus und dessen Angestellten zusammen. Es wäre wohl falsch, zu behaupten, dass das keine Probleme ergibt.

Kann dieser hohe Anteil ­überhaupt sinnvoll integriert werden? Es muss ein Ziel sein, möglichst viele Leute zu integrieren. Nicht zuletzt deshalb haben wir beispielsweise an der 125-Jahr-Feier auch ein Südeuropa-Fest veranstaltet.

Was zum Beispiel muss in der Schule geändert werden? Es ist klar: Gerade in der Schule ist der Ausländeranteil in gewissen Klassen besonders hoch. Ich ziehe den Hut vor der Lehrerschaft, die mit viel Wissen, Können und Willen diese Situation meistert. Wir sind auch bereit, wo es geht und sinnvoll ist, die Lehrerschaft zu unterstützen.

«Ich habe selber schon Tagesschulen besucht und war wirklich erstaunt und voller Bewunderung für die Integrationsleistung, die hier erbracht wird.»

Konkret heisst das, dass die Oberländer Kinder im Lehrplan Rücksicht nehmen müssen? Nein, wir ziehen den Lehrplan durch, die einheimischen Kinder haben keine Nachteile. Aber wir forcieren die Integration, wozu die Tagesschule ein ganz wichtiges Mittel ist. Ich habe selber schon Tagesschulen besucht und war wirklich erstaunt und voller Bewunderung für die Integrationsleistung, die hier erbracht wird.

Das wiederum kostet Geld. Wo kann das entsprechend noch eingespart werden? Finanziell hatten wir in den vergangenen 5 Jahren sehr viel Glück, weil wir von einer neuen Art des Tourismus profitiert haben: Der sogenannte High-End-Souvenirhandel, sprich Uhren und Bijouterie, ist höchst profitabel, was sich auf unsere Steuererträge äusserst positiv ausgewirkt hat. Dadurch sind wir in der Lage, die Infrastruktur in Schuss zu halten, Strassen, aber auch Schulhäuser und so weiter auf einem guten Standard der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen.

Trotzdem: «Ein Spaziergang durch Interlaken präsentiert nur wenig Schönes», sagte ein bekannter Hotelier noch vor sechs Jahren und ... ... damit bin ich völlig nicht einverstanden. Ein Spaziergang bei schönem Wetter die Promenade entlang mit der Aussicht, den Blumen, dem bunten Treiben der Gästeschar – das sucht seinesgleichen ...

... er räumte aber ein, dass unter Ihrer Ägide «einiges in Bewegung gekommen ist» – sind Sie stolz? Das macht mich nicht stolz. Es ist ja nie eine einzige Person allein, die das Geschehen einer Gemeinde bestimmt. Tatsache ist, dass wir in den letzten Jahren vieles realisieren durften.

Sie selbst sagten noch vor fünf Jahren, «das Gesicht von Inter­laken, das Zentrum, entspricht sicher nicht dem Anspruch an einen internationalen Fremdenort». Gilt das heute nicht mehr? Ich empfinde die Situation im touristischen Zentrum als wesentlich verbessert, auch weil dort der Verkehr beruhigt wurde.

In den vergangnen Jahren wurde sehr viel investiert. Ist diese Phase nun zu Ende? Ein solches Investitionsdezennium wird es so schnell sicher nicht mehr geben. Aber wir werden unseren nachfolgenden Generationen nur wenige aufgeschobene Investitionen übergeben müssen.

Besonders viel investiert wurde in den Strassenbau, vor allem in das Verkehrskonzept Crossbow. Warum ist der Verkehr trotzdem nach wie vor ein heftig diskutiertes Thema? Weil wir die Verkehrsanlage geändert haben. Eine solche Verkehrsänderung braucht bekanntlich etwa ein Jahrzehnt, bis sie akzeptiert ist.

Also ist von der nicht ständigen Kommission Verkehr nicht zu erwarten, dass das Fahrverbot im Schlauch aufzuheben sei? Dazu möchte ich mich nicht äussern. Wir haben die klare Vereinbarung, dass darüber der Kommissionspräsident informiert.

Was spricht gegen Carparkplätze auf dem Flugplatzgelände? Es gäbe noch mehr Bewegungen als heute, weil die Leute ja vom Flugplatz ins Zentrum und zurück geführt werden müssten. Sinnvoll wäre das nur mit Elektrocars wie beispielsweise in Zermatt.

Heisst: Die Idee ist noch nicht schubladisiert? Heisst: Es ist uns allen klar, dass eine weitere Steigerung der Carfrequenz im Zentrum nicht mehr zumutbar ist.

Ein anderes Verkehrsthema ist die V-Bahn in Grindelwald: Was erhofft sich Interlaken davon? Interlaken würde auf einen Schlag zu einer noch valableren Winterdestination, mit netto 45 Minuten vom Hotel auf Eigergletscher oder auf Männlichen.

Also mehr Logiernächte? Ja.

«Ziel der nächsten Legislatur muss sein, die Infra­struktur weiter zu optimieren und Interlaken als Zentrum im Berner Oberland weiter zu festigen.»

Urs Graf, Sie müssen ein zufriedener Gemeindepräsident sein – der Bericht über die Legislatur erteilt dem Gemeinderat fast nur gute Noten. Wo sehen Sie trotzdem noch am meisten Handlungsbedarf? Ich bin ein zufriedener Gemeindepräsident, weil es in der Schweiz kaum ein spannenderes Dorf in dieser Grösse gibt als Interlaken. Und ich schätze mich glücklich, dass wir im Gemeinderat eine offene, lösungsorientierte Gesprächskultur pflegen. Ziel der nächsten Legislatur muss sein, die Infrastruktur weiter zu optimieren und Interlaken als Zentrum im Berner Oberland weiter zu festigen.

Der Legislaturbericht erwähnt aber auch, dass die Sicherheit nur dank privaten Sicherheitsdiensten erhöht wurde – leistet also die per Vertrag eingebundene Kantonspolizei zu wenig? Es ist nicht nur in Interlaken so, dass die Kantonspolizei nicht alle Wünsche der Bestellergemeinde erfüllen kann.

Ältere Leute fühlen sich gemäss der jüngsten Befragung auf dem Bödeli nicht besonders sicher. Was entgegnen Sie ihnen? Diese Zahl müsste man noch ganz kritisch hinterfragen und mit anderen Agglomerationen vergleichen. Klar, es ist in Interlaken teilweise hektisch, international – aber gerade das wird von vielen älteren Leuten auch als bereichernd empfunden.

Apropos Legislatur: In einem Monat beginnt Ihre dritte und letzte Amtsperiode. Neben viel Lob gabs immer wieder auch Kritik – macht Ihnen der Job überhaupt noch Spass? Glücklicherweise betraf die Kritik eigentlich fast nie meine Person, sondern meistens die Sache. Aber klar, wer etwas verändern will, etwas bewegen, der stösst halt an.

Das Festjahr 2016 ist bald zu ­Ende – worauf freuen Sie sich für 2017? Bereits auf das nächste Fest, das grosse Unspunnenfest.

Was wünschen Sie der Bevölkerung fürs neue Jahr? Ich wünsche der Bevölkerung, dass Interlaken in einer zunehmend unsicheren und unstabileren Welt den hohen Wohnwert behalten kann.

Und für die nächsten 125 Jahre? Mit dieser grossartigen Natur, in der und von der wir leben, wird Interlaken immer ein touristischer Hotspot sein. Ich wünsche Interlaken Weltoffenheit und – das ist für mich kein Gegensatz – hohes Bewusstsein für Tradi­tionen. Interview: Alex Karlen

Berner Oberländer

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