«I hole Händsche»

Adelboden

Eine praktische Berufsvorbereitung der besonderen Art: Vierzehn Schülerinnen und Schüler der IDM Spiez hielten eine Woche lang das Hotel Alpina in Schuss – bei laufendem Betrieb.

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Im zweiten Geschoss des Hotels Alpina in Adelboden herrscht ein kleiner Aufruhr. Zwei Gäste haben ausgecheckt und in ihrem Zimmer offenbar ein rechtes Chaos hinterlassen: Schmutzige Bettlaken und Abfall liegen am Boden, im Badezimmer gibt es ebenfalls einiges aufzuräumen. «I hole Händsche», sagt Nadine Ryter leicht resigniert; ihre Kollegin Tia Benjamins bringt bereits das Bett in Ordnung. Bald ist der Ärger verflogen.

Die Handgriffe des Zimmerteams sitzen. Wenig später sieht das Zimmer für die nächsten Gäste wieder picobello aus. So wie man es hierzulande als ankommender Gast in einem Hotel erwarten darf.

Nadine Ryter und Tia Benjamins sind weder Angestellte des Hotels, noch haben sie eine Ausbildung in der Gastronomiebranche. Aber das könnte noch werden: Sie sind Schülerinnen am Berufsbildungszentrum IDM in Spiez. Sie absolvieren ein berufsvorbereitendes Schuljahr in einer GHT-Klasse (Gastronomie, Hauswirtschaft und Tourismus).

Die 14-köpfige Klasse ist eine bunte Mischung: Einige Schulabgänger sind dabei, aber auch solche, die eine Lehre abgebrochen haben oder ein Integrationsprogramm durchlaufen. Die zehn Frauen und vier Männer geniessen praktischen Unterricht der speziellen Art: Während einer ganzen Woche halten sie einen laufenden Hotelbetrieb in Schwung.

Ins kalte Wasser geworfen

Learning by Doing, Lernen durch Machen lautet die Devise. Ohne Vorkenntnisse wurden die jungen Erwachsenen bereits am ersten Abend mit dem Service der Gäste betraut, von der Hotelleitung also buchstäblich ins kalte Wasser geworfen, was selbst Klassenlehrerin Sabine Reist überraschte. Sie ist fürs Coaching der Jugendlichen dabei und kennt ihre Schützlinge selber erst seit den Sommerferien.

Der Arbeitseinsatz in Adelboden bereits nach wenigen gemeinsamen Schulwochen ist gleichermassen ein Klassenlager, ein Ort des gegenseitigen Kennenlernens.

Die Lernenden – so werden die Schüler des berufsvorbereitenden Schuljahres von der IDM bezeichnet – sind unterteilt in vier Teams: Service, Küche, Hauswirtschaft und Réception. «Wie sie in dieser Echtsituation arbeiten, hat mich wirklich positiv überrascht», sagt Sabine Reist.

Natürlich gäbe es altersgemässe Reibereien und Diskussionen, und in der ersten Nacht seien die Jugendlichen noch ziemlich überdreht gewesen. Aber nach und nach hätten sie sich an den Zweck ihres Aufenthaltes in Adelboden gewöhnt. «Sie gehen mit grosser Motivation ans Werk. Es ist eine Ernsthaftigkeit entstanden, die ich sehr schön finde.»

Zwischensaison beleben

Für das Hotel Alpina ist es nicht das erste Projekt dieser Art. Der Betrieb war früher ein Schulhotel von Hotelleriesuisse, bevor dieser Standort in Interlaken konzentriert wurde. «Uns liegt die Nachwuchsförderung am Herzen», sagt Direktionsassistent Urs Dummermuth. Die IDM-Klasse ist bereits die dritte Schulklasse, die im Alpina tätig ist – allerdings die erste, die die obligatorische neunjährige Schulzeit bereits abgeschlossen hat.

«In Sachen Selbstständigkeit ist hier ein grosser Unterschied spürbar», so Dummermuth. Als positiven Nebeneffekt könne man im Hotel die Zwischensaison beleben. «Bei Vollbelegung hingegen würde es schwierig – für uns wie auch für die Schüler», so Dummermuth. Jetzt jedoch habe man besser Zeit, die Schüler anzuleiten.

Als Höhepunkt der Woche hat die Klasse ihre Angehörigen zu einem Abendessen mit anschliessender Übernachtung eingeladen. Am Freitagnachmittag ist die Nervosität bei den Lernenden spürbar; sie fiebern dem Abend entgegen.

Ab 17 Uhr kommen die Gäste an. Mowliga und Nicole meistern das Check-in komplett selbstständig, während sich das Serviceteam bereit macht. Das Küchenteam hat bereits ganze Arbeit geleistet: Zwei Vorspeisen, drei Hauptgänge und zwei Desserts stehen zur Auswahl.

Die Stimmung beim Nachtessen ist fröhlich, bei den Lernenden vielleicht etwas angespannt. Aber alles in allem verläuft der Abend tadellos, und die jungen Gastgeber werden von ihren Gästen mit einem herzlichen Applaus beschenkt.

Auch die Betreuung am nächsten Morgen beim Frühstück und beim Check-out erledigen Sabine Reists Schüler selbstständig. Dann gibt es für alle ein Zertifikat von Hotelleriesuisse, bevor sie ins Wochenende entlassen werden. «Die Woche war ein voller Erfolg», sagt Sabine Reist. All ihre Schüler hätten in dieser Zeit einen grossen «Gump» gemacht, ihr Selbstvertrauen gestärkt und Mut gefasst.

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