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Melodisch und raffiniert

Beim Spiezer Orchester standen die seltene Präsenz des Hackbretts und Perlen italienisch-spanischer Musik im Zentrum.

Zwischen stoischer Ruhe und Dynamik: Hannes Boss am Hackbrett, Dirigentin Isora Castilla Rocha und die freudigmusizierenden Streicher des Spiezer Orchesters.
Zwischen stoischer Ruhe und Dynamik: Hannes Boss am Hackbrett, Dirigentin Isora Castilla Rocha und die freudigmusizierenden Streicher des Spiezer Orchesters.
Heidy Mumenthaler

Nicht alltäglich stehen die Namen Friedrich von Flotow, Leone Sinigaglia, Paul Huber und Enrique Granados auf einem Programm eines Liebhaberorchesters. Bekannt für solche auserlesenen und herausfordernden Raritäten ist jedoch die Dirigentin des Spiezer Orchesters, Isora Castilla Rocha.

Übers Wochenende präsentierte sie mit dem Orchester in der Kirche Reichenbach und in der katholischen Kirche Bruder Klaus Spiez die Perlen aus Opern- und Tanzmusik einem kleinen, aber interessierten Publikum. In Reichenbach war es zugleich eine musikalische Verabschiedung des Sommers 2019.

Humor und eingängige Melodien

Dass die optimistisch eingestellte, temperamentvolle Dirigentin während der Probenarbeiten wegen eines Beinbruchs sechs Wochen ausfiel, blieb am Konzert nicht ungehört. Sorgfältig spielten sich Streicher und Bläser in die Ouvertüre zur romantischen Oper «Alessandro Stradella» von Friedrich von Flotow ein.

Nach unklarem Beginn und getrübtem Tutti-Aufbau entwickelte sich eine feierliche Eröffnungsmusik. Gar die berühmteste Arie, Stradellas Hymne an die Jungfrau Maria des dritten Akts, kam im Andante der Ouvertüre zum Ausdruck. Die Harfenistin bereicherte mit ihrem Klang die einschmeichelnden Melodien der deutschen Spieloper mit französischem Esprit und italienischer Belcanto-Melodik. Der Sinn für Humor fehlte ebenso wenig wie Melodien, die ins Ohr gingen.

Gut geglückt und den opernhaften italienischen Charme und Witz von Gaetano Donizetti herübergebracht hat die Sinfonia für Bläserensemble. Rhythmisch exakt, nuanciert und lebendig musizierten Flöte, zwei Oboen, Klarinette, zwei Hörner, zwei Fagotte, ergänzt mit zwei Trompeten. Tradition des piemontesischen Volkslieds kam in Leone Sinigaglias «Danze piemontesi sopra temi popolari» Nr. 1 zum Tragen. Trotz beeindruckender Klangfülle vermochte der Ausgleich nicht in allen Teilen durchwegs zu befriedigen, denn zeitweilig geriet das harmonische Gefüge etwas aus dem Gleichgewicht.

Mit Hackbrett

Umso überzeugender wirkten die Streicher in Paul Hubers «Konzert für Hackbrett und Streicher» von 1994. Das Werk bewegt sich in den Grenzen der neoklassischen Instrumentalkonzerte, zeigt aufgrund der seltenen Präsenz des Hackbretts in der E-Musik eine musikalische Perle. Dass der im Toggenburg aufgewachsene aul Huber (1918–2001) der Tradition von Anton Bruckner verpflichtet war, blickte beim freudigen Musizieren deutlich durch.

Meisterhaft beherrschte Hannes Boss sein Instrument. Im ersten Satz setzte die Melodie elegisch ein. Zwischen Hackbrett und Orchester entwickelt sich ein Dialog stoischer Ruhe und Dynamik bis zum spannungsvollen Allegro, in dem Pizzicati den Hackbrettklang verstärken. Im zweiten Satz variierte der Solist das Volkslied «Schönster Abendstern» einmal volkstümlich, einmal in fast orientalischer Manier.

Leidenschaft und Lebensfreude

In den synkopischen Rhythmen des Rondo/Allegro ma non troppo legten die Streicher einen Teppich, über welchen die Hackbretttöne zu trippeln schienen. Langsame Passagen wechselten sich mit tänzerischen, appenzellisch und neoklassisch klingenden Weisen ab und führten zum Finale. Hubers Werk bestach durch kompositorisches Raffinement, Facettenreichtum und Originalität. Bestimmt hätten diese Charakteristika noch verfeinert wiedergeben sein können.

Der Solist spielte dynamisch differenziert und mit musikalischem Einfühlungsvermögen. Enrique Granados «Danzas Españolas», orchestriert von Lamote de Grignon (Sätze Oriental, Andaluza, Rondalla), bot den Bläsern ein weiteres Mal einen prominenten akustischen Auftritt. Der herzhafte Applaus war die wohlverdiente Anerkennung für eine noch nicht ganz ausgereifte, jedoch beachtliche Leistung.

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