«Mir fehlt die volkswirtschaftliche Sichtweise»

Der Regierungsrat lehnt die Motion von Urs Graf über finanzielle Unterstützung der Hotellerie ab. Der Interlakner Grossrat gibt noch nicht auf und hofft auf eine Mehrheit im neuen Parlament.

Urs Graf, SP-Grossrat aus Interlaken.

Urs Graf, SP-Grossrat aus Interlaken.

(Bild: Bruno Petroni)

Wie gross ist die Enttäuschung des Motionärs über die Antwort des Regierungsrates?Urs Graf:Ich bin enttäuscht. Aber ich bin nicht überrascht.

Warum nicht? Weil es von der Regierung des Kantons Bern natürlich schon ein finanziell relevantes Bekenntnis zum Tourismus gebraucht hätte.

Wie sehr nervt es Sie, dass das Nein ausgerechnet von Ihrem Parteifreund Christoph Ammann kommt? Überhaupt nicht.

Aber eigentlich war mitten in der grossen Sparrunde des Kantons keine andere Antwort zu erwarten – ist die Motion etwas gar blauäugig? Nein. Der Kanton Bern will ja der grösste Tourismuskanton werden, und deshalb ist nicht einzusehen, dass Instrumente, die in Graubünden, im Wallis und im Tessin funktionieren, hier nicht auch angewendet werden sollen.

Was stimmt nicht an der Meinung der Regierung, dass es keinen neuen Lagebericht brauche, weil es sich um einen Strukturwandel handle, dessen Ursachen bekannt seien? Der letzte Bericht wurde 2003 verfasst. Diese Zeitspanne entspricht einer halben Generation. Ich finde es wichtig, dass die Regierung wissenschaftlich abgestützt hätte zur Kenntnis nehmen können, wie tiefgreifend und wie schnell sich die Situation der Hotellerie verändert und wie viele Hotels von Ausländern gekauft werden – nicht immer in der Absicht, den Betrieb als Hotel weiterzuführen.

Und warum genügt die finanzielle Unterstützung durch die Schweizerische Gesellschaft für Hotelkredit nicht, so wie es die Regierung behauptet? In vielen Fällen genügt diese Unterstützung, in einigen Fällen aber nicht. Und gerade hier müsste der Kanton punktuell eine Möglichkeit haben, gewisse Beherbergungsbetriebe zu unterstützen. Denn: Ziehen aus einer Talschaft die Hotels ab, dann zieht auch der Tourismus ab.

Zusätzliche Finanzierungen würden den «nötigen Strukturwandel behindern», ist die Regierung der Ansicht – also sind Sie ein Verhinderer? Nein. Wie ich bereits in der Begründung meiner Motion geschrieben habe, wird der Mangel an Hotelbetten in einer touristischen Region zu einem System­risiko. Mir fehlt in der Antwort des Regierungsrates die volkswirtschaftliche Sichtweise.

Was unternehmen Sie und Ihre Mitunterzeichner nun vor der Behandlung im Grossen Rat? Die Motion wird wohl im kommenden Juni behandelt, also von einem neu zusammengesetzten Parlament. Ich hoffe, dass ich dann dabei sein darf. Wir werden versuchen, die interessierten Kreise zu sensibilisieren.

Wie hoch ist das Risiko, dass das Parlament nach dem mehrheitlichen Oberländer Nein zum Tram Ostermundigen eine Retourkutsche fahren wird? Ich glaube nicht, dass das Par­lament auf diese Weise funk­tioniert. Vielmehr lässt sich das Parlament von Sachargumenten und nicht von Revanchegelüsten leiten.

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