FC Thun in akuter Geldnot

Nächste Saison kann der FC Thun mit substanziellen Mehreinnahmen rechnen. Die Frage ist, ob er dann in dieser Form noch bestehen wird. Den Oberländern droht bis Ende Jahr das Geld auszugehen. Sie sind in Not.

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Dominic Wuillemin

Die Szene ist skurril. An der Generalversammlung des FC Thun Mitte September malt Präsident Markus Lüthi ein düsteres Bild. Einmal sagt er, die Lage des Vereins bereite ihm Kopfschmerzen. Einmal spricht er vom Messerstich, den man immer im Rücken spüre. Sein Auftritt ist feurig, markig, mitreissend, leidenschaftlich. Er erhält viel Applaus. Danach schreiten Mitarbeiter, Aktionäre und Gäste zum Buffet. Es wird gelacht, getrunken. Es ist gesellig. Sieht so ein Klub in Not aus?

Hilferufe verhallen ungehört

Am Dienstag, einem kühlen Herbstmorgen, sitzt Lüthi im Auto, er ist allein. Das bedeutet: Er hat jetzt Zeit zum Reden. Der Frühaufsteher plant seine Tage genau, der Terminkalender ist voll. Er ist viel unterwegs. Aber der FC Thun kommt dennoch nicht voran. Seit Jahren.

Ein paar Beispiele: Anfang 2015 hatte Lüthi gesagt, der Klub stehe vor dem Lichterlöschen. In einem Schreiben drohte er, dass der FC Thun darauf verzichten werde, ein Lizenzgesuch für die nächste Saison einzureichen. Der Mietstreit um das Stadion schwelte, Lüthi hielt sich nicht zurück, wählte in den Medien deutliche Worte, nahm eine Eskalation in Kauf.

«Unsere Lage ist so ernst wie nie.»FC Thun-Präsident Markus Lüthi

Lüthi tauschte auch immer mal wieder Personal aus, vergrösserte die Geschäftsleitung, verschlankte sie, stellte Führungskräfte ein, verabschiedete sie Monate später wieder. Die Suche nach einem nationalen Sponsor blieb trotz grossen Bemühungen erfolglos. Immerhin, im Winter konnte der Klub bekannt geben, dass die Schneider Software AG ihr Engagement verstärken, in die höchste Sponsorenkategorie aufsteigen werde.

Und in der Stadionfrage herrscht seit dem Frühling Klarheit. Die Thuner sind jetzt Pächter und Vermarkter der Stockhorn-Arena, die Investoren leisteten gar noch Nachzahlungen. Das jährliche strukturelle Defizit beträgt aber unverändert bis zu 2 Millionen Franken. Lüthi sagt: «Unsere Lage ist so ernst wie nie.»

Hat er in der Vergangenheit nicht schon ähnlich geklungen? Ja. Pflegt Lüthi kernige Worte für seine Zwecke einzusetzen? Ja. Ist es nicht immer noch gut gekommen für den FC Thun? Auch ja. Warum also diesmal nicht? Lüthi kann den Einwand verstehen, er sagt, genau dies sei ein Problem: Die Hilferufe verhallen ungehört. Lüthi meint: «Die Situation ist für uns alle sehr belastend.»

Grosse Zuschauermisere

Es kommt in diesen Tagen viel zusammen für den FC Thun. Nach 10 Partien in der Super League liegt er mit 7 Punkten am Tabellenende. Im Cup ist er ausgeschieden, in der ersten Runde gegen das drittklassige Kriens. Die Zuschauerzahlen sind rückläufig, zu den bisherigen 5 Heimspielen kamen im Schnitt gerade mal 4833 Personen, letzte Saison waren es noch 1200 mehr gewesen. Für andere Klubs in der Super League wäre das eine unerfreuliche Tatsache. Für Thun ist sie existenzbedrohend.

Weniger Zuschauer bedeuten weniger Einnahmen durch Ticketverkäufe und Konsumation, weniger Zuschüsse der Liga. Im aktuellen TV-Vertrag werden pro Jahr 1,75 Millionen Franken abhängig vom Besucheraufkommen verteilt. Beim FC Thun, bei dem jeder Franken umgedreht werden muss, kann ein solches Minus an die Substanz gehen. Der fehlende Betrag muss wettgemacht werden, irgendwie.

Sparpotenzial ausgeschöpft

Im Sport wird schon kräftig gespart, das Potenzial ist beinahe ausgeschöpft. Im Sommer sind die Kosten für das Kader noch einmal reduziert worden; Leistungsträger wie die beiden Tor­jäger Ridge Munsy und Roman Buess gingen, gekommen sind Spieler, die in erster Linie kostengünstig, jung und teilweise auch vielversprechend sind, die aber auch Zeit benötigen.

Das Risiko eines schwierigen Saisonstarts mussten die Oberländer in Kauf nehmen. Doch ausbleibender sportlicher Erfolg schmälert nicht nur den Wert des Teams, sondern eben auch die Zuschauereinnahmen. Es ist eine Negativspirale. «Wir müssen irgendwie über die Runden kommen», sagt Lüthi.

Land in Sicht

Die Lizenzvergabe im Frühjahr für die nächste Saison bereitet dem Präsidenten keine Sorge. Ab dem Sommer werden die Super-League-Klubs dank dem neuen TV-Vertrag deutlich mehr Geld bekommen. Lüthi geht davon aus, dass sich das Plus für Thun pro Jahr auf bis zu eine Million Franken belaufen wird. Zudem rechnet er bei der Stadionvermarktung mit Einnahmen von etwa 500'000 Franken. Das strukturelle Defizit wäre somit beinahe getilgt, die Sorgen des Klubs dürften erheblich kleiner werden. «Unsere Situation ist absurd», sagt Lüthi. Die Insel mit der Geldtruhe liegt nahe, die Thuner können aber dennoch untergehen.

«Wir müssen irgendwie über die Runden kommen.»Martin Lüthi

Derzeit gehen die Klubverantwortlichen eine Handvoll potenzielle Geldgeber an. Sie hoffen auf eine einmalige finanzielle Unterstützung oder zumindest ein ­Darlehen. Lüthi glaubt, bis Ende Jahr werde Klarheit über das Fortbestehen des FC Thun ­herrschen.

An der GV Mitte September präsentierte Lüthi eine Liste mit acht Wünschen. Der erste war: «dass wir bei aller Gewissenhaftigkeit nicht vergessen, dass Fussball höchstens die wichtigste Nebensache der Welt ist». Es ist ein Vorsatz, der den Thunern in diesen düsteren Tagen als Aufmunterung dienen kann. Markus Lüthi sagt, wenn er kein Land am Horizont sehen würde, dann gäbe er jetzt auf.

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