«Produktionskosten sind heute höher als der Marktpreis»

Die Kraftwerke Oberhasli AG geht über die Bücher: Zurzeit läuft eine Unternehmensanalyse. Im Gespräch erklärt Verwaltungsratspräsident Werner Luginbühl, weshalb dieser Schritt nötig war.

Werner Luginbühl, Verwaltungsratspräsident der Kraftwerke Oberhasli AG, spricht ????von einer Durststrecke und von einem «enorm verzerrten» Wettbewerb, dem das Unternehmen ausgesetzt sei.

Werner Luginbühl, Verwaltungsratspräsident der Kraftwerke Oberhasli AG, spricht ????von einer Durststrecke und von einem «enorm verzerrten» Wettbewerb, dem das Unternehmen ausgesetzt sei.

(Bild: Bruno Petroni)

Samuel Günter@samuel_guenter

Die Kraftwerke Oberhasli AG führt zurzeit eine Unternehmensanalyse durch. Weshalb? Werner Luginbühl: Dazu reicht ein Blick auf die Entwicklung des Strompreises. In den letzten beiden Jahren sank der Preis der Bandenergie von 5,5 auf 3,9 Rappen und der der Spitzenenergie von 6,8 auf 4,8 Rappen. Inzwischen sind unsere Produktionskosten höher als der Marktpreis.

Dann müssten die KWO doch eigentlich den Betrieb einstellen. Da kommt unsere Rolle als Partnerunternehmen ins Spiel: Unsere Aktionäre müssen unseren Strom abnehmen.

Und wie kommen die mit der Differenz zurecht? Diese Unternehmen haben unterschiedliche Kundensegmente. Solche ? in der Regel Privathaushalte ?, denen sie den Strom zu Gestehungskosten in Rechnung stellen können. Andere ? grössere Unternehmen ? profitieren heute vom freien Markt und können den günstigsten Stromanbieter wählen. Hier stehen die Unternehmen im Wettbewerb und müssen mit den Preisen runter.

Also zahlen die Privathaushalte die Differenz. Das ist zumindest teilweise so. Deshalb hat der Bundesrat ja auch den zweiten Schritt bei der Strommarktliberalisierung eingeleitet, sodass bald auch Privatkunden ihren Anbieter frei wählen können.

Das ist schön für den Privatkunden, aber schlecht für die KWO. Unsere Situation vereinfacht sich dadurch nicht, das ist richtig. Deshalb ist auch die Unternehmensanalyse nötig.

Wie weit ist diese Analyse fortgeschritten? In einer ersten Phase haben wir den Istzustand analysiert. Dazu hat eine erfahrene externe Stelle unsere Daten ausgewertet und verifiziert. Daraus erhoffen wir uns, zu sehen, wo wir im Vergleich zu anderen Unternehmen stehen, wie gut die KWO aufgestellt sind und wo Handlungsbedarf besteht.

Und wie stehen die KWO da? Grundsätzlich sind die KWO ein schweizerisches Musterbeispiel. Sie ist auch meist das Vorzeigeobjekt, wenn der Bundesrat ausländischen Gästen die Schweizer Wasserkraft vorstellt.

Besteht also kein Handlungsbedarf? Doch, aber daran arbeiten wird noch. Wir haben verschiedene Bereiche definiert, wo wir die Schrauben anziehen müssen. Diese Bereiche werden nun in einer zweiten Phase genauer angeschaut. Dies dürfte bis in den Herbst dauern. In einer dritten Phase geht es dann um die konkreten Massnahmen.

Eigentlich sollte der Prozess bis in den Herbst dauern. Wie so häufig erwies sich die Materie als komplexer als ursprünglich gedacht. Wir hoffen, im Dezember oder Januar die Resultate zu präsentieren.

Ein solcher Prozess schürt Ängste. Am Ende schaut meist ein Stellenabbau heraus. Dessen und auch der Bedeutung und der Verantwortung der KWO als Unternehmen und Arbeitgeber in der Region sind wir uns bewusst. Entsprechend wollen wir sehr sorgfältig vorgehen und die diversen Akteure miteinbeziehen. Aber wenn es darum geht, Kosten zu sparen, dann werden Arbeitsplätze zum Thema. Deshalb besetzen wir schon seit Anfang 2014 vakante Stellen nicht neu.

Die KWO sind ja weit mehr als ein Stromproduzent. Sie sind Bauunternehmer, Turbinenhersteller, Hotelier, Bahnunternehmen und ökologisches Fachbüro. Ist diese breite Strategie infrage gestellt? Die «In-House»-Strategie, also dass wir möglichst viele Arbeiten selbst ausführen, werden wir überprüfen. Dabei muss man sehen, dass der touristische Bereich, die Grimselwelt, auch Teil der PR-Strategie ist. Es geht darum, Wasserkraft erlebbar zu machen.

Und wie sieht es etwa mit der Bau- oder der hydrologischen Abteilung aus? Das hängt stark von der Politik und der Frage, ob der weitere Ausbau gefördert wird, ab. Die KWO sind schweizweit führend, wenn es darum geht, Projekte effizient und kostengünstig umzusetzen. Diese Fähigkeit möchten wir unbedingt erhalten. Wenn wir aber keine neuen Grossprojekte realisieren können, ist dies gefährdet.

Damit sind wir wieder bei der Situation auf dem Strommarkt. Wie konnte es dazu kommen, dass die Wasserkraft so im Abseits steht? Vier Faktoren fallen am stärksten ins Gewicht. Da ist die deutsche Subventionspolitik, welche Sonnen- und Windenergie massiv verbilligt und begünstigt, Dazu kommt das Abstellen der Deutschen Atomkraftwerke und die damit zusammenhängende Förderung von billigen Braunkohlekraftwerken. Der dritte Faktor ist der Wirtschaftsmotor der EU, der ins Stottern geriet. Und viertens die CO2-Zertifikate, die massiv günstiger sind als ursprünglich angenommen.

Was können die KWO tun? Im Moment sehr wenig. Das ist das Frustrierende: 90 Prozent sind externe Faktoren, die wir nicht beeinflussen können.

Eine ausweglose Situation? Nein, im Grundsatz bin ich optimistisch. Die meisten Experten stellen der Wasserkraft mittel- und langfristig gute Prognosen.

Wie soll es nun aber kurzfristig weitergehen? Wir befinden uns auf einer Durststrecke. Diese wird sich ? so viel ist absehbar ? bis mindestens 2020 hinziehen. Aber auch in Deutschland hat man die Probleme erkannt, und irgendwann greifen die politischen Korrekturmassnahmen. Die CO2-Problematik dürfte wieder vermehrt Aufmerksamkeit erhalten, damit dürfte beispielsweise Strom aus Kohle teurer werden. Und auch die EU-Wirtschaft wird wieder anziehen. Wir müssen einfach schauen, dass wir diese Durststrecke möglichst unbeschadet überstehen.

Der Markt funktioniert nicht. Wäre es nicht besser, wenn die ganze Stromproduktion und das Netz in staatlicher Hand wäre? In der jetzigen Situation wäre eine solche Lösung wohl kaum viel schlechter. Ich hoffe aber, dass die Produktion später schrittweise wieder stärker Richtung Markt entwickelt werden kann. Wichtig ist aber auch, dass viele Entscheidungsträger vergessen haben, dass man in der Stromproduktion langfristig denken muss.

Bis dahin fordern Sie, ein bürgerlicher Ständerat, Subventionen für die Wasserkraft. Ja. In einer Situation, wo alle anderen Energien gefördert werden, ist dies nötig. Sonst machen wir etwas kaputt, das wir dann sehr teuer reparieren müssten. Eine Studie hat jüngst aufgezeigt, das weltweit mehr Geld in die Förderung von Energie fliesst als ins Gesundheitswesen. Und die Hälfte davon kommt der Kohle zu Gute. Der Wettbewerb ist enorm verzerrt. Es muss für Waffengleichheit gesorgt werden.

Das Thema war letzte Woche in der vorberatenden Kommission des Ständerates, wo sie Mitglied sind. Was ist herausgekommen? Bezogen auf die Wasserkraft hat die Kommission beschlossen, dass eine Notfalllösung für gefährdete Wasserkraftwerke vorgesehen werden soll. Diese Unterstützung soll mit 0,2 Rappen pro Kilowattstunde aus dem Netzzuschlag finanziert werden. Der Zubau von neuen Grosswasserkraftwerken soll mit 0,1 Rappen pro Kilowattstunden gefördert werden.

Sind Sie zufrieden? Ich bin einigermassen zufrieden. Allerdings hätte ich mir eine stärkere Förderung des Zubaus gewünscht.

Wie geht es weiter? Der Ständerat wird die Energiestrategie 2050 nun in der Herbstsession beraten. Ich hoffe, dass er die Vorschläge der Kommission akzeptiert. Nach den Wahlen erfolgt die Differenzbereinigung mit dem Nationalrat. Bis die Vorlage verabschiedet werden kann, dürfte es noch ein halbes Jahr dauern. Weitere Korrekturen sind nicht ausgeschlossen.

Wo sehen Sie die KWO in zehn, fünfzehn Jahren? Ich gehe davon aus, dass dann die Durststrecke überwunden sein wird und wir das Projekt Grimsel 1E abgeschlossen und das Projekt Trift im Bau haben werden.

Was, wenn die KWO in der Durststrecke keine Hilfe erhalten? Dann besteht das Risiko, dass wir keine neuen Projekte realisieren können, was sicher zu einem Stellenabbau führen würde.

Im März wird der langjährige Direktor, Gianni Biasiutti, die KWO verlassen. Bei Kaderstellen gilt eine sechsmonatige Kündigungsfrist, und die Einarbeitung braucht auch Zeit. Also müssten Sie schon bald den Namen des neuen Direktors kennen. Die Stelle war ausgeschrieben, und wir haben sehr viele Bewerbungen erhalten. Zurzeit werden diese ausgewertet. Im Herbst möchte der Verwaltungsrat den neuen Direktor vorstellen.

Dann läuft die Unternehmensanalyse noch? Ja. Der neue Direktor wird sich auch gleich einbringen können.

Was soll der neue Direktor mitbringen? Es muss eine unternehmerische Persönlichkeit sein. Eine Person, die Erfahrung mit Veränderungsprozessen hat, und sie muss hohe Sozialkompetenz mitbringen. Im Umgang mit den Mitarbeitern, aber auch dem Umfeld, der Region, Behörden, Umweltverbänden und vielen weiteren Stellen.

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