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Zehn Jahrgänge ohne Weltcuppunkt – was ist los?

Am Samstag werden die Berner Oberländer Weltcuprennen mit dem Riesenslalom­klassiker in Adelboden eröffnet. Fahrer aus der Region steht am Chuenisbärgli aber keiner am Start. Gründe gibt es zuhauf. Eine Ursachenforschung.

Cristian Locher (hier beim  Aufbautraining) war C-Kader-Mitglied von Swiss-Ski  und beendete die Karriere  nach mehreren gravierenden  Verletzungen. Heute arbeitet  er als Jugend-Kadertrainer für den BOSV.
Cristian Locher (hier beim Aufbautraining) war C-Kader-Mitglied von Swiss-Ski und beendete die Karriere nach mehreren gravierenden Verletzungen. Heute arbeitet er als Jugend-Kadertrainer für den BOSV.
Andreas Blatter
Lukas Karlen war C-Kader-Mitglied und beendete die Karriere nach einer Muskelkrankheit und einem Bänderriss im Fussgelenk.
Lukas Karlen war C-Kader-Mitglied und beendete die Karriere nach einer Muskelkrankheit und einem Bänderriss im Fussgelenk.
Markus Grunder
Philipp Kunz war C-Kader-Mitglied und beendete die Karriere wegen Kniebeschwerden.
Philipp Kunz war C-Kader-Mitglied und beendete die Karriere wegen Kniebeschwerden.
Markus Grunder
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Am Samstag belegte Nils Mani in der Abfahrt von Val Gardena Rang 9, am Sonntag fuhr Joana Hählen im Super-G von Val ­d’Isère auf Platz 8. Aus helvetischer Optik handelte es sich um überaus erfreuliche Randnotizen. Die Skigeschichte des Wochenendes vom 17./18. Dezember schrieb Lara Gut, die Tessinerin liess dem Ausfall in der Abfahrt den Triumph im Super-G folgen. Wer erwähnte Auftritte des Diemtigtalers und der Simmentalerin durch die regionale Brille betrachtet, ordnet sie gänzlich anders ein – als Resultate von historischer Relevanz.

Hählens Ergebnis kommt der ersten Top-10-Klassierung einer Vertreterin des Berner Ober­ländischen Skiverbandes (BOSV) seit fast fünf Jahren gleich; im Februar 2012 reihte sich die ­Grindelwalderin Martina Schild im Super-G von Bansko als Fünfte ein. Fast doppelt so gross ist die entsprechende Zeitspanne bei den Männern, geht doch der letzte Top-10-Platz vor Manis Exploit auf Bruno Kernen zurück. Im März 2007, wenige Tage vor seinem schweren, das Karriereende bedeutenden Sturz auf der Lenzerheide, belegte der Reutiger im Super-G von Kvitfjell Rang 6.

Der Wille und das Talent

Wie gross die Lücke ist, offenbart der Blick auf unten dargestellte Zeitachse:

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Aus den Jahrgängen 1982 bis und mit 1991 hat es auf Weltcupebene weder ein Berner Oberländer noch eine Berner Oberländerin zu einem Punkt­gewinn gebracht. Was in krasser Diskrepanz zu den in der Region durchgeführten Veranstaltungen steht.

Am Samstag und am Sonntag finden in Adelboden Riesenslalom und Slalom statt, am nächsten Wochenende gastiert der Skizirkus am Lauberhorn – die Klassiker gehören zu den meistbeachteten Rennen im Weltcup. Beat Feuz, 2012 Gewinner der Lauberhornabfahrt, ist Emmentaler, daher Mitglied von Schneesport Mittelland.

Slalomspezialist Luca Aerni kommt aus Grosshöchstetten, wurde jedoch von Ski Valais zum Weltcupfahrer geformt. Wer nach Gründen sucht, stösst auf ein Sammelsurium potenzieller Ursachen, auf «ein unglaublich grosses Puzzle», wie es Johny Wyssmüller formuliert. Der BOSV-Präsident verweist auf Anforderungen im physischen Bereich, sagt, diese seien durch die Taillierung der Skier markant höher geworden.

Konträr verhalte es sich mit der Bereitschaft, sich täglich im Kraftraum zu quälen. Die Kombination der Faktoren führt zu Verletzungen, in vielen Fällen gar zum Rücktritt. «Reisst sich eine 16-Jährige zum zweiten Mal das Kreuzband, gibt das nicht nur mir und deren Eltern, sondern auch den Eltern anderer Jugendlicher zu denken», meint Wyssmüller, die hohe Ausstiegsquote antönend.

Der Schönrieder kennt den Skisport von der Basis bis zum Weltcup, vor seiner Präsidentschaft begleitete er Doppelweltmeister Michael von Grünigen als Manager durch dessen Karriere. Es sei kein Zufall, hätten es Hählen und Mani geschafft, hält er fest. «Das sind Kämpfernaturen, die sich von Rückschlägen nicht aus dem Konzept bringen lassen.» Gegenteiliges erlebt habe er bei Athleten, die als 16-Jährige ­alles gewonnen hätten, darob in den Himmel gehoben worden seien. «Stehen sie vor einem grösseren Problem, gehen sie den Weg des geringsten Widerstandes und hören auf. Der Wille muss grösser sein als das Talent, sonst kommt es nicht gut.»

Es gibt weniger Rennfahrer

Cristian Locher teilt die Ansichten des Präsidenten und ergänzt, er vermisse bei vielen Jungen die Leidenschaft – «Skifahren ist kein Müssen». Nur wer es als Dürfen empfinde, bringe die Vor­aussetzungen für eine erfolg­reiche Karriere mit. Locher, 1986 geboren, war vor zehn Jahren Mitglied des C-Kaders von Swiss-Ski, heute arbeitet er für den BOSV als Jugendtrainer.

Sein Aufstieg wurde durch komplexe Verletzungen an Schienbein und Knie jäh gestoppt. «Ich glaube, wir Oberländer dürfen von Pech reden», lässt er verlauten, als er mit genannter Weltcuplücke konfrontiert wird. So habe der BOSV fast in jedem Jahrgang mindestens ein grosses Talent wegen gravierender Verletzungen verloren.

Der Aeschirieder erwähnt die im Vergleich mit andern Sportarten hohen Kosten, welche für viele Eltern grenzwertig seien, sowie die rückläufige Breite. Er sagt, in seiner Aktivzeit seien für interre­gionale Nachwuchsrennen Ausscheidungen gefahren worden. «Heute können wir fast jeden ­nominieren.» Er spricht über das Regionale Leistungszentrum (RLZ) Jungfrau, hält fest, von den Kaderathleten kämen zwei aus Grindelwald und einer aus Mürren, wobei es sich bei diesem um einen zugewanderten Seeländer handle. «Der Rest lebt in Inter­laken und Umgebung, also nicht wirklich in den Bergen.»

Gemeinsam geht es besser

Was die Zukunft betrifft, klingt Locher vorsichtig optimistisch. Er resümiert, in den letzten Jahren habe sich vieles bewegt, erwähnt die Professionalisierung im Trainerbereich, die Schaffung der RLZ Gstaad, Frutigen, Haslital und Jungfrau, die ausgezeichnete Zusammenarbeit zwischen den Stützpunkten.

Letzteres ist keineswegs selbstverständlich – im Gegenteil: Wer indirekt oder gar nicht beteiligte Oberländer nach möglichen Ursachen der grossen Lücke fragt, wird oft mit der Vermutung konfrontiert, es mangle an Kooperationsbereitschaft, die Täler schauten lieber für sich. Wyssmüller kennt dieses Ge­dankengut, sagt, Monika Amstutz habe «das Ganze zusammengeschweisst», was einer «grossen Leistung» gleichkomme. «Dank ihr wird in allen Regionen in die gleiche Richtung gerudert.»

Die Gelobte, im BOSV seit fünf Jahren als Leistungssportchefin tätig, spricht über die Bedeutung der Kontinuität. Die 43-Jährige hält fest, in ihrer Amtszeit habe es bei den RLZ-Trainern lediglich zwei Wechsel gegeben. «Die Crew ist eingespielt, wir müssen nicht jeden Winter von vorne beginnen.» Nachwuchstrainer Locher sagt, im Jahrgang 2001 sehe er reichlich Potenzial. Präsident Wyssmüller sagt, im Nationalen Leistungszentrum Mitte seien die Berner Oberländer gut ver­treten.

Die Chancen, dass sich die Anzahl der BOSV-Athleten in den Swiss-Ski-Kadern erhöhen wird, scheinen intakt zu sein. Mitte Dezember reihte sich Katja Grossmann aus Brienz im Europacup-Super-G von Kvitfjell als Fünfte ein. Womöglich wird Joana Hählen bald nicht mehr die einzige aktive Berner Oberländer Weltcupfahrerin sein.

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