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Sol und Pa in Experimentierlaune

Das ist das Schöne bei Patricia Kopatchinskaja und Sol Gabetta: Die Leute kommen in Scharen. Auch an einem Montag. Und auch, wenn fünf Uraufführungen angekündigt sind.

Violonistin Patricia Kopatchinskaja und Cellistin Sol Gabetta sind wachsam und mit ganzer Hingabe dran. Sie boten fünf Uraufführungen in der Kirche Zweisimmen.
Violonistin Patricia Kopatchinskaja und Cellistin Sol Gabetta sind wachsam und mit ganzer Hingabe dran. Sie boten fünf Uraufführungen in der Kirche Zweisimmen.
zvg/Raphael Faux
Die zwei Musikerinnen haben Lust und Freude am Experimentieren.
Die zwei Musikerinnen haben Lust und Freude am Experimentieren.
zvg/Raphael Faux
Das Konzert fand in der Kirche Zweisimmen statt.
Das Konzert fand in der Kirche Zweisimmen statt.
zvg/Raphael Faux
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Das Radio ist da. Eine grosse Medienschar ebenso. Schreibende und Fotografierende. Und es ist Montagabend. Aber kein gewöhnlicher, beileibe nicht.

Patricia Kopatchinskaja (41) und Sol Gabetta (37), diese beiden begnadeten Musikerinnen, nimmt man natürlich an jedem Wochentag. Und wenn sie dann kommen, läuft man ihnen in Scharen hinterher, ob jünger oder älter.

Denn sie können machen, was sie wollen. Auch mal was ganz Modernes mit vielen Experimenten. Krächzende Geige und ächzendes Cello. Gezupftes und Gesungenes dazu. Ein klein bisschen Selbstironie und Opernparodie. So wie «Pa-Sol», das von Evgeni Orkin komponierte Stück, das in der – selbstredend voll ausgelasteten Kirche Zweisimmen – seine Uraufführung erfährt.

Der 41-jährige Ukrainer ist einer von über 80 «Bewerbern», die ihr Werk in einem Wetbewerb über die sozialen Medien ausgeheckt und an Patricia Kopatchinskaja – nennen wir die Moldauerin bis zum Ende dieses Textes kurz Pa, die argentinsch-schweizerische Cellisitn nur Sol – übermittelt haben.

Zwei Petitessen

Ja, ja , das habe ihr ordentlich zu tun gegeben, aus dieser Fülle ein Dreierpaket auszwählen, das dann an diesem einen Abend am Gstaad Menuhin Festival zur Uraufführung gelangt, verrät Pa, die erstmals ihr i-Pad als Notenunterlage einsetzt.

Und das neben zwei weiteren erstmalig aufgeführten Petitessen von ihr selbst und Francisco Coll. Dessen Stück «Rizoma» ist Sols Sohn Leo gewidmet, der just an jenem Tag auf die Welt gekommen ist, als auch die Komposition geboren war.

Und wie hört sie sich an? Es ist eine aufwühlend erzählte Geschichte – mit zerdehnten Tempi und einem meditativen Gusto, das einem ätherischen Gekratze weicht und im zweiten Teil einen leicht jazzigen Anhauch erhält.

Heftiger Dialog

Pa schätzt es, mit lebenden Komponisten zu kommunizieren. «Wir haben uns über WhatsApp Nachrichten geschickt, wenn beim Proben Fragen auftauchten. Das ist doch das Schöne, wenn die Komponisten nicht tot sind.»

Pas eigene Komposition wird zum Raumerlebnis zweier sich über die ganze Kirchenschiffbreite teils heftig dialogisierende, zweifelnde und kommunikativ suchende Instrumentalistinnen. Da ist Stampfen drin (natürlich von der moldauischen Barfussfrau Pa), da ist leiser Cello-Singsang drin, da findet Stille statt, wird ausgehaucht.

Und was folgt darauf? Nicht der zu erwartende (und verdiente) Applaus, auch nicht der angekündigte Ungare Peter Eötvös (schade), sondern übergangslos, als gehöre das selbstverständlich zusammen, das Präludium G-Dur von Johann Sebastian Bach.

Finessenreich, hingebungsvoll und energiegeladen gespielt. Runde und vertraute Klänge, jetzt in diesem Kontext aber auch wieder anders – erfrischender vielleicht, gänzlich unverbraucht – wahrgenommen.

Lustvoll inszenierter Event

Das ist auch ein bisschen die Linie, die dieser ganz spezielle Montagabend fährt: Die Klänge der Moderne sind nicht nebenbei als zu erduldende Verzierung eingestreut, gestützt von einem dicken Stamm aus bewährter Klassik. Nein, sie sind die feste Substanz, um die sich Bach und Scarlatti ranken, lustvoll inszeniert als ein Event, das zu Entdeckungen einlädt.

Und da perlen sie nur, all die Geschichten, die damit verbunden sind. Etwa Julien-François Zbinden mit seinen sagenhaften 101 Jahren, der auf Mail-Anfragen «sofort und in sehr schöner Sprache antwortet», wie Pa verrät. Und dessen augenzwinkernd-karikatureske und witzig überzeichnete Klangbilder in «La Fête au Village» (1947) bei Sol und Pa prächtig gedeihen.

«Das ist doch das Schöne, wenn die Komponisten nicht tot sind.»

Patricia Kopatchinskaja

Oder Marcin Markowicz (39), dessen «Two Interludes» als spannender Kontrast zwischen schlichtem Vibrieren und temporeichem Blubbern ausgelegt werden: Der Pole sitzt im Rücken des Duos und wird von diesem beim Herausklatschen lange gar nicht und dann als letzte wahrgenommen.

Sehr feine Reflexion

Oder der jüngste im Bunde, der 20-jährige Ariel Chrem aus Peru, der sich auch über die sozialen Medien mit einer Art Spiegel-Hommage à Hilding Rosenberg gemeldet und eine sehr feine Reflexion auf das gleichnamige Werk des grossen Ungarn Györgi Ligeti geschrieben hat.

Schliesslich gelingen Sol und Pa bewegte Wiedergaben zweier Duos für Violine und Violincello von Jörg Widmann (45). Und dann ist da noch diese schlichte Eindringlichkeit, diese berührende Wehmut und manchmal leicht durchschimmernde Verschmitztheit mit allen Rhythmusraffinessen, die diese beiden Ausnahmekönnerinnen vor der Pause in der Komposition von Erwin Schulhoff (1894-1942) zelebrieren.

Zum Nörgeln gibts nur Äusserliches: Nicht schlecht wäre, die Leute rechtzeitig in die Kirche zu lassen und nicht mit einer Viertelstunde Verspätung zu starten. Wenn die sehr ausgedehnte Pause eine Straffung erfährt und in der Kirche nicht der dritte Ausgang am Ende blockiert wird, freuen sich jene, die den Zug Richtung Spiez noch erreichen wollen (die Zeit wurde kurz vor 22 Uhr knapp). Aber auch die einheimische Gastronomie, deren Terminplan durch die enorme Verspätung durcheinandergeraten ist.

Doch es ist Montagabend. Und kein gewöhnlicher, beileibe nicht.

Das Konzertwurde von Schweizer Radio SRF2 Kultur aufgenomen und wird im Laufe des Augusts ausgestrahlt.

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