Lenk

«TALK-Lösung ist stark verpolitisiert»

Lenk Die Destinationsverdichtung zur Tourismusorganisation Adelboden-Lenk-Kandersteg (TALK) ist für Heinrich Summermatter der falsche Weg. Er erläutert und argumentiert, warum Lenk Tourismus am Freitag Nein zu TALK sagen sollte.

Er kämpft für die Stärken der Lenk. Heinrich Summermatter, Verwaltungsrat von Lenk-Simmental Tourismus, hat eine sehr kritische Haltung zur TALK und lehnt die Umfirmierung von LST zur TALK ab: «Offenbar sind sich die Befürworter ihrer Sache nicht so sicher.»

Er kämpft für die Stärken der Lenk. Heinrich Summermatter, Verwaltungsrat von Lenk-Simmental Tourismus, hat eine sehr kritische Haltung zur TALK und lehnt die Umfirmierung von LST zur TALK ab: «Offenbar sind sich die Befürworter ihrer Sache nicht so sicher.» Bild: zvg

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Sie sind seit einem Jahr beratend im Verwaltungsrat von Lenk-Simmental Tourismus (LST) und der Meinung, dass TALK für die Lenk die falsche Lösung ist. Das müssen Sie erklären.
Heinrich Summermatter: Vorerst möchte ich klarstellen: Die Hauptanliegen der TALK sind richtig. Den Tourismus weiterentwickeln, mehr Gäste bringen, auch in der Zwischensaison, Synergien schaffen, Zusammenarbeit mit den ­vorgesehenen Partnern etc. Ich unterstelle auch allen Beteiligten guten Willen, damit diese Ziele ­erreicht werden können. Nur, was heute vorliegt, ist aus meiner Sicht falsch: schwerfällig, zu kompliziert und schwächt die Lenk.

Die LST AG befürwortet offiziell die Umsetzung des Konzeptes TALK. Sie scheren aus. Das ist brisant.
Die TALK-Lösung ist stark «verpolitisiert». Damit niemand in der «Verdichtung» das Gefühl hat, zu kurz zu kommen, wurde ein hoch kompliziertes System mit mäandernden Geldströmen und Ausgleichen geschaffen. So etwas habe ich noch nie gesehen, und ich kann mir auch nicht vorstellen, dass das so umsetzbar ist. Kommt hinzu, dass mit jeder Gemeinde unterschiedliche Leistungsvereinbarungen getroffen wurden. Den Tourismus an der Lenk bringt das aber nicht weiter. Niemand ist gegen eine Zusammenarbeit, aber nicht in diesem starren Korsett.

Seit wann haben Sie angefangen, in diese Richtung zu argumentieren? Wie reagieren die Geschäftsleitung und der restliche VR von LST AG?
Mich haben an den Infoveranstaltungen weder die Argumente der Befürworter noch die der Gegner überzeugt. Ich bin darum der Sache selber nachgegangen. Ich habe das umfangreiche TALK-Konzept und die Leistungsvereinbarungen mit den Gemeinden eingehend studiert und mit den Lösungen verglichen, wie sie in verschiedenen anderen Destinationen realisiert wurden. Ich habe gute und schlechte Beispiele gesehen – die betroffenen Kurdirektoren waren mir gegenüber sehr offen. So bin ich zum Schluss gekommen, dass die TALK für die Lenk keine ­gute Lösung wäre. Im VR von LST pflegen wir einen kollegialen Umgang miteinander, andere Meinungen werden respektiert, und ich habe meine Vorbehalte in aller Form vorgebracht.

Können Sie Druckversuche den Mitarbeitenden gegenüber bestätigen? Immerhin hat VR-Präsident Roland Berger die Besitzstandwahrung für dieses Jahr ­sichergestellt.
Druckversuche gegenüber den Mitarbeitenden kann ich nicht bestätigen. Der Mitarbeiterbrief, der den Weg in die Medien gefunden hat, zeigt eine Verunsicherung auf, wie er bei solchen Reorganisationen «normal» ist. Der VR hat die Fragen nach bestem Wissen und Gewissen beantwortet.

Welches sind Ihre zentralen Vorbehalte gegen das Gebilde TALK?
Die TALK geht von einer veralteten Vorstellung einer Destination als geografisch genau abgrenzbarem Raum aus: Adelboden-Lenk-Kandersteg. Darum herum hat man die TALK AG organisiert. Klassisch, wie bei der Fusion von drei Maschinenfabriken mit Präsident, CEO, Direktoren etc. und einem neuen Konzernstandort in Frutigen. Heute macht man das aber anders.

Wie denn?
Aus den Erfahrungen in anderen Regionen hat man gelernt, dass eine Destination ein agiles Kons­trukt sein muss, das in einem Netzwerk organisiert wird, mit wechselnden Kooperationen agiert und sich an den Reiseströmen und somit am Markt orientiert. Als Standorte sind nur noch die Orte der Leistungserbringung relevant. Die Zusammenarbeit wird mit Verträgen und gemeinsamem Budget sichergestellt. Ohne eine teure Strukturreform zu durchlaufen. Maximale Wirkung mit minimalstem Aufwand. Das ist nicht auf meinem Mist gewachsen, sondern der Goldstandard der Destinationsorganisation, wie ihn die Wissenschaft für die Tourismuswirtschaft entwickelt hat und der auch in der Praxis seit ­einigen Jahren bestens funktioniert. Die reibungslose Zusammenarbeit wird auch durch die ­Digitalisierung sichergestellt.

Und warum rücken Sie damit erst jetzt heraus?
Der Einwand ist berechtigt, nur war es nicht ganz einfach, den Prozess mit ständig geändertem Konzept zu begreifen und die Konsequenzen für die Lenk zu ­sehen. Ich habe mich zu diesem Schritt erst entschlossen, als ich mir selber und unabhängig ein Urteil gebildet hatte.

Welches Vorgehen schlagen Sie nun vor?
Ablehnung der TALK am Freitag an der GV von Lenk Tourismus. Mit einer lokal verankerten Arbeitsgruppe eine vernünftige, schlankere Organisation ausarbeiten, die auch den Vorgaben des Kantons entspricht. Die Lenk ist sich der Bedeutung des Tourismus ­bewusst und behält das Zepter in der Hand. Sie handelt stolz und selbstbewusst via die bestehende LST AG mit allen möglichen ­Kooperationspartnern im Saanenland, in Adelboden und mit den bewährten Partnern im Simmental Marketing- und Zusammenarbeitsverträge aus. Das ist allemal viel einfacher und günstiger als das TALK-Gebilde und ein deutliches Zeichen von Vitalität an der Lenk.

«Ich bin etwas ir­ritiert über das, was zurzeit an der Lenk abläuft. Die Leute sind stark verun­sichert.»

Eine Absage von LST stürzt das Gebilde TALK noch nicht, weil zuerst Nachverhandlungen anstehen mit möglichen Vertragsanpassungen. Ist dieser Weg keine Option?
Nein, bei der TALK bringen Nach­verhandlungen aus meiner Sicht nichts. Dass sich Engstligen- und Kandertal organisieren, kann dabei durchaus Sinn machen.

Die Absicht ist also, die TALK zu stoppen?
Mein Anspruch ist bescheiden: Ich möchte, dass die Mitglieder von LST an der GV meine Vorbehalte kennen, bevor sie entscheiden. Sie sollen auch erfahren, dass das vorgeschlagene Konzept nicht die einzige Lösung ist für einen erfolgreichen Tourismus an der Lenk.

Ist das noch realistisch und den Partnern im Engstligen- und im Kandertal, die mitmachen wollen, gegenüber fair?
Ich habe gute Kontakte nach Adelboden und ins Kandertal. Alle sind klar für die TALK. Hinter vorgehaltener Hand drücken sie aber ihr Erstaunen über das fast bedingungslose Mitmachen der Lenk aus . . .

Mit diesem Signal brüskieren Sie auch den Kanton. Wie sollen die erforderlichen Mittel für die Marketingauftritte beschafft werden? Kann sich Lenk so genügend stark positionieren und die Arbeitsplätze sichern?
Zuerst muss festgestellt werden, dass sich meine Ansicht mit den tourismuspolitischen Leitlinien des Kantons Bern 2015–2020 – das ist der Cred-Bericht Nr. 9 – deckt. Diese besagen, dass der ­Erfolg von strukturellen Destinationsverdichtungen unsicher ist. Auch wird darin hinterfragt, ob mit solchen Konzepten wirklich Synergien genutzt werden können und die Zusammenarbeit reibungslos funktionieren wird. Für mich wäre das Leitbild, welches im krassen Gegensatz zum Konzept TALK steht, der Ansatzpunkt in den Gesprächen mit dem Kanton. So wie ich Politik und Verwaltung im Kanton kenne, wird man uns eine weitere Nachspielzeit gewähren, wenn wir klar sagen, wohin die Reise gehen wird. Für eine zweckmässige und starke Positionierung und Vermarktung der Lenk haben wir genügend Mittel.

Und die Arbeitsplätze?
Auch die Arbeitsplätze an der Lenk werden dabei nicht gefährdet – für mich ein sehr wichtiges Anliegen! Ich bin sowieso etwas skeptisch, wenn ich von eigenständigen Sales der TALK ins Ausland höre. Dazu sind wir dann doch etwas zu klein – das müssten wir in einem noch grösseren Verbund wie der kantonalen Tou­rismusorganisation BE machen. Als Beispiel: Am Wochenende wurde allen grösseren Tageszeitungen in der Schweiz eine 35-seitige Hochglanzbroschüre von Österreich Werbung beigelegt. Beispielhaft vermarkten diese so den Sommer mit allen touristischen Leuchttürmen ins Ausland . . .

Die TALK ermöglicht aber talübergreifend auch Erfahrungsaustausch und Weiterbildung . . .
Als Berufsbildungsexperte ist für mich Weiterbildung und Personalentwicklung ein zentrales Anliegen für den Erfolg des Individuums und der Organisation. Das geht aber auch ohne die TALK, so zum Beispiel mit befristeten Weiterbildungsstages und Austausch mit in- und ausländischen Partnern. Die Tourismuswirtschaft 4.0 wird uns hier sowieso punkto ­Weiterbildung noch fordern.

«Mich haben weder die Argumente der Befürworter noch die der Gegner überzeugt.»

Riskiert die Lenk nicht, sich mit einer Beitrittsverweigerung ins Abseits zu manövrieren?
Nein, ganz im Gegenteil – ich sehe es als grosse Chance, das Gesetz des Handelns in die eigenen Hände zu nehmen. Guter Tourismus entsteht bottom up – von unten nach oben. Entscheidend für den Erfolg der Tourismuswirtschaft an der Lenk wird der Einsatz der Leistungsträger sein. Die Tourismusorganisation unterstützt diese. Wenn diese schlagkräftig mit kompetenten Personen im Ort bleibt, kann sie das viel besser tun als eine Zen­trale in Frutigen. Klar, die Kritik der «touristischen Leuchttürme» der Lenk muss ernst genommen werden, sie muss (noch) besser werden. Der Kanton hat im übrigen nie eine voll integrierte Destination vorgeschrieben. Thun/Thunersee und Diemtigtal funktionieren ebenfalls auf der Basis von Verträgen, nutzen Synergien und behalten ihre Selbstbestimmung.

Haben Sie überhaupt eine Chance? Die offiziellen Seiten von ­Gewerbe, Bergbahnen, Hoteliers und Gemeinde sagen ganz klar ja zur TALK.
Schwer zu sagen. Ich bin etwas irritiert über das, was zurzeit an der Lenk abläuft. Die Leute sind stark verunsichert und glauben nicht an die TALK. Sie sagen mir aber auch, sie würden sich nicht getrauen, offen gegen die TALK Nein zu stimmen. Es wird offen Druck ausgeübt. Offenbar sind sich die Befürworter ihrer Sache nicht so sicher, dass sie zu solchen Mitteln greifen müssen – die TALK ist kein Selbstläufer und hat die Bevölkerung nicht überzeugen können. Ich hoffe, ich kann mit meinen Ausführungen etwas zur besseren Meinungsbildung beitragen.


Am Freitag um 20 Uhr findet die Mitgliederversammlung von Lenk Tourismus in der Aula des Schulhauses Lenk statt. Haupttraktandum ist der Antrag, der TALK beizutreten. (Berner Oberländer)

Erstellt: 29.03.2017, 16:30 Uhr

Zur Person

Heinrich Summermatter (70) ist Betriebswirtschafter und als selbstständiger Berufsbildungs-experte tätig. Seit einem Jahr sitzt er mit beratender Stimme im Verwaltungsrat von Lenk-Simmental Tourismus (LST). Er ist Präsident der Allianz Zweitwohnungen Schweiz, der Dachorganisation von 33 regionalen Interessenvertretungen. In dieser Eigenschaft ist er auch in verschiedenen touristischen Projekten in der ganzen Schweiz tätig. Er hat einen guten Überblick über die Organisation des Tourismus in den verschiedenen Feriendestinationen. Heinrich Summermatter wohnt mit seiner Partnerin in Hinterkappelen und an der Lenk. Sie haben vier erwachsene und zwei Grosskinder. Als Hobbys pflegt Summermatter Mountainbike, Wandern und den Schneesport.

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