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Verrückt, interessant oder munteres Wolkenschieben

Was sagen die Vertreter der betroffenen Gemeinden und Bahnunternehmen zur Vision eines Hauptbahnhofs beim Jungfrau Park und zur Aufhebung der bestehenden Bahnhöfe?

«Bitte weiterverfolgen»

Herbert Seiler, Gemeindepräsident Bönigen

«Grundsätzlich ist die Vision Hauptbahnhof Interlaken auf dem ehemaligen Gelände des Militärflugplatzes Interlaken über einen Bahntunnel durch den Rugen, parallel der A8 prüfenswert.

Der Westbahnhof ist ja nur eine Haltstelle und könnte ersatzlos gestrichen werden. Die BLS, BOB und ZB könnten ab dem Hauptbahnhof operieren. Mit einer Anpassung des öVs-Angebotes könnte das Zentrum in Interlaken stark entlastet werden.

Ich habe schon als kleiner Bub meinen Vater (war Eisenbahner) gefragt, warum in Interlaken zwei Bahnhöfe stehen und die Bahnlinie zweimal die Aare überquere. Damals dachte ich natürlich an einen Zentralbahnhof im Bereiche des Bödelibades. Die Vision bitte weiterverfolgen.»

Herbert Seiler, Gemeindepräsident Bönigen (Bild: zvg)
Herbert Seiler, Gemeindepräsident Bönigen (Bild: zvg)

«Würde öV-Konzept auf den Kopf stellen»

Ruedi Simmler, Stv. Leiter Postauto Region Bern

«Meine persönlichen Gedanken zu dieser Vision:

  • Der Ansatz ist spannend und ja nicht ganz neu. Die Argumente (Langsamverkehrs-Achse, Entflechtung des Verkehrs etc.) treffen natürlich zu. Die grösste Herausforderung wäre wohl die Finanzierung, ein solches Vorhaben stünde in Konkurrenz zu vielen anderen (Ausbau-)Wünschen im öffentlichen Verkehr.
  • Der Erschliessungsgrad würde über das ganze Bödeli gesehen insgesamt wohl deutlich schlechter. Für die meisten Leute aus Interlaken und ganz sicher für alle aus Unterseen würde der Weg zum Bahnhof länger und der Zugang zum öffentlichen Verkehr unattraktiver. Die Anbindung an den Langsamverkehr würde auf jeden Fall weniger attraktiv.
  • Der Tourismus in Interlaken lebt auch von der Nähe zu den beiden Bahnhöfen. Ich beobachte am Morgen immer mehr (asiatische) Reisegruppen, die mit ihrem Guide zu Fuss zum Ostbahnhof marschieren. Auch für den Kongresstourismus ist das Argument, dass alles zu Fuss erreicht werden kann, wichtig. Wir unterscheiden uns darin ja auch von den meisten anderen Kongressdestinationen.

Zu einem möglichen Buskonzept:

  • Ein neuer und zentraler Hauptbahnhof Interlaken wäre als Vollknoten ins Taktsystem des ÖV Schweiz eingebunden. Die Situation wäre sogar entspannter als heute in Interlaken Ost, weil der Halt in Interlaken West entfallen würde, was wertvolle Minuten bringt. Die Züge würden also aus allen Richtungen um jeweils etwa xx.55 bzw. xx 25 eintreffen und den zentralen Hauptbahnhof um xx.05 bzw. xx.35 wieder verlassen.
  • Die Regionalbuslinien würden alle ebenfalls in diesen Knoten eingebunden und den zentralen Hauptbahnhof im (Halb-)Stundentakt zu den angegebenen Zeiten bedienen. Die Anschlüsse wären optimiert und für Fahrgäste nach Bönigen, Ringgenberg oder Iseltwald attraktiv. Richtung Unterseen-Neuhaus, Beatenberg und Habkern hingegen würden die Reisezeiten wegen des Umwegs länger.
  • Für die Erschliessung des Bödeli müsste ein neues Konzept entwickelt werden. Es müssten ja sowohl radiale Verbindungen vom und zum neuen Bahnhof möglich sein (z.B. ins Zentrum von Interlaken oder nach Unterseen) als auch gleichzeitig die bisherigen Verbindungen mindestens teilweise weiterhin angeboten werden. Wer von Ringgenberg nach Interlaken West will, möchte ja nicht den Umweg über den Flugplatz machen und dort noch einen Aufenthalt von zehn Minuten haben. Insgesamt müsste das Angebot wohl eher ausgebaut werden, auch als Ersatz für den weniger attraktiven Langsamverkehr (Bus statt Velo von Unterseen zum Bahnhof etc.).

Fazit: Nichts ist unmöglich, das ÖV-Konzept im Bödeli müsste allerdings mehr oder weniger auf den Kopf gestellt werden. Wie bei jeder Veränderung würde es aber auch hier sowohl Gewinner/-innen als auch Verlierer/-innen geben.»

Ruedi Simmler, Stv. Leiter Postauto Region Bern (Bild: Anne-Marie Günter)
Ruedi Simmler, Stv. Leiter Postauto Region Bern (Bild: Anne-Marie Günter)

«Nur auf der grünen Wiese»

Urs Kessler, CEO Jungfraubahnen

«Die geschilderte Vision ist ein wenig verrückt und interessant zugleich. Mit solch visionären Ideen hätte man allerdings bereits vor Jahren auf der grünen Wiese starten sollen. Stattdessen haben sich die hiesigen Verantwortlichen in jüngerer Vergangenheit immer wieder mit einer – aus meiner Sicht – konzeptlosen Verkehrspolitik auseinandergesetzt.

Für eine attraktive Verkehrsanbindung der gesamten Region müssen wir die Kräfte bündeln und grossräumig denken. Politisch motivierte Eigeninteressen dürfen bei der Verkehrsplanung keine Rolle spielen. Ein erfolgsversprechender Anschluss der Jungfrau Region an den öffentlichen Verkehr beginnt bereits mit einem Halbstundentakt ab Bern und einer direkten Verbindung ab Zürich Flughafen. Ein Doppelspurausbau bis Interlaken West ist zwingend. Die direkte Linie ab Interlaken West nach Wilderswil Flugplatz, wo sich auch das zukünftige Park & Ride mit der BOB-Haltestelle befinden wird, stellt die optimale Anreise in die Jungfrau Region dar. Mit unkompliziertem Umsteigen auf die BOB ist der reibungslose und rasche Anschluss an die V-Bahn gewährleistet.

Mein Fazit: Interlaken und die gesamte Region würden mit den genannten Massnahmen deutlich näher an die Schweizer Städte und die Flughäfen rücken. Das perfekt aufeinander abgestimmte öV-Angebot würde nochmals eine deutliche Verlagerung von der Strasse auf die Schiene garantieren.»

Urs Kessler, CEO Jungfraubahnen (Bild: Fritz Lehmann)
Urs Kessler, CEO Jungfraubahnen (Bild: Fritz Lehmann)

«Ein sehr interessanter und kreativer Denkanstoss»

Marianna Lehmann, Gemeindepräsidentin Wilderswil

«Würde es keine Bahnhöfe in Interlaken West und Ost mehr geben, hätten wir enorme wirtschaftliche Einbussen zu verzeichnen und Interlaken würde an touristischer Attraktivität stark verlieren. Meine Vision lässt die Bahnhöfe West und Ost stehen. Allerdings unterirdisch. Der Hauptbahnhof (Zentrale) der beiden wäre der Ostbahnhof, der Westbahnhof würde zu einer attraktiven Station werden.

Die unterirdischen Bahnhöfe sind natürlich nach wie vor verbunden aber ebenfalls unterirdisch. Die unterirdische ‹Schnellstrecke› führt zum heutigen JungfrauPark. Dieser würde zu einem bedeutsamen unterirdischen und zum Teil oberflächigen Verkehrsknotenpunkt des Berner Oberlandes werden, mit Bahnhof und Parking (Busse, Autos) und einem Parking mit ‹Auflade-Tankstelle› für Elektrofahrzeuge.

Weiter könnte man diesen Verkehrsknotenpunkt, der zur Drehscheibe unserer Region werden könnte, besonders interessant ergänzen, zum Beispiel mit verschiedenen Unterkunftsangeboten. Er soll das ‹Tor zum Wasserschloss Berner Oberland› werden.

Vom Westen her durch den Rugen könnte das ‹Tor zum Wasserschloss Berner Oberland› bestens unterirdisch erschlossen werden. Eine unterirdische Bahn-Kreuzungsstelle für Interlaken und zum ‹Tor zum Wasserschloss Berner Oberland› würde ebenfalls bereits im Rugen eingerichtet.

Die verschiedenen Verkehrsverbindungen (Bus) auf dem Bödeli könnte man zudem ‹metromässig› verbinden. Die Verkehrsverbindungen nach Habkern und Beatenberg würden oberflächig nicht unterirdisch erschlossen. Die umliegenden Gemeinden werden über diese Verkehrsdrehscheibe erschlossen je nach dem ober- oder unterirdisch. Zum Beispiel die Strecke Jungfrau-Park-Wilderswil wäre unterirdisch erschlossen und ab Wilderswil Richtung Täler oberirdisch.

Weiter erlaube ich mir ein Gedanke zu den Parkmöglichkeiten in Interlaken: Ein Parkhaus in Mitten von Interlaken? Unter der Höhenmatte? Dieses ‹Verkehrsknoten-Visions-Projekt› würde wesentlich dazu beitragen, dass wir Kulturland schaffen könnten und unsere Lebensqualität enorm verbessern könnten.»

Marianna Lehmann, Gemeindepräsidentin Wilderswil (Bild: zvg)
Marianna Lehmann, Gemeindepräsidentin Wilderswil (Bild: zvg)

«Vision oder Utopie?»

Peter Aeschimann, Gemeindepräsident Matten

«Grundsätzlich würde die Vision einen Haufen Probleme lösen. Zudem würde Matten zum Eisenbahnknotenpunkt Berner Oberland Ost, was aus mattener Sicht nicht schlecht respektive sicher begrüssenswert wäre.

Realistischerweise müssen wir jedoch in Betracht ziehen, dass der Jungfrau-Park noch ein Park ist, welcher gewisse Attraktivitäten beinhaltet. Ausserdem ist dort eine Erweiterung mit einem Hotelneubau geplant. Auch wurden und werden immer noch laufend Investitionen getätigt, sowohl im Bahnhof West und Ost als auch in die Infrastruktur der Eisenbahn.

Weiter muss man sich vor Auge führen, dass ein Zentralbahnhof auf dem Bödeli nichts Neues ist, wurde doch bereits Ende des 19. Jahrhunderts ein solches Projekt in Betracht gezogen.

Insofern ist mit einem solchen Projekt nicht vor 30 – 50 Jahren zu rechnen. Daher ist es ungewiss, ob zu diesem Zeitpunkt für den öffentlichen Verkehr noch schienengebundene Fahrzeuge eingesetzt werden.

Aus diesen Gründen stellt sich die Frage: Vision oder Utopie?»

Peter Aeschimann, Gemeindepräsident Matten (Bild: Bruno Petroni)
Peter Aeschimann, Gemeindepräsident Matten (Bild: Bruno Petroni)

«Kurze Wege als Vorteil»

Urs Graf, Gemeindepräsident Interlaken

Visionen kann man haben, der Bezug zur Realität ist aber dienlich. Bei den bestehenden Kapazitätsproblemen des öffentlichen Verkehrs in den Grossagglomerationen der Schweiz und bei der Knappheit der vorhandenen Mittel, wird auf absehbare Zeit kein Geld zur Realisierung solcher Projekte in kleine Agglomerationen fliessen.

Zur Vision: Sicher würden mit dieser Vision einige Probleme gelöst, aber es würden neue Herausforderungen entstehen. Die aktuelle Situation mit den kurzen Wegen zu den Bahnhöfen hat enorm viele Vorteile, gerade auch für die Schifffahrt, Pendler, Geschäfte und Hotels. Nicht ohne Grund entsteht zurzeit beim Ostbahnhof ein neues Zentrum mit vielen Anbietern. Ich setzte mich dafür ein, dass wir unsere Verkehrssituation mit den gegeben Umständen mit viel Phantasie optimieren und nicht unsere Energie für ein munteres Wolkenschieben verpuffen.

Urs Graf, Gemeindepräsident Interlaken (Bild: Bruno Petroni)
Urs Graf, Gemeindepräsident Interlaken (Bild: Bruno Petroni)
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