«Verstehen und verstanden werden»

Interlaken

Der Grosse Gemeinderat wählte Antonie Meyes Schürch (SVP) einstimmig zur höchsten Interlaknerin. Als Gerichtspräsidentin übt sie einen Beruf aus, der Ähnlichkeiten mit ihrem neuen Amt hat.

Antonie Meyes Schürch in ihrem Büro am Regionalgericht Berner Oberland in Thun. Foto: Patric Spahni

Antonie Meyes Schürch in ihrem Büro am Regionalgericht Berner Oberland in Thun. Foto: Patric Spahni

Samuel Günter@samuel_guenter

«Als GGR-Präsidentin muss ich neutral sein, vermitteln und die Sitzungen sicher leiten», erklärt Antonie Meyes Schürch (SVP) im Gespräch mit dieser Zeitung. Am Dienstagabend wurde sie zur Präsidentin des Grossen Gemeinderates und damit zur höchsten Interlaknerin gewählt. Neutral sein, vermitteln und das Leiten von Sitzungen kennt sie aus ihrem Beruf.

Sie ist Gerichtspräsidentin am Regionalgericht in Thun. Zuständig für Zivilrecht. «An meinem Beruf gefällt mir, dass ich Konflikte objektiv beurteilen kann und nicht eine Partei vertrete:» Dabei findet der Hauptteil ihrer Arbeit im Gerichtssaal statt. «Wir versuchen, wann immer es geht, gemeinsam gute Lösungen zu finden, die für alle stimmen», erklärt Antonie Meyes. Dies gelinge beispielsweise im Bereich Familienrecht fast immer.

Erste Gerichtspräsidentin

Die Weichen in die Politik stellte Antonie Meyes kurz nach Abschluss des Studiums. Erst arbeitete sie je hälftig als Kammerschreiberin am Obergericht und auf einer Bank. «Doch mir wurde schnell klar, dass das Gericht der richtige Ort für mich ist.» 1996 kam dann die Anfrage der SVP, ob sie nicht für die Partei als Gerichtspräsidentin kandidieren wolle.

Damals wurden diese noch per Volkswahl bestellt. Da ihr die SVP politisch am nächsten stand, stimmte sie zu und wurde gleichzeitig mit Barbara Baumgartner als erste Frau im Oberland zur Gerichtspräsidentin gewählt.

Zeichen und Auswirkungen

So war sie auch im Fokus der Partei. «Es ist normal, dass man dann angefragt wird, wenn es um die Besetzung weiterer Ämter geht.» Ein Exekutivamt im Gemeinderat käme für sie als Richterin aber nicht infrage. Das Engagement im GGR hingegen schon. Seit 2012 ist sie Mitglied.

Lebhaft ist ihr die Diskussion um den Schlauch – das Strassenstück zwischen Postkreuzung und Hotel Splendid – in Erinnerung. «Als ich in den Rat kam, war die Schliessung schon beschlossen. Ich bin froh, dass die Stimmbürger schliesslich an der Urne diesen Entscheid bestätigten. Es ist das richtige Zeichen in der Verkehrsplanung.»

«Manchmal kann etwas Kleines grosse Auswirkungen haben», sagt Antonie Meyes. Dies sei beim Reglement zur Benützung der Schulhausplätze der Fall gewesen. «Das schlug grosse Wellen und startete eine Diskussion über die Nutzung des öffentlichen Raums.» Eine wichtige Diskussion, wie Meyes findet. «Aber man muss sie als Ganzes sehen. Was wollen die Jungen, was die Familien, was die Senioren?» Man müsse verstehen und verstanden werden.

Ein Motto fürs Präsidium

«Verstehen und verstanden werden» ist so etwas wie das Motto für das GGR-Präsidium von Antonie Meyes. So will sie es als Präsidentin handhaben. So soll aber auch das Zusammenspiel innerhalb des Rates und zwischen GGR und Gemeinderat funktionieren. «Es dauert eine Weile, bis man das Zusammenspiel zwischen Gemeinderat und GGR begreift.»

Kein Kampf der Ideologien

Die Zusammenarbeit im GGR bezeichnet sie als gut. «Wir bekämpfen uns nicht aus Ideologien heraus.» Stattdessen würden die Sachgeschäfte im Vordergrund stehen. «Da gehen die Meinungen durchaus auseinander.» Aber das dürfe und müsse so sein. «Durch Reibung kommt man voran, und nur so können wir möglichst viele Leute vertreten.»

Dass die Gräben zwischen den Parteien nicht unüberwindbar tief sind, beweist Antonie Meyes selbst. Sie ist mit Staatsanwalt Hans-Peter Schürch verheiratet. Dieser vertrat bis 2011 die SP im GGR. «Über Interna der Parteien sprechen wir nicht, Sachgeschäfte diskutieren wir aber oft und auch kontrovers.»

Keine Berührungspunkte gibt es beruflich, obwohl man auf den ersten Blick anderes erwartet. Aber als Staatsanwalt ist Hans-Peter Schürch auf der strafrechtlichen Seite der Justiz, während sich Antonie Meyes im Zivilrecht bewegt. Als sie sich kennen gelernt haben, war sie bereits Richterin.

Verkehr und Finanzen

Es gebe einige Geschäfte, die Interlaken und dessen Räte im nächsten Jahr aber auch darüber hinaus beschäftigen werden. «Der Verkehr ist sicher ein Dauerthema», meint Antonie Meyes. «Aber auch der Erhalt der Infrastruktur wie etwa des Bödelibades oder die Erneuerung der Aula.»

Eng damit verbunden sei auch das zweite ständige Thema – die Finanzen. «Es geht darum, das Wünschbare vom Machbaren zu unterscheiden.» Oft heisse es vonseiten des Gemeinderates, dass Investitionen verkraftbar seien, wenn die Steuereinnahmen gleich blieben. «Das ist aber nicht garantiert», sagt die neue GGR-Präsidentin. «Meiner Meinung nach sind die Investitionen trotz der selbst auferlegten Schuldenbremse zu hoch.»

Berner Zeitung

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