Viele Regeln statt grenzenloser Freiheit

Im Sommer geht am Himmel über dem Berner Oberland so einiges. Damit Helikopter, Gleitschirme und Kampfjets aneinander vorbeikommen, braucht es Regeln und Rücksichtnahme.

  • loading indicator
Samuel Günter@samuel_guenter

Reinhard Mey irrte sich: Auch über den Wolken ist die Freiheit nicht grenzenlos. Im Gegenteil, es gilt ein komplexes Netz von Regeln, Abmachungen und Gesetzen. Und dies mit gutem Grund, wie ein Blick in den Himmel über dem Bödeli an einem sonnigen Tag zeigt: Das helle Blau ist mit zig farbigen Flecken durchsetzt, Gleitschirmflieger.

Diese sind aber nicht alleine: Helikopter fliegen die Basen in Wilderswil und Gsteigwiler an, und der Militärflugplatz Unterbach ist nicht weit. Tiefflüge von F/A-18-Kampfjets sind selten, aber sie kommen vor.

Der Luftraum über dem Berner OberlandMobile-User klicken für eine bessere Ansicht hier. Grafik: nid/Quelle: Swisstopo

Auch andernorts im Berner Oberland ist in der Luft viel los: Segelflieger über Thun, Fallschirmspringer in Reichenbach und Privatjets und Heissluftballone in Saanen. Und in Zukunft werden wohl auch vermehrt Drohnen in die Lüfte steigen.

Vereinfacht formuliert, wird bis 600 Meter über Boden nur auf Sicht und ohne Kontrolle der Flugsicherung geflogen. Alles, was sich höher bewegt, muss entsprechend ausgerüstet sein. Dazu kommen gesperrte oder gefährliche Bezirke und spezielle Zonen beispielsweise bei Militärflugplätzen oder grossen Flughäfen (siehe Infobox).

Absprachen und Rücksicht

Zwischenfälle sind selten. Eine Umfrage bei Beteiligten zeigt, dass dies einerseits an der disziplinierten Einhaltung der auf den ersten Blick komplizierten Regeln liegt. Und andererseits an gegenseitiger Rücksichtnahme und einer aktiven Gesprächskultur.

«So haben wir etwa mit den Gleitschirmpiloten das Gespräch wegen des Startplatzes Breitlauenen gesucht», erzählt Patrick Maurer, Leiter der Rega-Basis Wilderswil und fürs Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) zuständig für den Flugplatz Interlaken. «Wir kamen überein, dass sie unsere Basis nur in einer bestimmten Höhe überfliegen.»

Eine ähnliche Abmachung gelte bei der Basis von Swiss Helicopter in Gsteigwiler. «Solche Abmachungen sind auf der Website des Gleitschirmverbandes festgehalten. Dort orientieren sich auch ortsfremde Piloten.» Man nehme Rücksicht aufeinander.

«Diesen Sommer hatten wir mehrere Rettungseinsätze am Harder»Patrick Maurer, Leiter Rega-Basis Wilderswil

«Diesen Sommer hatten wir mehrere Rettungseinsätze am Harder», sagt Maurer. Die Gleitschirmpiloten hätten dabei jeweils von sich aus die Starts von Amisbühl unterbrochen, um dem Rettungshelikopter nicht in die Quere zu kommen.

Helikopter- und Jetpiloten würden die Verhaltensweise der Gleitschirme kennen und sich entsprechend verhalten, sagt Oberst Reto Kunz, Kommandant des Flugplatzes Unterbach und selbst Pilot. «So meiden wir die Thermik, wo Gleitschirme unterwegs sind.»

Gegenseitige Kontrolle

«Das heutige System funktioniert sehr gut», meint Kari Eisenhut von Chill-out-Paragliding. «Es ist wie auf der Strasse: Es gibt Regeln, die müssen eingehalten werden, und man braucht einen Ausweis.» Wer das Gleitschirmbrevet erlangen will, muss eine theoretische und eine praktische Prüfung ablegen.

«Es ist wie auf der Strasse: Es gibt Regeln, die müssen eingehalten werden, und man braucht einen Ausweis.» Kari Eisenhut, Chill-out-Paragliding

«Dabei sind die ‹Verkehrs­regeln› ein zentrales Thema.» Die Regeln würden auch ohne Polizist eingehalten, meint Eisenhut. Man kontrolliere sich gegenseitig. «Schliesslich ist es im Interesse der Fliegerei und uns allen, dass es funktioniert.»

Grobfahrlässigkeit wird ­geahndet

In der Fliegerei herrsche eine «Just Culture», erklärt Urs Holderegger, Leiter Kommunikation beim Bazl. Man wolle aus Fehlern lernen, weshalb kleinere Vergehen nicht belangt werden. Ganz ohne Polizei geht es aber doch nicht.

Der Luftraum wird von Skyguide überwacht, und wer grobfahrlässig gegen die Regeln verstösst, etwa indem er in den Luftraum über dem Flughafen Kloten eindringt, muss mit einem Besuch der Bundesanwaltschaft rechnen.

In extremen Fällen greift die Luftwaffe ein. Meist läuft es aber wie in dem Fall ab, von dem Maurer erzählt: Ein ausländischer Gleitschirmpilot landete direkt bei der Rega-Basis, worauf Maurer zu ihm ging und ihn über sein Fehlverhalten aufklärte. «Es war ihm überhaupt nicht recht, und er entschuldigte sich sofort. Problem gelöst.»

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt

Loading Form...