Beatenberg

«Weder blauäugig noch negativ»

BeatenbergKontrovers und sachbezogen diskutierten Beatenberger Einwohner und Feriengäste mit Betreuern, Behörden- und Polizeivertretern über das geplante Heim für minderjährige Asylsuchende im ehemaligen Schulhaus Schmocken.

Im Schulhaus Schmocken ziehen im September 50 unbegleitete minderjährige Asylsuchende ein.

Im Schulhaus Schmocken ziehen im September 50 unbegleitete minderjährige Asylsuchende ein. Bild: Sibylle Hunziker

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Fast bis auf den letzten Platz war der Kongresssaal am Freitag besetzt. Das Interesse am Wohnheim für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMAs), das Anfang September im ehemaligen Schulhaus Schmocken seinen Betrieb aufnimmt, war gross. Meinungen dazu reichten von Ablehnung bis zur Überzeugung, dass die Begegnung mit den 14- bis 18-jährigen Asylsuchenden auch positive Erfahrungen ermögliche.

Ökonomische Lösung

Für die nächsten drei Jahre vermietet die Gemeinde Beatenberg ihr ehemaliges Schulhaus Schmocken dem kantonalen Migrationsamt. «Bis die Finanzierung einer neuen Nutzung steht, braucht es eine wirtschaftliche Zwischennutzung», sagte Gemeindepräsident Christian Grossniklaus, und er stellte klar: «Beim Entscheid des Gemeinderates handelt es sich nicht um eine Willkommensaktion, sondern um eine ökonomisch sinnvolle Lösung und eine Unterstützung für den Kanton.»

In der Diskussion, die Regierungsstatthalter Martin Künzi freundlich, aber bestimmt nicht in eine allgemeine Debatte über Asylpolitik ausufern liess, holten sich zunächst einige Bürger die Bestätigung, dass mit dem Heim keine zusätzlichen Kosten auf die Gemeinde zukommen - weder für die Einrichtung, noch für die Betreuung und allfällige Polizeieinsätze.

Weitere Fragen betrafen die rechtlichen Grundlagen, den Verteilschlüssel für Asylsuchende auf die Gemeinden, die psychologische und spirituelle Betreuung der traumatisierten UMAs, Aufträge für Beatenberger Geschäfte, vor allem aber die Organisation des Alltags.

Eng betreut

Angela Müller und der künftige Co-Heimleiter Valerio Albisetti von der Zentrum Bäregg GmbH hatten einleitend erklärt, dass ab Anfang September - noch während des Umbaus - etappenweise 40 bis maximal 50 Jugendliche ins Beatenberger Wohnheim einziehen. Betreut werden sie von einem Team aus Sozialpädagogen und Sozialarbeitern sowie Übersetzern aus ihren jeweiligen Kulturkreisen.

Co-Heimleiter Valerio Albisetti erklärte, die Jugendlichen würden von Sozialpädagogen, Sozialarbeitern und Übersetzern betreut. Bild: Sibylle Hunziker

Die Heimbewohner gehen intern zur Schule oder besuchen Integrationsklassen in der Region, essen gemeinsamen und können ein Freizeitangebot nutzen. Konsum und Mobilität sind mit durchschnittlich 3.50 Franken Sackgeld pro Tag Grenzen gesetzt.

Polizei arbeitet präventiv

Dass nachts nur eine Nachtwache und einen weiteren Betreuer, der im Haus schläft, vor Ort sind, beschäftigte vor allem langjährige Gäste. Befürchtungen, leer stehende Ferienhäuser könnten die Jugendlichen zu Einbrüchen verleiten, hielt Kapo-Bezirkschef Thomas Graf entgegen, dass es keine entsprechenden Erfahrungen in Grindelwald gebe, wo nicht weniger Ferienhäuser stehen.

Graf stellte auch klar, dass die regelmässige Polizeipräsenz in Heimen dem Austausch mit Betreuern und der Schulung von Asylsuchenden diene. «In deren Herkunftsländern sind Polizisten oft Schergen korrupter Herrscher; dass es hier anders ist, müssen sie erst lernen.»

Einführung ins Grüssen

Wichtig war etlichen Einwohnern die Zusicherung, dass die Heimbewohner Spiel- und Sportplätze und insbesondere das Hallenbad nur in Begleitung besuchen, bis sie die örtlichen Hygiene- und Anstandsregeln kennen - und bis sie schwimmen können.

Applaus erntete ein Bürger, der sich schon im Juni mehr Informationen gewünscht hätte - aber auch ein anderer, der froh war, dass der gewählte Gemeinderat seine Aufgaben ordentlich erfüllt. Und für Heiterkeit sorgte der Wunsch nach einer UMA-Einführung in die schöne Sitte des Grüssens - samt Auffrischungskurs für Einheimische.

Freiwillige Helfer

Die Versammlung brachte viele Anregungen und Hilfsangebote, die vom Staatskundeunterricht für UMAs bis zur Vorbereitung der einheimischen Jugend auf die Neuankömmlinge reichten.

«Wir sollten den UMAs weder blauäugig noch negativ begegnen», meinte ein Bürger zusammenfassend. Gemeindepräsident Grossniklaus lud alle Einwohner, die Ideen und Anliegen einbringen möchten, an den Runden Tisch der Verantwortlichen ein.

Und jedermann solle die 24-Stunden-Telefonhotline nutzen. «Lasst Euch keinen Kropf wachsen, sondern meldet sofort, was Euch beschäftigt.» (Berner Oberländer)

Erstellt: 13.08.2016, 14:14 Uhr

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