Die Geburtenabteilungen sind Sorgenkinder

Die Geburtshilfe ist für die Spitäler fmi AG, mit ihren beiden Abteilungen in Frutigen und Interlaken, ein Verlustgeschäft. VR-Präsident Robert Zaugg und fmi-Direktor Urs Gehrig spüren jedoch die Solidarität gegenüber der Spitalgruppe.

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Samuel Günter@samuel_guenter

Damit eine Geburtenabteilung finanziell selbsttragend ist, braucht es eine Mindestzahl an jährlichen Geburten. Die Verantwortlichen der Spitäler fmi AG beziffern diese auf 1000 bis 1500. Pro Geburt bekommt das Spital von den Krankenversicherungen einen fixen Betrag, die Fallpauschale. Deren Höhe ergibt sich aus den durchschnittlichen Kosten einer Geburt in Schweizer Spitälern.

«Allerdings sind darin nicht nur die Kosten enthalten, die bei der Geburt selbst anfallen, sondern auch die Vorhalte- und Infrastrukturkosten», erklärt Direktor Urs Gehrig. So müsse für Notfälle jeweils innerhalb einer Viertelstunde ein Operationssaal mit Team bereit sein. Je mehr Geburten durchgeführt würden, desto besser teilen sich diese Fixkosten auf.

Aber die Anzahl Geburten ist nicht nur für ausgeglichene Finanzen, sondern auch für die Qualität entscheidend. Wenn das Team die verschiedenen Eingriffe nicht regelmässig durchführt, fehlt die Übung, erklärt Gehrig. Hier liege die Grenze tiefer, etwa bei 600 Geburten pro Jahr.

Diese Limite erfüllt die Spitäler fmi AG. 2015 erblickten 630 Kinder in den beiden Geburtenabteilungen in Frutigen und Interlaken das Licht der Welt. Dies ist ein Rekord. «Im Allgemeinen nehmen die Geburtenzahlen im Moment eher zu», sagt Gehrig. «1000 Geburten werden wir aber nie erreichen.» Dazu sei das Einzugsgebiet mit rund 65'000 Einwohnern zu klein. «Und Geburtentourismus, das hat sich gezeigt, funktioniert nicht.»

Loch in der Kasse

Die fehlenden Geburten reissen pro Jahr ein Loch in der Grössenordnung von mehr als 500'000 Franken in die Kasse der Spitäler-AG. 2014 waren es 610'000 Franken. Ein Jahr zuvor waren es gar 1,1 Millionen Franken. «Mit rigorosen Sparmassnahmen im Spital Interlaken konnten wir den Verlust minimieren», sagt Gehrig. So seien beispielsweise der Pikettdienst optimiert und auch ein Personal-Pool geschaffen worden.

Letzterer habe sich besonders bewährt, da auf Wunsch der Angestellten diese kurzfristig eingesetzt werden können, demzufolge ein effizienterer Einsatz des Personals resultiert und damit Kosten reduziert werden, sagt Gehrig. Zudem habe man im Spital Interlaken die Pflegefachkräfte von nicht medizinischen Arbeiten entbunden und sogenannte Gastgeberinnen eingesetzt.

Diese empfangen die Patienten beim Spitaleintritt, nehmen ihre Verpflegungswünsche auf, sorgen für zahlreiche weitere Dienstleistungen und begleiten sie bis zum Spitalaustritt. Der Spareffekt liegt gemäss Gehrig darin, dass Gastgeberinnen auf einer tieferen Lohnstufe angesiedelt seien als Pflegefachkräfte.

«Strukturelles Defizit» bleibt

«Jetzt ist die Zitrone ausgepresst, denn das Defizit kann nicht mit weiteren Sparmassnahmen reduziert werden, ohne dass die Qualität der medizinischen Leistungen sinken würde», bringt es Verwaltungsratspräsident Robert Zaugg auf den Punkt. «Diese halbe Million Franken Verlust, verursacht durch diese Vorhalteleistungen, fallen pro Jahr an, ob wir dies wollen oder nicht. Ich spreche deshalb von einem strukturellen Defizit», sagt Zaugg.

Man habe das Gespräch mit den beiden grossen Versicherungsverbänden – unter deren Dach sich sämtliche Krankenkassen befinden – gesucht, sei aber mit der Forderung nach einem Sonder­tarif für die fixen und nicht gedeckten Kosten abgeblitzt. Für die Deckung dieser Kosten sei gemäss Krankenversicherungsgesetz der Kanton zuständig, sei seitens der Versicherungen argumentiert worden, sagte Gehrig. Doch der Kanton Bern als Alleinaktionär der Spitalgruppe habe abgewunken und kein offenes Ohr gehabt.

Gemeinden angefragt

Also fragte die Spitäler fmi AG alle Gemeinden im Verwaltungskreis Interlaken-Oberhasli – dort fungierte als Koordinator die Regionalkonferenz Oberland-Ost – und im Einzugsgebiet des Spitals Frutigen jene des erweiterten Kandertals um einen Beitrag an. Die Spitalfunktionäre gingen nach eigenen Angaben von 65'000 Einwohnern aus, die im Einzugsgebiet der Spitalgruppe leben, und rechneten mit einem Beitrag von 4 Franken pro Person und pro Jahr (Total 260'000 Franken).

«Wir müssen all diesen Gemeinden ein Kränzchen winden», sagen unisono Zaugg und Gehrig. «Wir haben gespürt, dass alle – also auch jene, die keinen finanziellen Beitrag leisten konnten – hinter dem Spital stehen und ihre Solidarität bekundeten», sagt Gehrig. Nachdem die Gemeinden für eine Finanzierung für 2014 und 2015 angefragt worden seien, so Gehrig, habe man die Rückmeldung erhalten, dass diese Zahlung eine einmalige Mitfinanzierung des Defizits bedeute. «Wir haben dann gleichwohl für dieses Jahr eine erneute Anfrage gestellt, und es haben noch 16 Gemeinden einen Beitrag gesprochen», sagt Gehrig.

Der Spitaldirektor und der Verwaltungsratspräsident haben beide «überhaupt kein Problem», dass für keines der drei Jahre der Maximalbetrag zusammengekommen ist. «Im Gegenteil sind wir extrem dankbar und sprechen auch noch dann von einem Erfolg, wenn wir das laufende Jahr anschauen», sagt Zaugg. 16 von 35 Gemeinden haben für 2016 einen Beitrag zugesagt und steuern knapp 60 Prozent des maximal möglichen Betrages bei.

Zaugg und Gehrig weisen in aller Deutlichkeit auf den grossen Goodwill der Gemeinden hin, denn von Gesetzes wegen seien diese nicht verpflichtet, Defizitbeiträge zu leisten. Diesbezüglich seien Reaktionen aus den Gemeinden eingegangen, die auf den Finanz- und Lastenausgleich (Filag) zielten, wonach der Kanton sämtliche Spitalaufgaben und die anfallenden Kosten zu übernehmen hat.

Die gesprochenen Gemeindebeiträge decken das strukturelle Defizit der Geburtshilfe bekanntlich nicht vollständig, weshalb eine Quersubventionierung mit Gewinnen der rentableren Abteilungen der fmi-Spitäler unabdingbar bleibt.

«Dies bedeutet, dass wir unseren Betrieb gewinnbringend führen müssen, damit künftige Investitionen gestemmt werden können», sagt Gehrig. Der Verwaltungsrat habe die Auflage gemacht, dass ein Gewinn vor Abschreibungen zwischen 8 und 10 Prozent liegen müsse. «Bei einem Umsatz von 130 Millionen Franken müssen demnach 13 Millionen Gewinn herausschauen», rechnet Gehrig vor. Dieses Geld sei nötig, nicht um die Taschen der Aktionäre zu füllen, sondern um in medizinische Einrichtungen und in die Infrastruktur investieren zu können. «Gerade die Geräte müssen im Durchschnitt alle acht bis zehn Jahre erneuert werden», weiss Gehrig.

«Schliessung ist kein Thema»

«Eine Geburtenabteilung ist die Seele eines Spitals, und dazu stehen wir», sagt Verwaltungsratspräsident Robert Zaugg. «Eine Schliessung ist in jedem Fall kein Thema.» Ob die Gemeinden im Einzugsgebiet der Spitalgruppe in Zukunft mit weiteren Beitragsanfragen rechnen müssen, lässt VR-Präsident Robert Zaugg derzeit offen. «Wir hoffen es nicht und halten natürlich Ausschau nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten. Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht.»

Berner Zeitung

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