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«Zorn» trifft den Nerv der Zeit

Das Stedtlitheater spielt Joannna Murray-Smith. «Zorn», ein Gesellschaftsdrama, das aufwühlt und den Nerv der Zeit trifft.

Entsetzen macht sich bei den Vorzeigeeltern Patrick und Alice Harper (Stefan Gysin und Beatrice Augstburger) breit. Ihr Sohn Joe (gespielt von Léon Bruhin) soll ein extremistischer Sprayer sein?
Entsetzen macht sich bei den Vorzeigeeltern Patrick und Alice Harper (Stefan Gysin und Beatrice Augstburger) breit. Ihr Sohn Joe (gespielt von Léon Bruhin) soll ein extremistischer Sprayer sein?
Peter Wenger

«Was? Joe hat eine Moschee mit Graffiti besprüht? Ich glaube es nicht, irgendetwas muss schiefgelaufen sein», entsetzt sich Patrick Harper, Schriftsteller und Vater des 16-Jährigen. Er fällt aus allen Wolken. Und erst die Mutter Alice. Als erfolgreiche Hirnforscherin steht sie kurz vor einer Preisverleihung ihres bahnbrechenden Medikaments. Eine Katastrophe für die gutbürgerliche, erfolgreiche Familie, die sich stets um ihr unbeflecktes Image gekümmert hat.

Das kann nicht sein, ein Sündenbock muss her. Panikartig schieben Joes Eltern die Schuld auf den Schulfreund Trevor. Er war bei der Schmiererei dabei, er muss die treibende Kraft gewesen sein. Die kritische, fast fremdenfeindliche Haltung seines ­Vaters Andersdenkenden gegenüber kommt ihnen gerade recht. Gezielte Interviews der jungen Journalistin Rebecca bringen Licht ins Dunkel. Das blendende Image des erfolgreichen Ehepaars Harper beginnt zu bröckeln. Abgründe tun sich auf.

Es bleibt ein Scherbenhaufen

Aktueller könnte das Stück nicht sein. Hinter einer intakten, humanen Scheinwelt verbirgt sich eine erschreckende Wirklichkeit. Johanna Murray-Smith zeigt in ihrem Familiendrama «Zorn», wie brüchig ein von Äusserlichkeiten und Erfolg besessenes Familienbild sein kann und als Scherbenhaufen endet.

Aussergewöhnliche Leistung

Keine leichte Kost, und trotzdem: Verschmitzt, mit feinem Humor und gepfefferter Ironie wirkt das Drama weder deprimierend noch belehrend. Nicht zuletzt durch die aussergewöhnliche schauspielerische Leistung des Stedtlitheater-Teams. Einmal mehr hat es Beatrice Augstburger verstanden, das anspruchsvolle Stück gekonnt zu inszenieren und ideal zu besetzen: Beatrice Augstburger und Stefan Gysin mimen das Vorzeigepaar, doch Léon Bruhin als Sohn Joe stellt sich als Einzelkind quer, bricht aus, wird zum Sprayer.

Als Lehrerin bringt Ariadna Gerber mit ihrer Hiobsbotschaft das Fami­lienidyll ins Straucheln. Barbara Wyss und Arnold Abegglen werden als Eltern zum Sündenbock gestempelt. Daniela Fuchs bringt durch ihre bescheidene Art als aufsässige Journalistin die Wahrheit an den Tag.

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