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Packender Auftakt

KonzertZwischen Poesie und Ironie: Die Camerata Bern warf zum Saisonauftakt im Zentrum Paul Klee ein Licht auf den englischen Komponisten Benjamin Britten und seinen Lehrer Frank Bridge.

Am Anfang ist die Unschuld – oder die Idee davon zumindest: Aus dem Nichts erklingt das einsame Horn, zeichnet Linien, von Naturton zu Naturton. Man könnte an Sennenromantik denken, an eine gut helvetische Alpenidylle mit obligatem Alphorn. Doch dann verstummt das Instrument, die Streicher tasten sich heran. «The Day’s Grown Old» (Der Tag ist alt geworden), singt der Tenor, beschwört die «fainting sun», die «bleichende Sonne». Und schon ist man mittendrin – in der Klangwelt des Benjamin Britten (1913–1976). Unverwechselbarer Tonfall Der Brite gehört zu den grossen musikalischen Einzelgängern des 20. Jahrhunderts. Von den Avantgardisten verschmäht, schuf Britten im Spiel mit bekannten Stilen und Formen einen unverwechselbaren Tonfall – und ein faszinierendes Gesamtwerk, das zumindest in Mitteleuropa immer noch viel zu selten zu hören ist. Nur wenige dürften denn auch schon dem Geniestreich begegnet sein, den die Camerata Bern zum Saisonauftakt bietet: Brittens Serenade für Tenor, Horn und Streicher ist ein abgründiges Werk, das sich aus Texten von englischen Dichtergrössen wie Ben Jonson und William Blake speist. Die Gedanken drehen sich um Nacht, Traum, Tod, verlorene Unschuld. Und mit den Gedanken dreht sich die Musik – von der Pastorale, zum Nocturne, zur Hymne, zu Elegie und Grabgesang, den schauerlichen Herzstücken des Zyklus. Dass die Aufführung zum Ereignis wird, liegt nicht zuletzt an der Zurückhaltung der Akteure: Im Unterschied zu vielen Interpreten verzichtet der deutsche Tenor Christoph Prégardien auf vokale Kraftmeierei, er stellt seine leichte Stimme ganz in den Dienst einer intimen, zerbrechlichen Dramatik. Und der Berner Hornist Olivier Darbellay folgt ihm darin ebenso wie das Ensemble. Brücke von Britten zu Bridge Wie viel Power, Risikofreude, aber auch wie viel Witz die Camerata Bern unter Antje Weithaas entfalten kann, zeigt sich in den übrigen Teilen des «britischen» Programms, das eine Brücke von Britten zu seinem Kompositionslehrer Frank Bridge (1879–1941) schlägt. In Bridges «Two Old English Songs», vor allem aber in Brittens Hommage «Variationen über ein Thema von Frank Bridge» loten die Musiker das Spannungsfeld zwischen sentimentaler Nostalgie und geistreicher Ironie aus. Auch Haydns D-Dur-Symphonie Nr.110 passt letztlich in das Programm – nicht nur, weil sie zu seinen späteren Londoner Symphonien gehört. Wie Britten kultiviert auch der Klassiker Haydn eine scheinbar simple Tonsprache, in deren Untergrund aber jede Menge passiert – wenn es denn fassbar gemacht wird. Nicht Haydn indes bleibt am Ende im Gedächtnis haften, sondern Britten mit seiner Serenade, die so entrückt endet, wie sie begonnen hat. Noch einmal erklingt das Solohorn – «off stage» diesmal, wie es der Komponist vorgesehen hat. Darbellay spielt den Epilog hinter der Bühne, immer weiter scheint sich der Klang zu entfernen, bis er sich ganz in Brittens Traumuniversum verflüchtigt. Oliver Meier >

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