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Quartier leidet unter dem Quietsch-Tram

Stadt BernDer Ärger über die quietschenden Sechsertrams hält an und schweisst die Bewohner des Fischermättelis zusammen. Trotz Entgegenkommen von Bernmobil wollen sie weiterkämpfen.

«Hört, es kommt», unterbricht Coiffeuse Susanne Baumann die aufgeregten Besucher ihres Salons vis-à-vis der Tramhaltestelle Fischermätteli. Sie öffnet die Eingangstür, und ein noch leises Wimmern ist vernehmbar. Ein blaues Bähnli verursacht das Geräusch, das lauter wird und in ein jähes Quietschen mündet, als es sich langsam um die Endschlaufe windet. Doch wirklich ohrenbetäubend wird es heute nicht. Den Besuchern steht der Frust dennoch ins Gesicht geschrieben. Sie ärgern sich, und jeder möchte als Erstes erzählen. Die feuchten Schienen schwächten derzeit die Geräusche ab. Doch werde es wieder übler kommen. Nicht fürs Haareschneiden ist eine Handvoll Anwohner zur Coiffeuse gekommen, sondern um über den Widerstand gegen die Berner Obrigkeit und Bernmobil zu plaudern. Mit den veralteten Trams, die seit dem Fahrplanwechsel bis ins Fischermätteli fahren, hätten die Behörden einen Schritt in die Vergangenheit statt in die Zukunft gemacht. Im Fischermätteli wolle man nicht den Kopf herhalten, damit andere Quartiere, wie Bümpliz oder Bethlehem, aufgewertet werden. Auch das Fischermätteli habe die leiseren Combino-Trams verdient. Ruhiges Quartier gesucht Rebekka Grüter, die jetzt doch die Gelegenheit für einen Haarschnitt beim Schopf packt und auf dem Coiffeurstuhl Platz nimmt, ist mit ihrer Familie erst im vergangenen Oktober ins Quartier gezogen. «Wir haben eine Wohnung in einem ruhigen und familienfreundlichen Quartier gesucht», erklärt die Mutter zweier Kinder. Gefunden hat die junge Familie eine Wohnung am Lenzweg. «Sie war perfekt», sagt Grüter. Bis zum Fahrplanwechsel vom Dezember, als das grosse Quietschen der Trams begann. «Die Stadt Bern hat uns hinters Licht geführt.» Grüters wären nicht hergezogen, wenn sie über den kommenden Lärm Bescheid gewusst hätten. Die 30-jährige Pflegefachfrau arbeitet im Inselspital, und zwar ausschliesslich zu Spät- und Nachtschichten. Deshalb trifft es sie besonders hart: «Es ist sowieso schon schwierig, tagsüber zu schlafen. Die quietschenden Trams lassen mich kaum mehr ein Auge zumachen.» Die junge Familie will trotz allem im Quartier bleiben und kämpfen. Rückständiges Bern Auch die anderen Quartierbewohner setzen sich ein: Sie sammeln Unterschriften und haben sogar einen Sitzstreik angedroht. Diesen haben sie nach der Ankündigung von Bernmobil, ab 21 Uhr Busse und später nur noch leise Combino-Trams zu verwen-den, mittlerweile in ein Treffen mit Bernmobil-Direktor René Schmied umgewandelt (wir berichteten). Doch das genügt Mathilde Küenzi nicht. Seit 45 Jahren lebt sie am Lenzweg – im eigenen Haus. Für sie hat die Geschichte auch eine gute Seite: «Das Thema schweisst zusammen.» Man komme mit fremden Leuten ins Gespräch und merke plötzlich, «wie viele tolle Leute im Quartier wohnen». Trotzdem sorgt sie sich um zwei Dinge: «Für die vielen Kinder, die entlang der Tramlinie zur Schule gehen und auf den Spielplätzen spielen, ist dieser Lärm schlecht für die Gesundheit.» Zudem wisse sie nicht, wie sie ausländischen Gästen «diese Rückständigkeit der Stadt Bern» erklären solle, die es nicht zustande bringe, anständige Trams auf dem Strassennetz fahren zu lassen. Coiffeuse Susanne Baumann wohnt zwar nicht im Quartier, schneidet aber seit 1982 die Haare der Quartierbewohner. Den lauten und grossen Verkehr hätten die Bewohner stets, ohne zu murren, geduldet. «Aber das quietschende Tram ist des Guten zu viel.» Baumann befürchtet, dass Leute wegziehen werden. Für die eingeschworene Truppe in ihrem Salon kommt dies allerdings nicht infrage. Zusammen zu kämpfen, lohne sich. Bereits habe man 600 Unterschriften gesammelt. Der Widerstand dauert an. Daniel Fuchs>

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