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Kind übersehen – Chauffeur verurteilt

Ein Lastwagenchauffeur wurde wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Er hatte ein 11-jähriges Mädchen in Gümligen auf dem Trottoir angefahren.

Johannes Reichen

Ein kurzer Blick nach links hätte wohl genügt. Dann hätte der Chauffeur das Mädchen gesehen. Dann hätte er noch bremsen können. Dann wäre das Mädchen nicht unter den rollenden Lastwagen geraten. Das Kind würde noch leben. Es wäre glimpflich ausgegangen.

Und er sässe jetzt nicht hier als Angeklagter vor dem Regionalgericht Bern-Mittelland. Ein stämmiger Mann, 42 Jahre alt, Lastwagenchauffeur. «Würden Sie heute etwas anders machen?», fragt Gerichtspräsident Sven Bratschi. «Ich würde nochmals nach links schauen, sonst würde ich nichts ändern.»

Auch der Richter macht ihm zum Vorwurf, dass er diesen Blick nicht getätigt hat. Und deshalb verurteilte er den Chauffeur wegen fahrlässiger Tötung zu einer bedingten Geldstrafe. 60 Tagessätze, wie es die Staatsanwaltschaft beantragt hatte, à 60 Franken, Probezeit zwei Jahre.

Vertrauen können

Es war der 21. November 2018. Der Chauffeur sass in seinem grünen Lastwagen, ein schweres Gefährt, ein Anhänger. Er fuhr mit Tempo 50 auf der Worbstrasse in Gümligen. Er kam aus Richtung Rüfenacht. Die Kreuzung mit der Einfahrt zur Firma Haco rückte näher. Nach links abbiegen, um eine Fussgängerinsel herum, über die Gegenfahrbahn, über ein Trottoir, zur Haco. Da musste er hin.

Er blinkte, wurde langsamer. Liess zwei Autos passieren, die aus entgegengesetzter Richtung kamen und vor ihm abbogen. Dann war die Gegenfahrbahn frei, er holte nach rechts aus. Er musste aufpassen, dass dort kein Velofahrer vorbeifuhr. Musste achtgeben, dass er die Mittelinsel nicht touchiert. Dann bog er ab. So schildert der Chauffeur dem Gericht die Fahrt.

Er habe alles nach Lehrbuch gemacht. Das Mädchen habe er erst im Rückspiegel gesehen. Es lag am Boden. Es war mit dem Velo auf dem Trottoir gefahren, war von links gekommen. «Zügig» sei es unterwegs gewesen, sagte ein Zeuge, er hatte es kommen sehen.

Verteidiger Philipp Kunz fordert einen Freispruch. Sein Mandant habe sich auf die komplizierte Verkehrssituation konzentrieren müssen. «Er hat alles richtig gemacht.» Er habe nicht damit rechnen müssen, dass ein Kind regelwidrig auf dem Trottoir fährt. Sondern darauf vertrauen können, dass auch die anderen die Regeln befolgen.

Mit allem rechnen

Das Gericht sieht es anders. Der Chauffeur sei zunächst korrekt gefahren. «Die Konzentration fiel auf das korrekte Umfahren der Insel», sagt Bratschi. Dabei habe aber leider die Konzentration auf das Trottoir gefehlt, das er habe befahren müssen. «Da muss man mit Fussgängern rechnen.» Aber eben auch mit Kindern, die schnell mit dem Velo unterwegs sind. «Es war ein kleiner Fehler, aber leider einer mit schlimmen Folgen.» Und einer, den man hätte vermeiden können, so der Richter.

Die Staatsanwaltschaft, die nicht an der Versammlung teilnahm, warf dem Chauffeur auch noch vor, dass ein Vorhang in der Kabine zu weit nach vorne gezogen war. Das sei verboten, keine Gegenstände dürften die Sicht des Führers beeinträchtigen. Das stimme zwar, sagt der Richter. Entscheidend sei der Vorhang aber nicht gewesen. Sondern eben der fehlende Blick.

Der Chauffeur ist verheiratet, hat drei Kinder. Eine Tochter ist im gleichen Alter wie das verunglückte Mädchen. Zur Familie des Opfers habe er den Kontakt gesucht, sagt er, vergebens.

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