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Rydlo scheitert vor Gericht

JustizDie Autorin Irena Brezna und zwei BZ-Redaktoren wurden gestern vom Vorwurf der üblen Nachrede freigesprochen. Vor Gericht gebracht hatte sie der angebliche Hochstapler Jozef M. Rydlo.

Vier Jahre dauerte die juristische Auseinandersetzung, gestern endete sie – zumindest vorläufig – vor dem Berner Regionalgericht: Gerichtspräsidentin Christine Schaer sprach die in Basel lebende slowakische Schriftstellerin Irena Brezna und zwei Redaktoren der Berner Zeitung vom Vorwurf der üblen Nachrede frei. Angestrengt hatte den Prozess Jozef M. Rydlo, von 2006 bis 2010 slowakischer Parlamentarier. Über ihn, den schweizerisch-slowakischen Doppelbürger, publizierte Brezna 2007 eine zweiseitige Recherche unter dem Titel «Die Karriere eines Hochstaplers». Erschienen ist der Text im «Zeitpunkt», dem Hintergrundressort dieser Zeitung, den die beiden mitbeschuldigten Redaktoren verantworten. Die Anwürfe an den Politiker der nationalistischen Partei SNS waren happig: Rydlo habe 1991 im Waadtland seine Frau und seine Kinder zu töten versucht, habe einen Hang zu Perversion, schmücke sich fälschlicherweise mit akademischen Titeln, habe die Nationalbibliothek in Bern bestohlen und beziehe missbräuchlich eine IV-Rente in der Schweiz. Die Rente wurde ihm nach Erscheinen der Recherche und weiterer BZ-Artikel aberkannt. Freisprüche der Justiz Francesco Bertossa, der Anwalt von Rydlo, taxierte Breznas Artikel als «Rufmord». Unter dem Deckmantel der «IV-Geschichte» werde Rydlo «zum Abschuss freigegeben» und eine Jahrzehnte alte Familienangelegenheit aufgewärmt. In seinem Plädoyer störte sich Bertossa vorab daran, dass Brezna ihre Geschichte erzählt, obschon Rydlo durch die Waadtländer Justiz vom Vorwurf der versuchten Tötung freigesprochen worden war. Auch das Verfahren wegen der Entwendung der Bücher wurde nach Eintritt der Verjährung eingestellt. Die Freisprüche hatte Brezna in ihrem Artikel mehrfach erwähnt, sie hegte aber Zweifel an der Unschuld Rydlos. Dies müsse erlaubt sein, urteilte Richterin Schaer: «Die Medien üben eine Kontrollfunktion aus.» Wenn nur noch geschrieben werden dürfte, was hieb- und stichfest sei – «dann dürfte fast nichts mehr publiziert werden». Wichtig sei, so Schaer, dass die Journalisten sorgfältig arbeiteten. Dies attestierte sie Brezna rundum: Die Vorwürfe seien durch viele glaubwürdige Quellen wie Polizeiprotokolle, ärztliche Gutachten oder eidesstaatliche Zeugenaussagen belegt. Zudem würde Rydlos Familie die Vorwürfe bestätigen. Schaers Fazit: «Da wird nichts Unwahres geschrieben, da werden Fragen aufgeworfen.» Geschichtliche Exkurse Rydlos Anwalt Bertossa scheiterte damit mit seiner Strategie, die ganze Affäre als Verleumdungsfeldzug darzustellen, welche Rydlos Ex-Frau gegen Rydlo angezettelt habe. Gar befremdlich wirkten Bertossas Exkurse in die slowakische Geschichte: Der von Rydlo glühend verehrte Jozef Tiso sei zwar ein «übler Scherge» gewesen, aber «praktisch Gründer der Slowakei». Doch Tiso führte während des Zweiten Weltkriegs bloss einen klerikal-faschistischen Satellitenstaat von Hitlers Gnaden, der international nicht anerkannt war und 70000 Juden den Nazis zuführte. Wegen dieses Hintergrunds, so erklärte Autorin Brezna vor Gericht, sei es wichtig, dass man Rydlos Geschichte erzähle: Seine angeblich im Westen erworbene akademischen Titel würden ihm in der Slowakei Autorität und seinen Aussagen Gewicht verleihen. So werde er in TV-Debatten als Geschichtsexperte hofiert. Kanton muss bezahlen Die lange Dauer des Verfahrens hat ihren Preis: Die Anwaltskosten von Brezna und den beiden Journalisten belaufen sich auf 102000 Franken. Gemäss Schaers Richterspruch muss dies der Kanton Bern berappen. Das Urteil ist allerdings nicht rechtskräftig. Noch im Gerichtssaal kündete Rydlos Anwalt Berufung an. Adrian Zurbriggen>

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