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Samichlaus und Schmutzli auf grosser Fahrt

Wie der gütige Mann im roten Mantel auf dem Dampfzug Geschenke verteilt. Und wieso sein Gehilfe trotz allem nicht einfach ein finsterer Geselle ist.

Für einmal ist er ohne den Esel, seinen treuen Begleiter, gekommen. Und auch der Schlitten, auf dem sonst der Sack mit den vielen Geschenken für die Kinder ruht, ist im Wald zurückgeblieben. Draussen liegt halt auch kein Schnee, zudem wäre ein solches Gefährt an diesem Nachmittag wohl eher hinderlich denn hilfreich. Denn der Samichlaus hat etwas ganz Besonderes vor. Der Verein Dampfbahn Bern hat ihn auf eine Fahrt durchs vorweihnächtliche Emmental eingeladen, der nostalgische Zug steht schon bereit – einsteigen bitte! Schleppen muss der Samichlaus trotzdem nicht, denn dafür ist ja der Schmutzli da. Zusammen mit seinem Meister steht er auf dem Perron in Burgdorf bereit, dunkel ist sein grober Umhang, dunkel sein buschiger Bart und dunkel auch sein von Kohle verschmiertes Gesicht. Wie viel milder sieht neben diesem finsteren Gesellen der Samichlaus aus. Dank seinem hellen, wallenden Bart, dank seinem leuchtend roten Mantel mit den weissen Kunstfellbesätzen – ob er auch nach drei Stunden Fahrt noch so sauber sein, so gütig erscheinen wird? Die Lok hinter den beiden, eine Einheimische quasi aus dem Park der einstigen Solothurn-Moutier-Bahn, dampft und schnauft jedenfalls, was das Zeug hält, dicke Rauchschwaden hüllen den Bahnhof ein. Ein Pfiff, es geht los. Eine Rute hat der Samichlaus zwar auch mit dabei, doch fürchten müssen ihn die Kinder deswegen noch lange nicht. Das wird rasch klar, als der Zug gemütlich emmeaufwärts in Richtung Ramsei zuckelt. Sogar bei all jenen, die kein Versli wissen, lässt der bärtige Mann Nachsicht walten. «Ihr seid sicher ganz brav gewesen», pflegt er in solchen Fällen zu sagen, derweil die Angesprochenen erleichtert nicken und die Eltern geflissentlichst zustimmen. Und so hat der Samichlaus trotz allem einen Grund, in den Sack zu greifen und ein Geschenksäckli hervorzuklauben. Die Rute, sagt er einmal, würde er höchstens dem Lehrer überreichen. «Weil er mit euch kein Versli gelehrt hat.» Die Reime kommen später doch noch. Ramsei ist bereits vorbei, gemütlich gehts nach Sumiswald und weiter über das stillgelegte Gleis Huttwil zu. Nachdem die ersten Kinder noch geschwiegen haben, seis, dass der Samichlaus in der Schule eben kein Thema war, seis, dass sie aus lauter Respekt vor dem grossen, fremden Mann flugs hinter Mama oder Grossmama verschwinden, sprudeln jetzt die Wörter nur so hervor. «Samichlaus, du liebe Maa, gäu, i muess ke Ruete ha, lieber e Tafele Schoggela» Natürlich bleibt es nicht bei diesem sattsam bekannten Reim allein. Die einen erzählen ausführlich davon, wie der Samichlaus im Mai sein kleines Haus tüchtig durchlüftet, sich im Juli ein erfrischendes Bad im See gönnt und im November bäckt, bäckt und bäckt, bis im Dezember «endlich, endlich» der grosse Tag naht. Andere stimmen ein Samichlausenlied an, machen aus dem bekannten «Jingle bells» ein «Gling, gling, gling» – der Angesprochene hört geduldig zu, übergibt das obligate Säckli mit Erdnüssen, Lebkuchen, Mandarinen und Schokolade drin und verabschiedet sich gleich wieder: «Also dann, auf Wiedersehen bis zum nächsten Jahr.» Huttwil. Bevor der Zug die Rückfahrt via Langenthal antritt, sind der Samichlaus und der Schmutzli mit ihrer Arbeit schon fertig. Mehr als 50-mal haben die beiden Freude bereitet, Kinderaugen leuchten, und sogar ein paar Erwachsene halten den verdienten Lohn dafür in den Händen, dass auch sie ein Versli aufgesagt haben. Der Samichlaus ist übrigens noch so sauber und der Schmutzli noch so dunkel wie seit eh und je, wobei Letzterer den Schmutz ja gewohnt ist. «Normalerweise arbeite ich vorn auf der Lok als Heizer», verrät er, lacht herzlich – und plötzlich wird aus dem finsteren Gesellen von vorhin ein heiterer, junger Mann. Wie sehr doch ein erster, flüchtiger Eindruck täuschen kann. Stephan Künzi>

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