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Schattenschwarze Märchenwälder

BilderbücherSeit zweihundert Jahren faszinieren und polarisieren die Märchen der Brüder Grimm. Neue Bilderbücher zum Jubiläumsjahr zeigen: Der Trend geht in Richtung Kunstbuch für die ganze Familie.

«Es war 1mal 1 Kind, das glaubte nicht an Wölfe. Im Wald begegnete es 1 Tier. Platz!, befahl es. GRRR! knurrte der Wolf + verschlang es. Er glaubte nicht an Kinder.» Fertig ist das Märchen vom Rotkäppchen. Fabian Negrin erzählt es in seinem Bilderbuch «SMS Märchen» in nur 160 Zeichen – eben jener Zeichenzahl, die Mobilfunknutzern für eine Nachricht per SMS zur Verfügung steht. Verkürzte Kunstsprache Die derart verkürzte Kunstsprache hat nach der Lyrik das Märchen erreicht und scheint neue Essenzen aus ihm herauszukitzeln. Negrin liefert dreizehn freie künstlerische Interpretationen und eigens erdachte Märchen. So faszinierend wie die Kürze der Texte ist deren Zusammenspiel mit den zweifarbigen Scherenschnitt-Illustrationen. Diese schlagen eine Brücke zwischen der modernen sprachlichen Form und dem Ursprung der Märchen: Zu Lebzeiten der Brüder Grimm waren Scherenschnitt und Schattenriss als Kunsttechnik ausgesprochen beliebt. Charmante Retro-Ästhetik Sybille Schenker arbeitet in «Hänsel und Gretel» ebenfalls mit Scherenschnitten und haucht mit ihrem einzigartigen Material- und Stilmix dem alten grimmschen Text neues Leben ein. In charmanter Retro-Ästhetik kombiniert sie filigrane Zeichnungen mit schwarzen Papierschnitten und Farbflächen, die an Stoffmuster aus den 1950er-Jahren erinnern. Das fadengeheftete Buch ist ein bibliophiles Gesamtkunstwerk. Dies beginnt beim hochwertigen Pappeinband, aus dem der Titel mittels Laserschnitt ausgestanzt wurde. Es setzt sich fort im Wechselspiel zwischen normalen Seiten und solchen aus schwarz bedrucktem Transparentpapier, die Kommendes erahnen und Vergangenes nachklingen lassen und immer wieder neue Blickwinkel auf das Gezeigte und auf die Geschichte von Hänsel und Gretel freigeben. Kraftvoller Pinselstrich Die Farbe Schwarz dominiert auch Lorenzo Mattottis expressive Bilder zu «Hänsel und Gretel». Jedoch arbeitet er allein mit Pinsel und schwarzer Tusche. Mit schwungvollem Strich lässt Mattotti eine Welt entstehen, die beinahe ganz vom Dickicht des Waldes verschluckt zu werden droht. Und doch erkennt man Hänsel und Gretel, entdeckt das Hexenhaus, sieht das Knöchelchen, das Hänsel der Hexe entgegenstreckt, spürt förmlich die Hitze des hell lodernden Feuers, in das die Hexe von Gretel gestossen wird. Mattottis schwarz-weisse Bildkunst übt, wie der Märchentext selbst, eine schaurig-schöne Faszination aus. Kinder – insbesondere aber Jugendliche und Erwachsene – werden sich gerne auf die doppelseitigen Bilder einlassen, die sich mit dem Text abwechseln. Doch Mattottis Bilder wären auch ohne Text ausgekommen und hätten das beliebte Märchen allein durch ihre Kraft erzählen können. So wie Adolfo Serras textloses Bilderbuch «Rotkäppchen», das sich raffiniert von der grimmschen Vorlage löst. Der böse Wolf, Meister der Tarnung und Täuschung, ist bei Serra allgegenwärtig: Er ist Figur und Handlungsort zugleich. Das Mädchen im roten Mantel wandert auf dem Rücken des Tieres durch das baumhohe struppig-schwarze Fell zum Haus der Grossmutter, und der Wolf verliert dabei Rotkäppchen niemals aus seinen glühend gelben Augen. Ein kunstvolles Bilderbuch, das klug vermeintlich Bekanntes mit Neuem verbindet. Marlene Zöhrer ;Fabian Negrin SMS Märchen. Grimm & Co. in 160 Zeichen. Mixtvision 2012. Brüder Grimm/Sybille Schenker. Hänsel & Gretel. Minedition 2011. Jacob und Wilhelm Grimm/Lorenzo Mattotti: Hänsel & Gretel. Carlsen 2011. Adolfo Serra: Rotkäppchen. Aracari 2012.>

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