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Schweizerisch-russisches Märchen

Beim 3:1-Erfolg im WM-Auftaktspiel gegen Lettland hat Torhüter Martin Gerber ein beachtliches Comeback gegeben. Der 35-jährige Emmentaler stand erstmals seit fünf Monaten wieder in einem Ernstkampf im Einsatz.

Es ist eine Geschichte, die genug Stoff für ein russisches (Sportler-)Märchen böte – mit einer Schweizer Figur in der Hauptrolle: Im Sommer 2009 wechselt Martin Gerber zum Moskauer Vorortverein Atlant Mytischtschi in die russische KHL-Liga. Am 13.Dezember prallt der Torhüter im Heimspiel gegen Witjas Tschechow in der 35.Minute mit Gegenspieler Alexander Romanow frontal zusammen. Zwei Dornfortsätze an den Halswirbeln brechen, die Halswirbelbänder reissen. Zudem spürt Gerber aufgrund verletzter Nervenstränge während Wochen seinen rechten Arm kaum mehr. Die sportliche Laufbahn des Emmentalers ist gefährdet, dessen vollständige Genesung steht in den folgenden Monaten im Zentrum. Am 5.April schliesslich steht Martin Gerber erstmals wieder auf dem Eis – dank eines von Nationaltrainer Sean Simpson gewährten Gastrechts kann der Goalie im Kreis der helvetischen Auswahl Spielpraxis sammeln. Gerber nähert sich sanft dem einstigen Niveau an, er prüft Kondition, Reflexe, Koordination – ohne dabei Ambitionen hinsichtlich der WM-Teilnahme (zumindest öffentlich) zu äussern. Am 8.Mai, fünf Monate nach den erlittenen Halswirbelverletzungen, steht Martin Gerber beim WM-Auftaktspiel gegen Lettland im Schweizer Tor – und trägt mit einer mehr als soliden Leistung seinen Teil zum wichtigen Sieg (3:1) gegen Lettland bei. Auch gegen Italien im Tor «Wieder einmal einen Ernstkampf zu erleben, das tat gut», sagte Martin Gerber nach dem Spiel und wischte sich den Schweiss von der Stirn. «Wir nahmen Lettland mit unserer frühen Führung den Wind aus den Segeln. Der Start ins Turnier ist geglückt.» Als Gerber Anfang April in Olten aufs Eis zurückgekehrt war, hätte er einen WM-Einsatz nicht als realistisch betrachtet, meinte er rückblickend. «Ich habe nicht damit gerechnet und auch keine Ansprüche gestellt. Dass ich nun dabei sein kann, ist umso schöner.» Nach einem Gespräch mit seinem Torhüter im Anschluss an das Auftaktspiel legte sich Trainer Sean Simpson bereits gestern fest, Gerber auch im heutigen Spiel gegen Italien den Vorzug gegenüber Tobias Stephan zu geben. «Gerber ist für das Team nicht nur als Spieler, sondern auch als Leaderfigur sehr wichtig. Wir schauen von Tag zu Tag, wie es ihm geht. Schliesslich war er lange verletzt», sagte Simpson und ergänzte mit Blick auf die vergangenen vier Wochen: «Ehrlich, ich hatte nicht mit ihm gerechnet. Seine Fortschritte waren und sind aber enorm. Ich bin über diese Entwicklung ebenso glücklich wie überrascht.» Die WM als «Schaufenster» Gerber selbst ist sich bewusst, dass eine gute Darbietung allein selbst im Mai noch keinen Frühling macht. «Mit meiner Leistung bin ich zufrieden, aber noch ist natürlich nicht alles im Fluss.» Nach Monaten der Therapie ist die WM-Teilnahme für den Emmentaler aus zweierlei Hinsicht von grosser Wichtigkeit: Erstens werde er nicht jünger, weshalb jede Teilnahme an Titelkämpfen dieser Grössenordnung «ein tolles Erlebnis und ein Privileg» sei. Zudem sind die Partien in Mannheim – und eventuell nach der Zwischenrunde in Köln – für den Torhüter ein willkommenes Schaufenster: Sein Vertrag bei Atlant Mytischtschi lief Ende April aus, und der 35-jährige Gerber würde seine Karriere gerne noch ein, zwei Jahre im Ausland (vorzugsweise in Nordamerika, Russland oder Schweden) fortsetzen. «Wir werden sehen, was sich ergibt. Vorerst zählt für mich nur die WM», erklärte Martin Gerber. Dessen ehemaliger Verein foutiert sich im Übrigen aus versicherungstechnischen Gründen (noch) um die Zahlung der letzten fälligen Salärtranche. «Wir werden da sicher eine Lösung finden», sagte Gerber mit unaufgeregter Stimme und schmunzelte. Er war in den vergangenen Wochen fürwahr mit wesentlich grösseren Problemen konfrontiert gewesen. Reto Kirchhofer, Mannheim >

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