Schwer zu haben, leicht zu gewinnen

Saanen

Geigerin Hilary Hahn trat erstmals am Gstaad Menuhin Festival auf. Und hat es mit ihrer Spielfreude bereichert. Dazu sang die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen Bach-Choräle.

Die Amerikanerin Hilary Hahn trat erstmals am Gstaad Menuhin Festival auf. Die Geigerin zeigte unmissverständlich, warum sie eine grosse Spezialistin für Johann Sebastian Bach ist.

Die Amerikanerin Hilary Hahn trat erstmals am Gstaad Menuhin Festival auf. Die Geigerin zeigte unmissverständlich, warum sie eine grosse Spezialistin für Johann Sebastian Bach ist.

(Bild: PD/Raphael Faux)

Svend Peternell

Es war gar nicht leicht, sie ans Gstaad Menuhin Festival zu bekommen. «In den Sommermonaten pausiert sie normalerweise. Sie kommt fast nie nach Europa. Und ein Jahr nach unserem Festival will sie ein Sabbatical einlegen.» Für Festival-Intendant Christoph Müller ist es «eine exklusive Geschichte», dass Hilary Hahn den Weg über den grossen Teich in die Kirche Saanen ans allmählich zu Ende gehende Festival doch noch gefunden hat.

Wer das Glück hatte, die 39-jährige US-Geigerin am Donnerstagabend spielen zu hören und zu sehen, konnte über diesen Gewinn fürs Festival nur strahlend nicken: Wie sie die beiden Violinkonzerte in E-Dur (BWV 1042) und a-Moll (BWV 1041) von Johann Sebastian Bach mit Leichtigkeit und Verve, Dynamik und Zugkraft gestaltete, dabei vielschichtig blieb und die klanglichen Tiefen auslotete. Das zog die Besucherinnen und Besucher in der mit 700 Plätzen nahezu gefüllten Mauritius-Kirche - durch Aufnahmen des TV-Senders Arte stark aufgehellt - von Anfang an in den Bann.

Klasse und Sympathie

Hahn, unaffektiert und natürlich im Auftreten, präsentierte sich als ausgewiesene Bach-Kennerin, die mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen einen befruchtenden Austausch pflegte. Sie legte ihren Solopart für Barockverhältnisse erfrischend direkt aus, gab sich aber letztlich als souveräne Playerin für die Gesamtwirkung im Sinne des Komponisten. Das heisst: Ihre herrlichen Solo-Episoden im Wechselspiel mit den Orchesterritornellen (Tutti) der Bremer ergaben bei aller solistischer Brillanz ein rundes Gleichgewicht. Die dreifache Grammy Award Gewinnerin hat dem Festival eine eindrückliche Visitenkarte hinterlassen und viele Sympathien gewonnen.

Ein Orchester, das singt

Gar eine Premiere auf Schweizer Boden brachte das vor allem in den Streicherregistern sehr ausgewiesene Kammerorchester aus Bremen (letztes Mal vor rund zehn Jahren am Festival) ins Saanenland. «Wir singen vier Choräle von Bach - aber ohne Text. Wir summen die Choräle eigentlich mehr», erklärte Hans Otto, der Artistic Manager des Ensembles, vor Beginn in einem kurzen Gespräch neben der Kirche. «Wir haben das erstmals in Deutschland im Kloster Eberbach im Weingau ausprobiert - und es kam gut an.» Tatsächlich: Unter der Leitung von Omer Meir Wellber am Cembalo gaben die Instrumentalistinnen und Instrumentalisten eine gelungene Kostprobe ihres gesanglichen Flairs ab.

Überbordender Schubert

Für Franz Schuberts 4. Sinfonie brauchte es den Gesamtbestand des rund 50-köpfigen Ensembles, das sich der Befeuerung unter der schwärmerisch-ausholenden Gestik ihres israelischen Dirigenten verschrieb. Omer Meir Wellber (der sich in der Oblivion-Zugabe von PIazzolla auch noch Bandoneon-versiert zeigte) sortierte unermüdlich die Tonbilder und investierte in die Klangschichtungen.

Die Deutsche Kammerphilharmonie Bremen unter Omer Meir Wellber hielt seine Streicherqualitäten hoch. Es überzeugte dabei mehr bei Bach als beim unbändigen Schubert. Bild: PD/Raphael Faux

Er holte so manch Beachtliches, gar Subtiles in den Piano-Regungen heraus, machte in den dramatisch-dunklen Aufwallungen dieser «Tragischen» aber bisweilen zu sehr auf Tutti, was zu dröhnendem Übermut, gar dickem Auftragen und klanglichen Verwischungen führte. Hier wäre mehr Zurücknahme der Bläser - insbesondere der Blechbesetzung - von Vorteil gewesen. Womit gesagt ist: Bach klang vielschichtiger als Schubert. Dank den Streicherqualitäten. Und dank der unwiderstehlich-facettenreichen Hilary Hahn.

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt