Zum Hauptinhalt springen

Neues Leben im Grossen Moos

Das Grosse Moos ist die grösste Ebene der Schweiz. Eine Reise in die Vergangenheit zeigt, wie aus einem Sumpfgebiet die Gemüsekammer der Schweiz wurde und wie Leben in das Grosse Moos zurückkehrt.

Die Stiftung Biotopverbund schafft in Zusammenarbeit mit den Landbesitzern im Grossen Moos immer wieder neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen.
Die Stiftung Biotopverbund schafft in Zusammenarbeit mit den Landbesitzern im Grossen Moos immer wieder neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen.
zvg

Wo einst Überschwemmungen, Sumpf und Malariamücken den Menschen das Leben schwer machten, liegt heute die Gemüsekammer der Schweiz. Das Grosse Moos, eine Fläche von rund hundert Quadratkilometern, dem Sumpf abgetrotzt, mit viel Schweiss und Mühsal urbar gemacht. Die erste Juragewässerkorrektion dauerte von 1868 bis 1885 und senkte den Bielersee ab. Ein Netz von Entwässerungskanälen half mit, das Land trockenzulegen.

Lebensraum verschwand

Doch bis das Sumpfgebiet bebaubar war, dauerte es noch Jahrzehnte. Immer wieder überschwemmten Hochwasser weite Teile des Gebietes zwischen Le Landeron, Murten und Hagneck. Erst die zweite Korrektion von 1962 bis 1973 brachte mit breiteren und tieferen Kanälen und zusätzlichen Pumpstationen den ersehnten Erfolg – für den die Natur bezahlen musste.

Lebensräume von Tieren und Pflanzen verschwanden. Dafür blühten die Gemüse- und Getreidefelder. Die Verarmung der Natur blieb jedoch nicht von allen Menschen unbemerkt. 1996 gründete eine Gruppe Naturliebhaber den Biotopverbund Grosses Moos. Mann der ersten Stunde ist Martin Johner, ehemaliger Lehrer aus Kerzers und heute Sekretär des Biotopverbunds. Johner und Albert Lüscher, seit 2006 Präsident des Verbunds, kämpfen gemeinsam für die Natur.

Die beiden sitzen im Wohnzimmer von Lüschers Bauernhaus in Vinelz und erinnern sich im internationalen Jahr der Biodiversität, wie das Leben nach und nach wieder ins Grosse Moos zurückkehrte.

Der Biotopverbund, der seit 2006 eine Stiftung ist, wendet sich mit dem Angebot an Gemeinden, Organisationen und Private, Renaturierungsprojekte fachlich und finanziell zu unterstützen. Dies ermöglichen hauptsächlich namhafte Beiträge des Fonds Landschaft Schweiz, den der Bund speist.

Es begann mit einer Hecke

Martin Johner weiss noch genau, wie das erste Projekt im freiburgischen Fräschels zu Stande kam. «Es handelte sich um eine Hecke», sagt er. Unter Aufsicht von Fachleuten pflanzten die Schüler von Fräschels in Fronarbeit Stauden und Sträucher, die heute Lebensraum, Schutz und Nahrung für Vögel und Kleinlebewesen bieten.

Der Hecke in Fräschels folgten bald grössere Projekte. Bald hier, bald da entstanden Biotope, teilweise mit offenen Wasserflächen, wo sich Tiere und Pflanzen in Ruhe ausbreiten konnten. Dafür musste aber jeweils erst ein Stück Land gefunden werden, wo Bagger Erde dafür ausheben konnten. Dieses Land gehörte entweder einer Gemeinde, dem Kanton oder Landwirten.

Die Aufgabe von Lüscher und Johner, zwischen diesen verschiedenen Interessen zu vermitteln, war und bleibt bis heute eine grosse Herausforderung. Das sagen beide übereinstimmend. Denn man kann sich vorstellen, dass die Ansichten von Naturschützern und Landwirten nicht immer übereinstimmen.

«Uns kam aber der Zeitgeist zu Hilfe», sagt Albert Lüscher. Denn ab etwa Mitte der 1990er-Jahre trafen gleich mehrere Umstände aufeinander, die ein Umdenken begünstigten: Der Bund bezahlte Direktbeiträge nur, wenn Landwirte sieben Prozent ihres Landes als Ökoflächen ausschieden. Dann kam der Bau der Umfahrungsstrasse T10 im Hinblick auf die Expo 2002. Dabei forderte der Kanton als Ersatz für die Strasse ebenfalls naturnahe Flächen. Schon zuvor seien aber im Rahmen von Güterzusammenlegungen kleinere Renaturierungsflächen und zusammenhängende Naturschutzgebiete im Grossen Moos entstanden, dies dürfe man nicht vergessen, sagt Martin Johner.

Gewinn für beide Seiten

Bald einmal fanden dann die Landwirte Gefallen an der Idee, ihre vom Bund verordneten sieben Prozent Ökoflächen zusammenzulegen. «Nämlich dort, wo es für Natur und Landwirtschaft sinnvoll ist», sagt Albert Lüscher. Davon hatten alle einen Nutzen: Nasses Land, das für die Landwirtschaft weniger geeignet war, wurde durch die Schaffung von Teichen und Tümpeln trocken und für Landwirte einfacher zu bebauen. Und die Natur erhielt ein weiteres Stück Lebensraum zurück. Eine derartige Win-win-Situation, so sind Johner und Lüscher überzeugt, sei der Garant für ein einträchtiges Nebeneinander von Landwirtschaft und Natur.

Die beiden loben nicht umsonst die gute Zusammenarbeit mit den Landwirten im Grossen Moos. Trotzdem, so sagt Lüscher, sei manch eine Diskussion nicht ohne hartes Ringen und heftige Auseinandersetzungen ausgegangen.

Vögel als Indikator

Seit der ersten Hecke in Fräschels ist die Liste der Projekte des Biotopverbunds lang geworden. Rund 120 Hektaren sind heute naturnahe Flächen. Unzählige Tier- und Pflanzenarten sind zurückgekehrt oder haben sich neu angesiedelt. Eine genaue Erfolgskontrolle gebe es bislang nicht, sagt Martin Johner, dies sei zu aufwendig und zu teuer. Als guter Bioindikator gelten aber die Vögel, und diese sind mit Hilfe von Ornithologen und einem Monitoring der Vogelwarte Sempach im Grossen Moos gut dokumentiert: In der «Chrümmi», dem sieben Hektar umfassenden renaturierten Gebiet bei Kerzers, zählte die Vogelwarte letztes Jahr 157 Krickenten, 85 Turmfalken, 23 Uferschnepfen, 103 Feldlerchen und 23 Blaukehlchen.

Artenschwund gebremst

Dies sind nur einige wenige Beispiele von Vogelarten, von denen einige Jahre zuvor nur noch wenige Exemplare gesichtet wurden. Lüscher und Johner sind jedoch weit davon entfernt, sich zurücklehnen zu können. Es wartet noch viel Arbeit. Und noch grössere Projekte.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch